Mittwoch, 27. September 2017

Brasilien nimmt Bergbaufreigabe zurück


ORF, 26.9.2017
Erfolgreiche Proteste von Umweltschützern
Im August dieses Jahres hat der brasilianische Präsident Michel Temer ein Dekret unterschrieben, das Regenwaldreservat Reserva Nacional do Cobre e Associados (RENCA) für den Goldabbau zu öffnen. Nach scharfen Protesten nimmt die Regierung die umstrittene Verordnung nun zurück, wie die Behörden am Montag (Ortszeit) mitteilten. Am Dienstag soll ein neues Dekret zum Schutz des Regenwaldes veröffentlicht werden.

Die Regierung setzte das Dekret zwar vorerst aus, kündigte aber an, es zu einem späteren Zeitpunkt weiter diskutieren zu wollen. „Brasilien muss wachsen und Arbeitsplätze schaffen, Bergbauinvestitionen anlocken und das ökonomische Potenzial der Gegend nutzen“, so das Ministerium für Bergbau und Energie am Montag in einem Statement.
Naturschutzgebiet soll erhalten bleiben

Bedroht war ein Naturreservat in der Fläche von Dänemark, berichtete kürzlich der Buchautor Chris Feliciano Arnold in der „New York Times“ („NYT“). Das etwa 46.100 Quadratkilometer große Schutzgebiet RENCA erstreckt sich über die brasilianischen Bundesstaaten Para und Amapa. Während der Militärdiktatur war es als geschlossenes Terrain ausgewiesen, das andere Länder davor hindern sollte, Bodenschätze auszubeuten. Heute ist es ein Naturschutzgebiet, das laut dem lokalen Forschungsinstitut IPAM nicht nur die höchste Dichte an Säugetieren beherbergt, sondern in dem auch indigene Völker leben.

„Kein Paradies“: Kriminelle Schürfer im Regenwald
Temers Rechtfertigung für den industriellen Bergbau war, illegalen Holzfällern und Goldgräbern Einhalt zu gebieten. Diese würden „den Reichtum der Nation plündern“ und das Wasser mit Quecksilber verseuchen, so der brasilianische Präsident noch vor Kurzem - es handle sich um „kein Paradies“. Im Zuge des RENCA-Erlasses schlug er außerdem vor, die Einhaltung von Umweltstandards den Bergbauunternehmen selbst zu überlassen - und die Regierung damit zu entlasten.

Doch großräumige Bergbauvorhaben im Amazonas-Regenwald, ob legal oder illegal, würden immer ein hohes Risiko mit sich bringen, so Buchautor Arnold, und zwar nicht nur durch den Abbau von Rohstoffen selbst: Zusätzlich werden Straßen, Schienen und Staudämme gebaut - und dafür Regenwald abgeholzt. Diese „Nebenprojekte“ würden Trinkwasser verschmutzen und den Lebensraum für Flora, Fauna und Mensch zerstören, kritisierten Umweltschützer.

Weitere Dekrete für Bauprojekte noch aufrecht
Unterstützt wurden dieses Argumente kürzlich auch von Bundesrichter Rolando Valcir Spanholo. Er hatte der Öffnung des Reservats einen Riegel vorgeschoben und das ursprüngliche Dekret somit erst einmal ausgesetzt. Eine solche Verordnung brauche die Zustimmung des Nationalkongresses, urteilte Spanholo, was die Hoffnung vieler Regenwaldschützer wachsen ließ.

Doch der RENCA-Beschluss ist nicht der einzige seiner Art. Derzeit liegen den brasilianischen Behörden noch weitere drei Gesetzesentwürfe zur Nutzung des Amazonas-Gebiets vor, laut denen innerhalb der nächsten acht Jahre insgesamt fünf Millionen Hektar geschütztes Regenwaldareal erschlossen werden sollen, so die „NYT“. Ein anderes Dekret sehe etwa vor, ein Gebiet in der Fläche von Alaska auswärtigen Bergbauinvestitionen zu überlassen. Es bleibt unklar, ob sich die Zurückweisung des RENCA-Dekrets auch auf andere Regenwaldgebiete in Brasilien bezieht.

„Kein Anführer ist immun gegen öffentlichen Druck“
Nationale und internationale Umweltschützer stellten sich vehement gegen die Vorhaben zu RENCA und zeigten sich jetzt vorsichtig optimistisch. „Sollte das neue Dekret umgesetzt werden - egal wie schlecht auch immer -, so zeigt die Aussetzung der Verordnung, dass kein Anführer komplett immun gegen öffentlichen Druck ist“, so Marcio Astrini, Greenpeace-Koordinator. „Es ist ein Sieg der Gesellschaft über jene, die unseren Wald zerstören und verkaufen wollen.“

Der Oppositionelle Senator aus Amapa nannte die alte Verordnung gar „die größte Attacke auf das Amazonas-Gebiet seit 50 Jahren“. Kritisiert wurde außerdem, dass Temer indirekt von den Brasilianern gefordert hatte, ihre Geschichte zu vergessen und auf das Geld zu vertrauen, das der Bergbau in die Gegend bringen sollte. Doch die Brasilianer hatten genügend Gründe, diesen Argumenten wenig Glauben zu schenken - zu groß war die Gefahr für Mensch und Umwelt erst im Jahr 2015, als ein Damm in Bento Rodrigues brach und eine der weltweit größten Umweltkatastrophen anrichtete.

Dabei gelangte durch den Bruch eines Rückhaltebeckens der Eisenerzmine 32 Millionen Kubikmeter toxischer Schlamm bis in den Atlantischen Ozean. 17 Menschen starben, und mehrere Hunderttausend wurden von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten. Experten zufolge wird es mindestens 100 Jahre dauern, bis die Rückstände der Giftstoffe verschwinden werden.

Odyssee der gescheiterten Bauprojekte
Die Geschichte der Katastrophen und behördlichen Irreführungen des brasilianischen Bergbaus ist lang: In den 1970ern wurde mit der Transamazonika-Autobahn ein über 4.000 Kilometer langes Bauprojekt mitten durch das Amazonas-Becken gestartet, das lange noch nicht abgeschlossen ist. Es sollte die Atlantik- mit der Pazifikküste auf Höhe des Äquators miteinander verbinden, besteht derzeit aber größtenteils aus nicht asphaltierten Straßen.

Über Jahrzehnte wurde von der Regierung versprochen, unentdecktes Binnenland für Besiedelung zu öffnen - vor allem mussten dafür aber Tausende indigene Bewohner ihren Lebensraum oder sogar ihr Leben lassen. Ein beispielloser Fall, der von einem Bundesstaatsanwalt sogar als Ethnozid bezeichnet wurde, ist jener des Wasserkraftwerks Belo Monte - immer noch in Bau seit der Zeit des Militärregimes. Das Megaprojekt sollte Strom für den Bergbau liefern, verdrängte aber Tausende Menschen in die Überschwemmungsgebiete des Amazonas. Indigene Völker protestierten über Jahre, die Regierung versuchte sie durch schlecht organisierte Hilfsprogramme ruhigzustellen.

Mächtige Temer-Lobby schützt ihren Präsidenten
Und neben riesiger staatlicher Bauprojekte im brasilianischen Regenwald gibt es da auch noch die Fehden um Land, die Großgrundbesitzer untereinander führen. Eine mächtige Lobby an Ranchern, Holzfällern, Baulöwen und Lokalpolitikern bekämpft sich gegenseitig und beutet Arbeiter aus, die nicht zuletzt auch oft selbst ihres Landes beraubt wurden, kritisierte Arnold. Diese vermögende Clique an Eignern bilde sich aus genau jenen Menschen, die Temer vor einem Korruptionsskandal schützen würden. Es bleibt also abzuwarten, ob das neue Dekret zum Schutz des Regenwaldes von Dauer sein wird.


Agência Brasil, 26/09/2017
Decreto que revoga a extinção da Renca é publicado no Diário Oficial
O Decreto nº 9.159, que revoga outro decreto, o de número 9.147, de 28 de agosto de 2017, que extinguiu a Reserva Nacional do Cobre e Associados (Renca), está publicada no Diário Oficial da União desta terça-feira (26). Ele foi assinada ontem (25) pelo presidente Michel Temer. A decisão de extinguir a Renca foi questionada por ambientalistas, artistas e repercutiu na mídia internacional.


Ministério de Minas e Energia, 25/09/2017
Governo revoga decreto que extingue a Renca
O Ministério de Minas e Energia (MME) comunica que encaminhou ao Palácio do Planalto solicitação para que o governo examinasse a revogação da medida que extinguiu a Reserva Nacional de Cobre e Associados (Renca). A Casa Civil da Presidência da República informou ao MME que vai adotar a medida com a edição de um novo Decreto a ser publicado na edição desta terça-feira, 26, no Diário Oficial da União.

The New York Times, 18.9.2017
In the Amazon, a Catastrophic Gold Rush Looms
Brazil’s interim president, Michel Temer, is willing to sacrifice millions of acres of rain forest in pursuit of a 16th-century boondoggle: fortunes of gold in the Amazon.

Dienstag, 26. September 2017

Bischof Kräutler fordert mehr Solidarität mit Amazonas-Katholiken


Erzdiözese Wien, 29.5.2017
Bischof Kräutler fordert mehr Solidarität mit Amazonas-Katholiken

Mehr Solidarität mit den Katholiken im Amazonas wünscht sich Bischof Erwin Kräutler von den österreichischen Bischöfen wie auch von der weltweiten katholischen Kirche. Papst Franziskus habe alle Bischöfe dazu aufgerufen, über neue Formen der Zulassung zum Weihepriestertum nachzudenken. Und das sei dringender denn je, so Kräutler mit Blick auf die Amazonas-Diözese Xingu, wo es einen "unvorstellbaren" Priestermangel gebe. Kräutler äußerte sich im "Kathpress"-Interview am Rande der 20. Globart Academy in Krems, die am Wochenende zu Ende gegangen ist.

Nur viermal im Jahr Eucharistie
Wie der Bischof berichtete, gebe es in der Diözese Xingu, die rund vier Mal so groß ist wie Österreich, für 800 Gemeinden gerade einmal 30 Priester. 70 Prozent der Gläubigen könnten höchstens vier Mal im Jahr die Eucharistie feiern. "Und da müssen einfach die Alarmglocken läuten", so Kräutler. Den Menschen im Amazonasgebiet gehe deshalb auch vielfach das Verständnis für die Eucharistie verloren, warnte der Bischof. Und damit würden auch die Grenzen zu den vielen evangelikalen Gruppen im Land verschwimmen, die viel Zulauf hätten.

Das Zustandekommen einer Eucharistiefeier dürfe nicht davon abhängen, ob ein zölibatär lebender Priester vorhanden sei, zeigte sich Kräutler überzeugt. Eine Konferenz der Bischöfe von Amazonien im vergangenen November habe sich bereits diesbezüglich klar ausgesprochen. Mehr Rückhalt aus anderen Kontinenten dafür - "und damit meine ich auch Europa" - wäre notwendig. Auch die österreichischen Bischöfe sollten - aus Solidarität mit Amazonien - mutige Schritte setzen, so der emeritierte Bischof von Xingu, der zugleich festhielt, dass der Wert des Zölibats damit in keiner Weise in Frage gestellt werde.

Verfolgt von der Mafia
Bischof Kräutler sprach bei der Globart Academy im Kremser Kloster zum Thema "Haltung in haltlosen Zeiten". Er kam dabei u.a. auch darauf zu sprechen, dass er selbst immer wieder wegen seines Einsatzes für Arme und Unterdrückte verfolgt wurde und wird. "Es gibt Typen, ich sage Mafiosi, die wollen einfach ihren Reichtum vergrößern. Dabei sind sie skrupellos und gehen über Leichen. Mit denen kann man nicht auf freundschaftlicher Basis reden, die hassen mich." So der Bischof, der seit elf Jahren sein Bischofshaus nicht mehr ohne Personenschutz verlassen kann. Bei einer Messe im Freien habe er gar eine kugelsichere Weste tragen müssen.

Kräutler: "Wenn ich mich so einsetze, dass es mir Probleme macht und ich mit dem Tod bedroht werde, dann braucht man einen Grund dazu: Warum mache ich das? Aus welchen Quellen schöpfe ich?" In solchen Situationen, wo man selbst an Leib und Leben bedroht werde, brauche man einen Halt, "und den finde ich im Evangelium". Vor allem auch das Gebet und hier wieder der Rosenkranz seien ihm eine wichtige Stütze.

Der Bischof betonte zudem die Bedeutung der Mystik: "Mystik ist frei werden, still werden vor Gott." Von daher komme auch seine Inspiration. Er danke Gott dafür, dass er ihm die Courage gebe, im richtigen Moment das Richtige zu sagen, wo immer das notwendig sei.

Es sei ihm jedenfalls unmöglich zu schweigen, so Kräutler - etwa, wenn hunderte Familien wie beim Bau des Kraftwerks Belo Monte die Lebensgrundlage entzogen wird oder indigenen Völker bei der aktuell geplanten Auflösung des Naturschutzgebietes "Renca" zwangsumgesiedelt werden.

Kräutler war von 1981 bis 2015 Bischof von Xingu, der flächenmäßig größte Diözese Brasiliens mitten im Amazonasgebiet. Der emeritierte Bischof wohnt, wenn er nicht gerade im Ausland unterwegs ist, mit seinem Nachfolger Joao Muniz Alves im gleichen Bischofshaus und ist weiter vielfältig aktiv.


Interview-Audio: "Kann nicht schweigen, wenn ein Projekt hunderten Familien die Lebensgrundlage nimmt"


Radio Vatikan, 26.9.2017
Brasilien: Über neue Weihemöglichkeit nachdenken
Mehr Solidarität mit den Katholiken im Amazonas wünscht sich der aus Österreich stammende Bischof Erwin Kräutler von der weltweiten katholischen Kirche. Mehr Solidarität bedeutet nicht nur „Geld schicken“, sondern auch pastorale Möglichkeiten anbieten, damit die Gläubigen in dem betroffenen Gebiet mit der Kirche verbunden bleiben, betont der Bischof. Eine Möglichkeit: neue Formen der Zulassung zum Weihepriestertum, damit das leidige Problem mit den Seelsorgern in einem Riesengebiet wie der Amazonas angegangen werden kann.

Donnerstag, 21. September 2017

Bischof Kräutler spricht in Krems über "Haltung in haltlosen Zeiten"


22. September 2017, 20:00
Ort: "Kloster UND", Unistraße 6, 3504 Krems/Stein
Mensch. Macht. Mut.
Ein Gespräch über Haltung in haltlosen Zeiten
Erwin KRÄUTLER und Sonja PANTHER


Diözese St. Pölten
Bischof Kräutler spricht über "Haltung in haltlosen Zeiten"
Krems, 19.09.2017 (dsp) "Ordnung und Unordnung" lautet das Motto der heuer zum 20. Mal stattfindenden "GLOBART Academy" von 21. bis 23. September in Krems. Als eines der Highlights der Veranstaltung ist ein Gespräch mit Erwin Kräutler angekündigt, dem ehemaligen Bischof der brasilianischen Diözese Xingu; er spricht über "Haltung in haltlosen Zeiten".


ORF, 20.9.2017
Unordnung und Ordnung bei GLOBART
Beim 20-jährigen Bestehen wird im Rahmen der GLOBART Academy von 21. bis 23. September in Krems über das Thema „UNOrdnung“ diskutiert. Den GLOBART Award erhält in diesem Jahr der US-Ökonom Jeffrey Sachs.


GLOBART

Dienstag, 5. September 2017

Bischof Kräutler: Protestnote gegen das Bergbaudekret


Präsident Michel Temer hatte am 22.8. das Amazonasschutzgebiet RENCA mit einem Präsidialerlass aufgelöst und für Bergbaufirmen freigegeben. Das führte bei Umweltschützern und auch bei der katholischen Kirche Brasiliens zu heftigen Protesten.

Das panamazonische Kirchennetzwerk REPAM und die bischöfliche Kommission für Amazonien, dessen Präsident Cláudio Kardinal Hummes und dessen Sekretär Bischof Erwin Kräutler sind, veröffentlichten am 28.8.2017 eine Protestnote gegen den Präsidialerlass und dürften damit wesentlich zu dessen Aufhebung beigetragen haben.

Hier eine von Bischof Kräutler authorisierte Übersetzung der Dreikönigsaktion:


Brasília, 28. August 2017

Protestnote gegen den Präsidialerlass zu Aufhebung des Naturschutzgebietes
Reserva Nacional do Cobre e Associados (RENCA)

Wir hören den Schrei der Erde und der Armen

Das länderübergreifende Pan-amazonische Kirchennetzwerk REPAM (Rede Eclesial Pan-Amazônica) – verbunden mit der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz CELAM (Conselho Episcopal Latino-Americano e do Caribe) und in Brasilien eine Einrichtung der Bischofskonferenz CNBB (Conferência Nacional dos Bispos do Brasil) - tritt gemeinsam mit der bischöflichen Kommission für Amazonien, mit der sie über ein gemeinsames Präsidiums verbunden ist, und vereint mit der katholischen Kirche Pan-Amazoniens sowie der brasilianischen Gesellschaft – insbesondere mit den indigenen Völkern der Terras Indígenas Waãpi und Rio Paru D’Este – an die Öffentlichkeit und verurteilt die undemokratische Ankündigung eines höchst zerstörerischen Präsidialerlasses zur Aufhebung des Naturschutzgebietes Reserva Nacional de Cobre e seus Associados (RENCA) vom 23.8.2017 aufs Schärfste.

RENCA ist ein Schutzgebiet in Amazonien, das mit 46.450 km2 der Fläche des Staates Dänemark entspricht. Die Region umfasst neun Schutzgebiete, von denen drei umfassend geschützt sind: der Nationalpark von Montanhas do Tumucumaque, die staatlichen Waldschutzgebiete von Paru und Amapá; das Öko-Reservat von Maicuru, und die Öko-Station von Jari, das Bergbau-Schutzgebiet von Rio Cajari, sowie das Reservat für nachhaltige Entwicklung des Rio Iratapuru sowie die indigenen Territorien von Waiãpi und Rio Paru d`Este. Diese Gebiete für den Abbau von Kuper, Gold, Diamanten, Eisen, Niob u. a. m. zu öffnen, wird die Entwaldung, den unwiederbringlichen Verlust an Biodiversität sowie negative Auswirkungen für die Bevölkerung der Region vorantreiben.

Das Dekret zur Aufhebung von RENCA missachtet die brasilianische Demokratie, da die Regierung - in der Absicht neue Investitionen ins Land zu holen - ausschließlich die an der Ausbeutung der Region interessierten Unternehmen angehört hat. Es wurde keinerlei Konsultation der indigenen Völker und traditionellen Gemeinschaften durchgeführt, wie dies die brasilianische Bundesverfassung von 1988 in Artikel 231 sowie die Konvention 169 der ILO (International Labour Organization) fordern. Die Regierung gibt schlichtweg den großen Minenunternehmen, die seit Jahren die Aufhebung verlangen, sowie dem Druck parlamentarischer Gruppen, die eng mit dem Bergbausektor verbunden sind und der auch ihre Wahlkämpfe finanziert hat, nach.

Im krassen Gegensatz zu den schriftlichen Beteuerungen der Regierung wird es mit der Öffnung der Region für den Bergbau keinerlei Garantien mehr für den Schutz des tropischen Regenwalds, der Naturschutzgebiete und noch viel weniger der indigenen Territorien geben. Letztere werden direkt und auf gewaltsame und unumkehrbare Weise betroffen sein. Man muss sich bloß die Spuren der Verwüstung ansehen, die brasilianische und ausländische Minengesellschaften in Amazonien in den letzten Jahrzehnten hinterlassen haben: Entwaldung, Umweltverschmutzung, Beanspruchung von Wasserressourcen durch den hohen Wasserbrauch von Bergbauoperationen sowie deren Verschmutzung durch Chemikalien, Anstieg von Kriminalität, Drogenmissbrauch und Prostitution, Verschärfung von Landkonflikten, unkontrollierte Aggression gegen die Kulturen und Lebensweisen der indigenen und traditionellen Gemeinschaften, große Steuererleichterungen bei gleichzeitig minimalen Leistungen für die Bevölkerung in der Region.

Unabschätzbare ökologische und soziale Risiken bedrohen die „an biologischer Vielfalt überreiche[] Lunge[] des Planeten“ (LS38) Amazonien, wie uns Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato Si‘ erinnert. Er warnt des weiteren, dass Vorschläge existierten, „das Amazonasgebiet zu internationalisieren: Solche Ideen nützen einzig und allein den ökonomischen Interessen der transnationalen Unternehmen“ (LS38), so der Papst. Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft und dem Diktat eines technokratischen Effizienz-Paradigmas unterwerfen. Die Priorität muss vielmehr stets das Leben, die Menschenwürde und die Sorge um das gemeinsame Haus, die Mutter Erde, sein. Am 9. Juli 2015 in Santa Cruz de la Sierra, Bolivien sagte Papst Franziskus sehr deutlich: „Sagen wir Nein zu einer Wirtschaft des Ausschlusses und der Ungerechtigkeit, in der das Geld regiert anstatt zu dienen. Eine solche Wirtschaft tötet. Eine solche Wirtschaft grenzt aus. Eine solche Wirtschaft zerstört die Mutter Erde“.

In der Enzyklika Laudato Si’ warnt Papst Franziskus weiters vor dem „Drama der auf unmittelbare Ergebnisse ausgerichteten politischen Planung“. Dieses „führt zu der Notwendigkeit, kurzfristig Wachstum zu erzeugen.“ (LS 178)

Vielmehr müssen für ihn die Einwohner vor Ort „einen privilegierten Platz in der Diskussion […] haben, die sich fragen, was sie für sich und für ihre Kinder wollen, und die auch Ziele in Betracht ziehen können, die das unmittelbare wirtschaftliche Interesse übersteigen.” (LS 183).

Die Aufhebung von RENCA stellt eine politische Bedrohung für ganz Brasilien dar. Sie erhöht den Druck auf die indigenen Territorien und Naturschutzgebiete und öffnet die Tür für die Flexibilisierung weiterer Bestimmungen, etwa der Genehmigung von Bergbauoperationen in indigenen Territorien, die im derzeitigen Bergbaugesetz untersagt ist.

Deshalb schließen wir uns den lokalen Diözesen von Amapá und von Santarém sowie den Umweltschützer/innen und dem Teil der Gesellschaft an, der über - auch von den Unterzeichner/innen dieses Schreibens unterstützten - Petitionen in den sozialen Netzwerken den sofortigen Stopp des Präsidialerlasses zu Aufhebung des Naturschutzgebietes fordern.

Wir rufen die Damen und Herren Parlamentsabgeordneten auf, Amazonien zu schützen und zu verhindern, dass Bergbauoperationen ein weiteres großes Naturerbe zerstören.

Wir werden nie resignieren angesichts der Zerstörung des Menschen und seiner Mitwelt! Vereinen wir unsere Kräfte für das Leben der Völker, die im Biom Amazoniens leben. Die Zukunft der kommenden Generationen liegt in unseren Händen!

Gott möge uns in der Tiefe unserer Herzen ermutigen, uns erleuchten und stärken auf der Suche der so sehr ersehnten neue Erde, in der die Gerechtigkeit wohnt.

Bischof Cláudio Kardinal Hummes OFM
Präsident der REPAM und der bischöflichen Kommission für Amazonien

Bischof Erwin Kräutler CPPS
Präsident von REPAM Brasilien und Sekretär der bischöflichen Kommission für Amazonien


Die deutsche Protestnote als PDF

Die Protestnote im portugiesischen Original:
CNBB, 28.8.2017
“Extinção da Renca vilipendia democracia brasileira”, afirmam bispos da Repam em nota

Freitag, 1. September 2017

Papst Franziskus reagiert auf offenen Brief zum Murkraftwerk


murXkraftwerk.at, 31.8.2017
Offener Brief Murkraftwerk:
Papst Franziskus ermutigt zum Einsatz für die Natur und die Menschen


(Graz, 31. August 2017) Vor Wochen hat die vom Katholischen Pressverein gegründete „Kleine Zeitung“ auf einen offenen Brief an Papst Franziskus betreffend den Bau des Grazer Murkraftwerks mit einer geradezu propagandistischen Verhöhnung reagiert. Mit der reisserischen Headline „Jetzt soll der Papst das Grazer Murkraftwerk verhindern“ wurden - unserer Ansicht nach - auf geradezu unchristliche Art engagierte Menschen vorgeführt und lächerlich gemacht.

Umso mehr freut sich nun Karin Rausch, die Initiatorin der Petition, dass der Papst über das Staatssekretariat aus dem Vatikan direkt geantwortet hat. Die Zeilen des Papstes lesen sich ermutigend für alle die sich trotz der vehementen, teilweise brutalen Art von Medien und Politik weiter für den Schutz von Natur, Stadt und Menschen einsetzen. So tut es gut, dass „Ihre Ausführungen wurden aufmerksam zur Kenntnis genommen“ wurden.

Der Papst bestätigt, dass die Achtsamkeit mit dem Umgang der Natur sehr wohl seine Berechtigung hat:
„Doch der Preis für die Schäden, die durch die egoistische Fahrlässigkeit verursacht werden, ist sehr viel höher als der wirtschaftliche Vorteil, den man erzielen kann“ (Nrn. 35 und 36).“
All jenen Menschen die dieser Petition entsprechend mitfiebern, lässt Papst Franziskus zum Schluss ausrichten:
„In der Hoffnung, dass immer mehr Menschen erfahren, wie befreiend die Genügsamkeit ist, die unbefangen und bewusst im Einklang mit der Natur gelebt wird (Laudato si‘, Nr. 223), erbittet Papst Franziskus Ihnen und allen, die Ihnen nahestehen, von Herzen Gottes Schutz und Segen.“
Während sich in Österreich angerufene Autoritäten wie Bundespräsident Alexander Van der Bellen oder der Steirische Bischof nur hinter Ausflüchten verstecken und jegliche inhaltliche Position zur Naturzerstörung im Namen des Götzen Wirtschaftswachstum vermeiden, stellt sich Papst Franziskus klar auf die Seite der von Wirtschaft und Machtpolitik missachteten Natur und Menschen.

Das wird hoffentlich nicht nur die UnterzeichnerInnen ermutigen, nach ihrem Verstand und ihrem Herzen zu handeln und die Natur – nicht ganz uneigennützig für das eigene Wohlbefinden und ein gesundes Leben – schützend zu umarmen, aktiv zu bleiben oder zu werden.

Weitere Infos:


steiermark.orf.at, 1.9.2017
Murkraftwerk: Papst reagiert auf offenen Brief
Papst Franziskus hat auf einen offenen Brief an ihn zum Grazer Murkraftwerk reagiert. In dem Antwortschreiben ermutige er zu mehr Genügsamkeit, so die Initiatoren der Petition gegen den Bau des Mutkraftwerks.


Blog-Archiv zum Murkraftwerk