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Freitag, 9. März 2018

Bischof Kräutler im Mitgliederrat zur Amazonassynode

vatican news, 8.3.2018
Vatikan: Wer und was zur Amazonassynode bekanntgegeben
Papst Franziskus hat über den Titel der Amazonassynode für 2019 entschieden. Wie der vatikanische Pressesaal an diesem Donnerstag mitteilte, wird das große Bischofstreffen im Oktober 2019 den Namen tragen: „Amazonas: neue Wege für die Kirche und für eine integrale Ökologie“.

Wie es in der Vatikannote weiter heißt, hat der Papst auch entschieden, wer dem Mitgliederrat der Vorsynode zu diesem Thema angehören wird. Unter den Ernannten finden sich prominente brasilianische Bischöfe, wie beispielsweise der emeritierte Erzbischof von Sao Paolo, Kardinal Claudio Hummes, der dem kirchlichen Amazonasnetzwerk REPAM vorsteht, oder der aus Österreich stammende ehemalige Amazonas-Bischof Erwin Kräutler. Den Vatikan vertreten Kardinal Peter Turkson vom vatikanischen Entwicklungsdikasterium sowie der für Außenbeziehungen zuständige Erzbischof Paul Gallagher. Auch Vertreter aus Kolumbien, Peru, Ecuador, Paraguay, Mexiko und Venezuela wurden bestimmt. Der Mitgliederrat wird bei der Vorbereitung des weltweiten Bischofstreffens eng mit dem Synodensekretariat zusammenarbeiten.


VOL.at, 8.3.2018
Papst beruft Kräutler in Beratungsgremium für Amazonas-Synode
Der brasilianisch-österreichische Bischof Erwin Kräutler ist von Papst Franziskus in ein wichtiges Vorbereitungsgremium für die 2019 bevorstehende Sonderbischofssynode zur Amazonas-Region berufen worden.


Blickpunkt Lateinamerika, 9.3.2018
Papst benennt Teilnehmer der Amazonas-Synode
Nach der Ankündigung im letzten Jahr, eine Synode über den Amazonas und Umweltschutz einzusetzen, hat Papst Franziskus das Vorhaben nun konkretisiert. Die Zusammenkunft der Bischöfe aus den Amazonas-Anrainerländern werde im Oktober 2019 in Rom stattfinden, gab der Vatikan bekannt. Das Thema laute „Amazonas: Neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie“

VaticanNews, 8.3.2018
Tema e nomeações do Sínodo dos Bispos para a Pan-amazônia
O tema da assembleia especial do Sínodo dos Bispos para a Pan-amazônia é “Amazônia: novos caminhos para a Igreja e por uma ecologia integral”.

Freitag, 20. Oktober 2017

Kräutler setzt große Hoffnung in Amazonien-Synode


Religion.orf.at, 19.10.2017
Kräutler setzt große Hoffnung in Amazonien-Synode
Der brasilianisch-österreichische Bischof Erwin Kräutler setzt große Hoffnungen in die von Papst Franziskus angekündigte Sonderbischofssynode zur Amazonas-Region.

„Unsere Freude ist übergroß und die Erwartungen selbstverständlich noch größer“, sagte der aus Österreich stammende emeritierte Bischof von Xingu am Donnerstag im Interview der katholischen Nachrichtenagentur Kathpress zu der Bischofsversammlung, die im Oktober 2019 in Rom stattfinden soll.

Die Synode werde sich „mit neuen Wegen und neuen Formen der Evangelisierung“ befassen und nach Antworten auf die regionalen ökologischen und sozialen Herausforderungen suchen. Angesichts der Klimaveränderung habe sie auch „weltweite Bedeutung“, erinnerte Kräutler an die Folgen der immer weiter voranschreitenden Zerstörung des Regenwaldes.

Kräutler setzte sich für Synode ein
Kräutler war von 1981 bis 2015 Bischof der flächenmäßig größte Diözese Brasiliens mitten im Amazonasgebiet. Der 78-Jährige ist weiterhin Sekretär der brasilianischen Bischöflichen Kommission für Amazonien und im länderübergreifenden kirchlichen panamazonischen Netzwerk REPAM (Rede Eclesial Panamazonica) tätig.

Das vom Lateinamerikanischen Bischofsrat CELAM, der Brasilianischen Bischofskonferenz und der Lateinamerikanischen Religiosenkonferenz CLAR gegründete Netzwerk dürfte bei der Vorbereitung der Bischofssynode eine wesentliche Rolle spielen. Das Projekt einer Amazonas-Synode war in den vergangenen Jahren von den Ortsbischöfen in der betroffenen Region - und hier besonders von Bischof Kräutler - mehrfach ins Spiel gebracht worden.

Pastorale Linien entwickeln
Durch die Synode sollten die „richtungsweisenden“ Worte des Papstes zu Amazonien und den Indigenen Völkern „konkrete Gestalt annehmen“, sagte Bischof Kräutler unter Verweis auf entsprechende Passagen in der Enzyklika „Laudato si“ und mehrere Ansprachen des Papstes während seiner bisherigen Lateinamerika-Besuche. „Das gesprochene oder geschriebene Wort soll in neuen Wegen der Evangelisierung, in entsprechenden pastoralen Linien und Prioritäten zum Ausdruck kommen.“
Bischof Erwin Kräutler

Bedrohten Lebensraum in Amazonien verteidigen
Thematische Schwerpunkte sieht Kräutler vor allem in der Situation der indigenen Völker, der Zukunft sogenannter „eucharistieloser Gemeinden“ aber auch der Rolle der katholischen Kirche bei der Verteidigung des bedrohten Lebensraumes der Menschen in Amazonien. Dies sei jedoch keineswegs eine vollständige Auflistung. Aus Sicht des Bischofs belegt die Einberufung der Synode außerdem einmal mehr den Willen des Papstes zur Stärkung der Kollegialität des Episkopats.

Antworten der Kirche auf Herausforderungen wie in Amazonien könnten „nicht autoritär von oben herab gegeben werden“. Das kirchliche Lehramt habe „nicht von vornherein für alles und jedes eine fertige Antwort“. Franziskus wolle daher „Bischöfe, die vor Ort die Probleme hautnah erleben und die Realität aus eigener Erfahrung kennen in die Entscheidungsfindung miteinbeziehen“.

Art der Evangelisierung
So stelle sich etwa die Frage, welche Form der Glaubensverkündigung bei den Indigenen in Frage kommt, also eine Evangelisierung der indigenen Kultur oder eine Evangelisierung, die von der jeweiligen indigenen Kultur und ihren je eigenen Gotteserfahrungen ausgeht. Bei bereits christianisierten Völkern, so Kräutler weiter, gehe es darum, wie deren kulturellen Ausdrucksformen in der Eucharistiefeier und Spendung der Sakramente berücksichtigt werden sollen.

Hinzukomme die Bedrohung der Indigenen durch Großgrundbesitzer, Bergwerksgesellschaften, Goldsucher, Holzunternehmen oder den Bau von Wasserkraftwerken: „Wie kann sich die Kirche mehr zusammen mit den indigenen Völkern, und nicht anstelle dieser Völker, für die Verteidigung ihrer Rechte und ihrer Würde einsetzen?“, umreißt Kräutler diesen Bereich.

„Dolchstoß“ für Amazonien
Überhaupt gehe es um die Zukunft der Amazonasregion als Lebensraum. Amazonien erleide seit Jahrzehnten „einen Dolchstoß nach dem anderen“. Wirtschaftsunternehmen handelten vielfach ohne Rücksicht auf Natur und Bevölkerung. Weite Gebiete seien einer skrupellosen Brandrodung zum Opfer gefallen, Umweltverschmutzung wie die Verseuchung von Flüssen breite sich aus, so Kräutler. Auswirkungen habe dies vor allem auf die arme Bevölkerung.

Gerade in den Städten Amazoniens nehme aber auch der „Wegwerf-Wahnsinn“ immer mehr zu, sieht der Bischof insgesamt die von Papst Franziskus eingemahnte „humane Ökologie“ im Sinne einer wechselseitigen Beziehung zwischen den Menschen und ihrer Mit-Welt massiv gefährdet. Die Synode müsse daher beraten, wie die Kirche dem entgegentreten könne und was sie an Bewusstseinsbildung tun kann, „um Amazonien für seine Menschen und den Planeten zu retten“, so Kräutler: Dazu gehöre die Förderung einer ökologischen Spiritualität, die zu mehr Genügsamkeit anleitet.

„Horrender Priestermangel“
Lösungswege soll die Synode aus Sicht Kräutlers aber auch für die pastorale Lage angesichts eines „horrenden“ Priestermangels aufzeigen. In Amazonien könnten 90 Prozent der katholischen Gläubigen keine regelmäßige reguläre Sonntagsmesse feiern, obwohl das Zweite Vatikanische Konzil mehrfach unterstrichen habe, dass die Eucharistie der Mittelpunkt der christlichen Gemeinde ist, hielt der Bischof im Kathpress-Interview fest.

In vielen der kleinen „eucharistielosen Gemeinden“ hätten die Gläubigen keinen inneren Bezug mehr zur Eucharistiefeier. „Sie sehen kaum einen Unterschied zwischen ihren Wortgottesdiensten und dem Samstags- oder Sonntagskult der Evangelikalen“, sieht Kräutler darin einen Mitgrund für den Zulauf zu evangelikalen Gemeinschaften.

Diakoninnen statt Priester
Die in Brasilien versuchte Umverteilung von Priestern aus dem Süden des Landes in den Norden habe nur minimale Erfolge gebracht. Viele Geistliche aus dem Süden hätten große Probleme, sich im Kulturkreis Amazoniens einzuleben, so Kräutler. „Es geht um das ‚amazonische Gesicht‘ der Kirche und dies auch im Hinblick auf das Weihepriestertum.“ „Welche Form des priesterlichen Dienstes ist heute in Amazonien, insbesondere bei christlichen indigenen Völkern gefordert?“, ist für Kräutler daher eine der Fragen für die Amazonien-Synode.

Aus Sicht des Bischofs ist klar, dass es hier um die Frage nach den Zulassungsbedingungen zum Weihepriestertum gehen muss „und vermutlich auch zur Diakoninnenweihe, da die kleinen Gemeinden mehrheitlich von Frauen geleitet werden“, wie er sagte.

Erfahrene Gemeindeleiter einsetzen
„Vielleicht kann sogar der Vorschlag des emeritieren Bischofs Fritz Lobinger aufgegriffen werden“, verwies Kräutler auch erneut auf ein Modell des aus Deutschland stammenden langjährigen katholischen Missionsbischofs von Aliwal in Südafrika. Lobinger spricht sich darin dafür aus, dass Gemeinden ohne Priester durch ein „Team of Elders“, also in der Gemeindeleitung „Erfahrenen“, geleitet werden, und diese dann auch zu ordinieren, damit sie mit ihren Gemeinden Eucharistie feiern können.


Domradio.de, 19.10.2017
Amazonien-Synode: Hohe Erwartungen bei emeritiertem Bischof
"Probleme hautnah erleben"
Der emeritierte Amazonas-Bischof Erwin Kräutler setzt große Hoffnungen in die von Papst Franziskus angekündigte Bischofssynode für seine Region. Vor allem die schwierige Situation der Indigenen ist ihm ein Anliegen.

Dienstag, 5. September 2017

Bischof Kräutler: Protestnote gegen das Bergbaudekret


Präsident Michel Temer hatte am 22.8. das Amazonasschutzgebiet RENCA mit einem Präsidialerlass aufgelöst und für Bergbaufirmen freigegeben. Das führte bei Umweltschützern und auch bei der katholischen Kirche Brasiliens zu heftigen Protesten.

Das panamazonische Kirchennetzwerk REPAM und die bischöfliche Kommission für Amazonien, dessen Präsident Cláudio Kardinal Hummes und dessen Sekretär Bischof Erwin Kräutler sind, veröffentlichten am 28.8.2017 eine Protestnote gegen den Präsidialerlass und dürften damit wesentlich zu dessen Aufhebung beigetragen haben.

Hier eine von Bischof Kräutler authorisierte Übersetzung der Dreikönigsaktion:


Brasília, 28. August 2017

Protestnote gegen den Präsidialerlass zu Aufhebung des Naturschutzgebietes
Reserva Nacional do Cobre e Associados (RENCA)

Wir hören den Schrei der Erde und der Armen

Das länderübergreifende Pan-amazonische Kirchennetzwerk REPAM (Rede Eclesial Pan-Amazônica) – verbunden mit der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz CELAM (Conselho Episcopal Latino-Americano e do Caribe) und in Brasilien eine Einrichtung der Bischofskonferenz CNBB (Conferência Nacional dos Bispos do Brasil) - tritt gemeinsam mit der bischöflichen Kommission für Amazonien, mit der sie über ein gemeinsames Präsidiums verbunden ist, und vereint mit der katholischen Kirche Pan-Amazoniens sowie der brasilianischen Gesellschaft – insbesondere mit den indigenen Völkern der Terras Indígenas Waãpi und Rio Paru D’Este – an die Öffentlichkeit und verurteilt die undemokratische Ankündigung eines höchst zerstörerischen Präsidialerlasses zur Aufhebung des Naturschutzgebietes Reserva Nacional de Cobre e seus Associados (RENCA) vom 23.8.2017 aufs Schärfste.

RENCA ist ein Schutzgebiet in Amazonien, das mit 46.450 km2 der Fläche des Staates Dänemark entspricht. Die Region umfasst neun Schutzgebiete, von denen drei umfassend geschützt sind: der Nationalpark von Montanhas do Tumucumaque, die staatlichen Waldschutzgebiete von Paru und Amapá; das Öko-Reservat von Maicuru, und die Öko-Station von Jari, das Bergbau-Schutzgebiet von Rio Cajari, sowie das Reservat für nachhaltige Entwicklung des Rio Iratapuru sowie die indigenen Territorien von Waiãpi und Rio Paru d`Este. Diese Gebiete für den Abbau von Kuper, Gold, Diamanten, Eisen, Niob u. a. m. zu öffnen, wird die Entwaldung, den unwiederbringlichen Verlust an Biodiversität sowie negative Auswirkungen für die Bevölkerung der Region vorantreiben.

Das Dekret zur Aufhebung von RENCA missachtet die brasilianische Demokratie, da die Regierung - in der Absicht neue Investitionen ins Land zu holen - ausschließlich die an der Ausbeutung der Region interessierten Unternehmen angehört hat. Es wurde keinerlei Konsultation der indigenen Völker und traditionellen Gemeinschaften durchgeführt, wie dies die brasilianische Bundesverfassung von 1988 in Artikel 231 sowie die Konvention 169 der ILO (International Labour Organization) fordern. Die Regierung gibt schlichtweg den großen Minenunternehmen, die seit Jahren die Aufhebung verlangen, sowie dem Druck parlamentarischer Gruppen, die eng mit dem Bergbausektor verbunden sind und der auch ihre Wahlkämpfe finanziert hat, nach.

Im krassen Gegensatz zu den schriftlichen Beteuerungen der Regierung wird es mit der Öffnung der Region für den Bergbau keinerlei Garantien mehr für den Schutz des tropischen Regenwalds, der Naturschutzgebiete und noch viel weniger der indigenen Territorien geben. Letztere werden direkt und auf gewaltsame und unumkehrbare Weise betroffen sein. Man muss sich bloß die Spuren der Verwüstung ansehen, die brasilianische und ausländische Minengesellschaften in Amazonien in den letzten Jahrzehnten hinterlassen haben: Entwaldung, Umweltverschmutzung, Beanspruchung von Wasserressourcen durch den hohen Wasserbrauch von Bergbauoperationen sowie deren Verschmutzung durch Chemikalien, Anstieg von Kriminalität, Drogenmissbrauch und Prostitution, Verschärfung von Landkonflikten, unkontrollierte Aggression gegen die Kulturen und Lebensweisen der indigenen und traditionellen Gemeinschaften, große Steuererleichterungen bei gleichzeitig minimalen Leistungen für die Bevölkerung in der Region.

Unabschätzbare ökologische und soziale Risiken bedrohen die „an biologischer Vielfalt überreiche[] Lunge[] des Planeten“ (LS38) Amazonien, wie uns Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato Si‘ erinnert. Er warnt des weiteren, dass Vorschläge existierten, „das Amazonasgebiet zu internationalisieren: Solche Ideen nützen einzig und allein den ökonomischen Interessen der transnationalen Unternehmen“ (LS38), so der Papst. Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft und dem Diktat eines technokratischen Effizienz-Paradigmas unterwerfen. Die Priorität muss vielmehr stets das Leben, die Menschenwürde und die Sorge um das gemeinsame Haus, die Mutter Erde, sein. Am 9. Juli 2015 in Santa Cruz de la Sierra, Bolivien sagte Papst Franziskus sehr deutlich: „Sagen wir Nein zu einer Wirtschaft des Ausschlusses und der Ungerechtigkeit, in der das Geld regiert anstatt zu dienen. Eine solche Wirtschaft tötet. Eine solche Wirtschaft grenzt aus. Eine solche Wirtschaft zerstört die Mutter Erde“.

In der Enzyklika Laudato Si’ warnt Papst Franziskus weiters vor dem „Drama der auf unmittelbare Ergebnisse ausgerichteten politischen Planung“. Dieses „führt zu der Notwendigkeit, kurzfristig Wachstum zu erzeugen.“ (LS 178)

Vielmehr müssen für ihn die Einwohner vor Ort „einen privilegierten Platz in der Diskussion […] haben, die sich fragen, was sie für sich und für ihre Kinder wollen, und die auch Ziele in Betracht ziehen können, die das unmittelbare wirtschaftliche Interesse übersteigen.” (LS 183).

Die Aufhebung von RENCA stellt eine politische Bedrohung für ganz Brasilien dar. Sie erhöht den Druck auf die indigenen Territorien und Naturschutzgebiete und öffnet die Tür für die Flexibilisierung weiterer Bestimmungen, etwa der Genehmigung von Bergbauoperationen in indigenen Territorien, die im derzeitigen Bergbaugesetz untersagt ist.

Deshalb schließen wir uns den lokalen Diözesen von Amapá und von Santarém sowie den Umweltschützer/innen und dem Teil der Gesellschaft an, der über - auch von den Unterzeichner/innen dieses Schreibens unterstützten - Petitionen in den sozialen Netzwerken den sofortigen Stopp des Präsidialerlasses zu Aufhebung des Naturschutzgebietes fordern.

Wir rufen die Damen und Herren Parlamentsabgeordneten auf, Amazonien zu schützen und zu verhindern, dass Bergbauoperationen ein weiteres großes Naturerbe zerstören.

Wir werden nie resignieren angesichts der Zerstörung des Menschen und seiner Mitwelt! Vereinen wir unsere Kräfte für das Leben der Völker, die im Biom Amazoniens leben. Die Zukunft der kommenden Generationen liegt in unseren Händen!

Gott möge uns in der Tiefe unserer Herzen ermutigen, uns erleuchten und stärken auf der Suche der so sehr ersehnten neue Erde, in der die Gerechtigkeit wohnt.

Bischof Cláudio Kardinal Hummes OFM
Präsident der REPAM und der bischöflichen Kommission für Amazonien

Bischof Erwin Kräutler CPPS
Präsident von REPAM Brasilien und Sekretär der bischöflichen Kommission für Amazonien


Die deutsche Protestnote als PDF

Die Protestnote im portugiesischen Original:
CNBB, 28.8.2017
“Extinção da Renca vilipendia democracia brasileira”, afirmam bispos da Repam em nota

Sonntag, 21. Mai 2017

Bischof Erwin Kräutler bei der Kolping-Bildungskonferenz


Kolping setzt neue Schwerpunkte im Bereich Nachhaltigkeit
Bildungskonferenz des Sozialverbandes in Innsbruck mit Bischof Kräutler und Ex-EU-Kommisar Fischler - Kolping-Präsidentin Leopold: Bemühen um "stete soziale Wachsamkeit"

Innsbruck, 21.05.2017 (KAP) Kolping-Österreich will sich künftig verstärkt dem Engagement gegen Armut, Ungleichheit und Umweltzerstörung widmen, wie es etwa Papst Franziskus in seiner Enzyklika "Laudato si" oder die Vereinten Nationen mit ihren 17 aktuellen Entwicklungszielen propagieren. Rund 200 Teilnehmer berieten in Innsbruck im Rahmen der Kolping-Bildungskonferenz, wie eine zukunftsfähige Gestaltung der Gesellschaft und eine schonende Nutzung der natürlichen Ressourcen möglich sein können. Prominenteste Teilnehmer waren der austro-brsilianische Bischof Erwin Kräutler und Ex-EU-Kommisar Franz Fischler. Die Konferenz ging Sonntagmittag zu Ende.

Kolping-Österreich-Präsidentin Christine Leopold betonte in ihren Grußworten die Grundüberzeugung von Kolping, sich den jeweiligen zeitlichen Herausforderungen zu stellen. Was Kolping auszeichnen müsse, sei die "stete soziale Wachsamkeit", so Leopold.

Franz Fischler, Präsident des "Europäischen Forums Alpbach" und ehemaliger EU-Kommissar für Landwirtschaft, hielt in seinem Impulsvortrag eine rasche Reduzierung des Ressourcenverbrauchs und eine Mäßigung des Lebensstils für unumgänglich. Dabei gehe es allerdings nicht nur um Verzicht. Wohlstand sei auch weiterhin durchaus möglich, "aber auf nachhaltigere Weise und mit weniger Kollateralschäden". Dazu notwendig seien vor allem wesentlich mehr Bildung und Forschung, wie Fischler sagte. Er ermutigte die Mitglieder von Kolping, sich in ihrer Arbeit der Thematik verstärkt anzunehmen.

Bischof Kräutler rief zu einem fundamentalen Perspektivenwechsel auf, weg von einem Individualismus hin zu Solidarität. "Statt der Frage 'Was bringt es mir' muss die Frage lauten 'Was bringt es uns allen'", so Kräutler wörtlich. Gott habe dem Menschen aufgetragen, die Erde zu kultivieren und zu bewahren, nicht auszubeuten, betonte der Bischof unter Verwies auf die Heilige Schrift. Kräutler stand im Rahmen der Konferenz auch einem Gottesdienst in der Pfarre Pfarrkirche Allerheiligen vor.

Ausgehend von den Impulsen Fischlers und Kräutlers diskutierten die Teilnehmer in Workshops Möglichkeiten der konkreten Umsetzung, etwa in den Bereichen Mobilität, erneuerbare Energie am Arbeitsplatz und in den eigenen vier Wänden oder die Produktion und den Konsum "fairer" Nahrungsmittel.

2015 verabschiedeten die Vereinten Nationen die globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals (SDGs)), die bis 2030 anberaumt sind. Die 17 SDGs gehen über die bisherige Entwicklungspolitik hinaus und bilden Leitlinien für nachhaltige Entwicklung auf wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Ebene. An erster Stelle steht weiterhin die Überwindung von Armut und Hunger. Ebenso bleiben Gesundheit, Bildung und der Schutz von Lebensgrundlagen auf der Agenda. Allerdings kommen auch gesellschaftspolitische Ziele wie Gleichheit der Geschlechter, eine gerechte Steuerpolitik, die Verringerung der Ungleichheit zwischen Staaten oder der Zugang zu Rechtshilfe und inklusive Institutionen hinzu.

Das von Adolph Kolping gegründete Kolpingwerk ist heute in über 60 Ländern der Erde mit rund 500.000 Mitgliedern vertreten. Schwerpunkte der Arbeit bilden die traditionellen "Kolpinghäuser", die in Österreich über 6.000 Wohnplätze für Lehrlinge, Schüler und Studenten bieten, ebenso aber auch Sozialeinrichtungen, die alleinerziehenden Müttern, kranken, älteren oder pflegebedürftigen Menschen, von Gewalt betroffenen Frauen oder Menschen mit Behinderungen "Hilfe zur Selbsthilfe" bieten. Der Sozialverband ist inzwischen in 20 Ländern Europas mit insgesamt rund 330.000 Mitgliedern vertreten und hat beim Europarat Beobachterstatus.



Bildungskonferenz von Kolping Österreich
Siehe "Impulsreferate"





OTS, 22. Mai 2017
Nachhaltig und enkeltauglich
Kolping Österreich stellt die Weichen für eine zukunftsfähige Gestaltung unserer Gesellschaft.

Wien (OTS) - Mit einem klaren Bekenntnis zum Einsatz für einen nachhaltigen Lebensstil endete die heurige Bildungskonferenz von Kolping Österreich. An die zweihundert TeilnehmerInnen und Gäste hatten sich von 19. bis 21. Mai im Kolpinghaus Innsbruck versammelt, um gemeinsam Möglichkeiten zu erkunden, die „Globalen Nachhaltigkeitsziele“ (SDGs) der Vereinten Nationen im Bereich des Kolpingverbandes in die Tat umzusetzen, oder, wie es Kolping-Präsidentin Christine Leopold in ihren Eröffnungsworten ausdrückte, „aktiv mitzuwirken an einer guten Zukunft für möglichst alle Menschen auf dieser Erde.“

Den Auftakt der Veranstaltung bildete ein Gottesdienst am Freitagabend mit austro-brasilianischen Bischof Erwin Kräutler, der in seiner Predigt ebenso wie in seinem Impulsvortrag am darauffolgenden Tag zum Schutz „unseres gemeinsamen Hauses, der Erde“ aufrief. Es sei „absolut unmöglich, dass wir ohne unsere Mit-Welt überleben“, so der Bischof, der seit mehr als 50 Jahren in Amazonien tätig ist; angesichts der Wunder der Schöpfung regte er an, die „Fähigkeit zum Staunen“ neu zu erlernen – „wer staunen kann, will nicht beherrschen, sondern bewahren, wie es auch unser Auftrag von Gott her ist.“

In einem zweiten Impulsreferat bezeichnete der ehemalige EU-Kommissar Franz Fischler ein rasches Umdenken und eine Mäßigung des Lebensstils der Menschen in den wohlhabenden Ländern als alternativlos: „So wie bisher kann es nicht weitergehen“, stellte Fischler, der sich seit einigen Jahren als Präsident des „Europäischen Forums Alpbach“ der Förderung der Nachhaltigkeit widmet, fest; aktuell würde die Menschheit jährlich die Ressourcen von eineinhalb, bald von möglicherweise zwei „Erden“ verbrauchen. Bei einer Neuorientierung gehe es aber nicht nur um Verzicht, führte er aus: Wohlstand sei auch weiterhin durchaus möglich, „aber auf nachhaltigere Weise und mit weniger Kollateralschäden“.

Ausgehend von den Impulsen der beiden Hauptreferenten thematisierten die Teilnehmer danach in Workshops mit Experten aus ganz Österreich Möglichkeiten, die Globalen Ziele in konkreten Bereichen zu verwirklichen; dabei wurden Wege sondiert und diskutiert, beispielsweise in den Kolpinghäusern die Energie-Effizienz zu steigern, Mobilität zu vergemeinschaften oder etwa im Bereich der Ernährung nachhaltige Alternativen zu fördern. Die Delegierten wurden dazu ermutigt, ihren ganz persönlichen Zugang zum Thema Nachhaltigkeit zu erkunden und jene Kraftquellen zu erschließen, die einen dauerhaften und substanziellen Wandel des Lebensstils möglich machen.

Als Abschluss formulierten alle TeilnehmerInnen ihr ganz persönliches „Commitment“ – eine aus freien Stücken gewählte Verpflichtung, die man sich selbst und der Gemeinschaft gegenüber eingeht, um ein Ziel, das man als richtig und wichtig erkannt hat, zu erreichen. Kern-Sätze, die das weitere Engagement der Kolpingleute für eine „enkeltaugliche Zukunft“ beflügeln werden.

Montag, 8. Mai 2017

Bischof Kräutler bei "Guten Morgen Österreich"


Guten Morgen Österreich am 8.5.2017
Bischof Erwin Kräutler, der wohl berühmteste Koblacher, bekamt für seinen Einsatz in Brasilien den Alternativen Nobelpreis. In "Guten Morgen Österreich" spricht er über seine Arbeit.

Bischof Erwin Kräutler im Porträt
 01:56 Min

Talk mit Bischof Erwin Kräutler
Bischof Erwin Kräutler, der wohl berühmteste Koblacher, bekamt für seinen Einsatz in Brasilien den Alternativen Nobelpreis.
Teil 1  02:42 Min
Teil 2  02:26 Min

Freitag, 23. Dezember 2016

„Sein Name wird sein Immanuel – Gott mit uns“

„Sein Name wird sein Immanuel – Gott mit uns“
Jesaja 7,14

Seit unvordenklichen Zeiten kennen die indigenen Völker der Anden den Begriff des
Sumak Kawsay – Das Gute Leben. Die Enzyklika von Papst Franziskus „Laudato Sí“ lässt die Weisheit der Ureinwohner Lateinamerikas in neuem Licht erstrahlen.

Sumak Kawsay – Das Gute Leben hat seinen Ursprung im Vater und Schöpfer allen Lebens und aller Dinge.

Sumak Kawsay – Das Gute Leben wünscht das Miteinander, liebende Solidarität und gelebte Geschwisterlichkeit.

Sumak Kawsay – Das Gute Leben bedeutet eine tief empfundene Harmonie mit der Mitwelt und Verantwortung für das gemeinsame Haus.


Weihnachten ist das Fest des Friedens und der Freude. In Bethlehem wird Gott zu Immanuel – Gott-mit-uns. Die Liebe Gottes ist in Jesus Mensch geworden.

Weihnachten ist das Fest der Familie, des liebevollen Miteinanders. Das Kind von Bethlehem macht uns alle zu Geschwistern.

Weihnachten ist das Fest der Schöpfung. Die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem macht die Erde zum Gotteshaus, zur Mitwelt Gottes.


Mit den besten Wünschen für Weihnachten.
Friede und Segen für das Neue Jahr.
In herzlicher und dankbarer Verbundenheit,

Erwin Kräutler
Bischof em. vom Xingu

Dienstag, 22. November 2016

Erwin Kräutler vor Ordensleuten: Kirche muss Mut eines Propheten haben


Erzdiözese Wien, 22.11.2016
Amazonas-Bischof: Kirche muss Mut eines Propheten haben
Der Glaube an Jesus muss sich nach den Worten des emeritierten Bischofs Erwin Kräutler im mutigen Einsatz für andere Menschen und in der Liebe zur Natur zeigen. "Es gibt nur eine Liebe. Dadurch, dass wir den Nächsten lieben, lieben wir Gott, und umgekehrt. Wir müssen zudem auch lieben, was Gott uns geschenkt hat, und dürfen deshalb die Natur als unser gemeinsames Heim nicht plündern", sagte der 77-jährige emeritierte Bischof der Amazonas-Prälatur Xingu am Dienstag, 22. November 2016 in Wien. Kräutler hielt im Kardinal-König-Haus das Auftaktreferat bei der Herbsttagung der Ordensgemeinschaften Österreich vor rund 600 Ordensleuten aus dem ganzen Land.

Die Kirche müsse wie der Barmherzige Samariter sein, forderte Kräutler. "Unendlich tief berührt" zeigte sich der aus Vorarlberg stammende Ordensmann - er gehört der Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut (CCPS) an - über die seit dem Vorjahr in Österreich geleistete Flüchtlingshilfe. Der große Zustrom an Helfern zeige, "dass die Menschen diese ganz tiefe innerste Solidarität spüren und fühlen: ich muss da etwas tun - es geht um Mitmenschen".

Warnung vor "Genozid" an Brasiliens Indios
Flüchtlinge seien wie jener Mann, der in der biblischen Erzählung auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho unterwegs war und unter die Räuber kam, gab der Bischof zu verstehen. Ähnlich seien heute weltweit viele Menschen in existenzieller Not, wobei Kräutler auch vertriebene Landarbeiter, Opfer von Menschenhandel sowie Brasiliens indigene Bevölkerung als Beispiele nannte. "Man kann sich in Europa kaum vorstellen, dass da im 21. Jahrhundert noch ein Genozid stattfindet. Nachdem ihre Rechte auf Betreiben der katholischen Kirche 1988 im Gesetz verankert wurden, ist heute wieder alles weg. Die Indios dürfen nicht leben, sie werden kaltblütig erschossen", sagte der Bischof.

Die Kirche müsse bei alldem wie ein Prophet auftreten, der Gott widerspiegelt und verkündet, "dass eine andere Welt möglich ist", so Kräutler weiter. Sie müsse aufzeigen, was Menschen arm macht, und ungerechte Strukturen anprangern. Ein derartiges Vorgehen erfordere Mut zum "Martyrium", gab er Bischof zu bedenken. "Wenn ich mich etwa für die Indios stark mache, muss ich automatisch gegen jene sein, die sie um der Bodenschätze willen vertreiben wollen und heute noch lautstark rufen, dass der Indio kein Mensch, sondern ein Urwaldtier ist."

Ordensleute sollen „Mystiker“ sein
Massive Kritik äußerte Kräutler an übertriebener Betonung von Hierarchien und Zeremoniell. Dadurch werde bloß Distanz geschafft werde, so der Bischof. "In Österreich sind wir gewohnt, mit Titeln 'herumzuhauen', und auch in unserer Kirche sind wir so weit gekommen", bemerkte er. Wer ein Amt ausübe, solle "nicht abgehoben sein wie die Stratosphäre von der Erdoberfläche". Vielmehr wäre es für das Wiederfinden eines "menschlichen Verhältnisses" sinnvoll, "wenn wir sagen: Wir sind Geschwister. Wir sind alle getaufte Christen." Kirche sei eine Familie und solle dies auch zum Ausdruck bringen. Papst Franziskus vermittle genau dies durch viele Gesten, darunter etwa, dass er nicht im Apostolischen Palast, sondern im vatikanischen Gästehaus wohne.

Speziell den Ordensleuten legte Bischof Kräutler nahe, "Mystiker" zu sein. "Ohne kontemplative Dimension haben wir keine Chance", sagte er. Mystik sei der ständige Blick auf "die tiefste Motivation, die mich dabei führt, den Weg zu gehen trotz allen Hindernissen und das Wagnis auf mich zu nehmen, mich für andere Menschen einzusetzen". Liebe bis zum Äußersten sei nur möglich durch tiefe Verwurzelung in Gott. Man würde heute von den Mitgliedern der Orden nichts anderes erwarten, als dass sie Gott erlebbar machen. Kräutler: "Sie sollen spüren lassen, dass da jemand ist, der genauso menschlich ist wie ich, der aber in Gott Wurzeln geschlagen hat und so liebt wie er."



Ordensgemeinschaften.at, 22.11.2016
Bischof Erwin Kräutler:
Liebe den Menschen und die Schöpfung (#otag16)

„Habt Mut!“ – mit dieser eindringlichen Aufforderung startete Bischof em. Erwin Kräutler sein Impulsreferat am Ordenstag 2016 im Rahmen der Herbsttagung der Ordensgemeinschaften Österreich von 21. bis 23. November 2016 im Kardinal-König-Haus in Wien Hietzing. Der Ordensmann war von 1981 bis 2015 Bischof von Xingu, der flächenmäßig größten Diözese Brasiliens. Dom Erwin, wie er dort genannt wurde, ist für seinen unermüdlichen Einsatz für die (Menschen-)Rechte der Indios bekannt. Sein Appell: Liebe die Menschen und die Schöpfung. (#otag 16)

„Mut ist, etwas mit der Hilfe Gottes zu wagen“, brachte es Bischof em. Erwin Kräutler vor rund 500 Ordensoberinnen, Ordensoberen und leitenden Verantwortlichen bei den Orden schnell auf den Punkt. Sie alle waren am Ordenstag am 22. November 2016 ins Kardinal-König-Haus gekommen, um sich der Frage zu widmen, die Kräutler gleich zu Beginn seines Impulsreferates stellte: „Was macht unsere Kirche aus?“

Natürlich könne man mit einer Aussage des Missionsdekrets des II. Vatikanischen Konzils antworten: Die Kirche ist von Christus beauftragt, die Liebe Gottes allen Menschen und Völkern zu verkünden und mitzuteilen.

Doch letztendlich möchte er nichts anderes tun als vier Dimensionen vorstellen, so der Missionar vom kostbaren Blut, und dabei Geschichten und Erlebnisse erzählen.

Samaritische Kirche

In seiner Heimatdiözese Xingu sei es Sitte, dass alle fünf Jahre Vertreterinnen und Vertreter aus allen Pfarren zusammenkommen; in Summe seien das gemeinsam mit Ordensleuten und Priestern rund 800 Menschen. Zur Feier dieses Treffens hatten Jugendliche die Geschichte des guten Samariters als Theaterstück aufgeführt – doch ein wenig anders als gewohnt; sie zeigten auch Probleme auf, mit denen sie in ihrem Alltag konfrontiert sind wie Landraub, Menschenhandel oder den Genozid an den indigenen Völkern. „Ich habe das nie wieder vergessen“, so Erwin Kräutler. „Die jungen Leute zeigten Kreativität und Intuition.“ Und es sei ihm dabei das Gespräch Jesu mit den Gesetzeslehrern in den Sinn gekommen: „Das Gebot, das Himmelreich zu gewinnen, lautet schlicht: Du sollst Gott lieben aus allen deinen Kräften. Und Jesus ergänzt, liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das gehöre untrennbar zusammen. Kräutler: „Es gibt nur eine Liebe. Dadurch, dass wir den Nächsten lieben, lieben wir Gott, und Gott liebt uns. Die Liebe gibt es nur einmal.“

Doch Liebe hört nicht bei den Menschen auf. Gott verlange auch eine Liebe zu dem, was er geschaffen hat: die Natur. Gottes Schöpfung sei unser gemeinsames Haus. „Wir sind beauftragt, dieses gemeinsame Haus zu gestalten. Wir dürfen es nicht plündern, sondern müssen voll Liebe und Achtung behandeln“, zeigt sich Bischof Erwin Kräutler überzeugt.

Prophetische Kirche

Vor einigen Wochen habe er den Supermond beobachtet, der wunderschön aus dem Fluss aufgestiegen war. Doch sei ihm bewusst geworden, sein Licht ist nur eine Reflexion des Sonnenlichts. So spiegle auch der Prophet nur Gott wieder; er ist ein Reflex von Gott. Und er spricht nicht mit seinen, sondern mit Gottes Worten. „Der Prophet verkündet, dass eine andere Welt möglich ist“, so Bischof Kräutler. „Wenn man an Armut denkt, denkt man: Armut ist Schicksal. Doch in der Regel trägt jemand Verantwortung dafür. Warum sind diese Leute arm? Nicht weil sie arm zur Welt gekommen sind, sondern weil sie zur Armut gekommen sind. Die Frage ist: Wie stehen wir zu diesen Menschen? Das ist der prophetische Auftrag.“ Die prophetische Kirche setzte sich für diese Menschen ein. Kräutlers Appell: „Tu etwas, hab den Mut, Dinge anzuprangern, die Menschen immer ärmer werden lassen.“

Geschwisterliche Kirche

Ein weiter Punkt sei, dass Kirche zur Familie werden müsse. In Mt. 23,8 heiße es: Ihr alle aber seid Geschwister. „Doch sind wir wirklich alle Geschwister im Orden, in der Kirche – oder gehen wir auf Distanz?“, fragte Bischof Kräutler provokant. „Geschwister können auch streiten.“ Und das bedeute auch zu verzeihen. Als Jugendliche in Xingu die Bibelstelle vom verlorenen Sohn als Theaterstück aufführten, bauten sie eine Szene ein, die nicht in der Bibel beschrieben wird, die sie aber dessen ungeachtet als notwendig betrachteten: Die Versöhnung zwischen älteren und jüngeren Brüdern. „Das ist der Sinn der Geschichte: Wir sind Geschwister“, brachte es Kräutler auf den Punkt. „Das sollen wir wieder täglich lernen: Einander als Geschwister annehmen.“

Und auch wenn wir in Österreich gewohnt wären, mit Titeln um uns zu schmeißen: „In der Kirche brauchen wir keine Titel, wir brauchen keine Exzellenzen und Prälaten, das bringt nur Distanz. Wir alle sind getaufte Christen. Wir sind Geschwister. Das ist das Schöne in einer Familie“, so der Ordensmann.

Kontemplative Kirche

Wichtig sei auch die vierte Dimension: Um Kirche leben zu können, brauche es Kontemplation. Sie sei kein Privileg von Heiligen oder Mystikern. Kräutler: „Ohne kontemplative Dimension haben wir keine Chance.“ Für ihn sei Mystik nichts anderes als „die tiefste Motivation, die mich leitet, den Weg trotz aller Wagnisse zu gehen, um mich für Mitmenschen einzusetzen. Das ist ohne die Hilfe Gottes nicht möglich.“ Beim Gebet brauche es nicht vieler Worte; letztendlich müssten wir lernen, uns vor das Allerheiligste hinzusetzen und nichts zu sagen, denn das tiefste Gebet lautet: Ich weiß, er ist da.

Im Lukasevangelium wurde das griechische Wort „Aphatos“ mit „er entschwand“ übersetzt. Doch eigentlich bedeutet es: unsichtbar. Doch wenn jemand unsichtbar ist, ist er immer noch da. „Das erfahren wir in der Eucharistie“, betonte Bischof Kräutler, und weiter: „Das ist keine symbolische Handlung, sondern: ER ist da, leibhaftig bei uns. Das ist Mystik der Gegenwart Gottes, daran sollen wir tief glauben, auch wenn es uns dreckig geht, wenn wir mit dem Leben bedroht werden. Denn es ist Tatsache: Er ist mit uns und gibt uns Kraft, den Weg zu Ende zu gehen.“

Donnerstag, 18. August 2016

Bischof Erwin Kräutler erhält Memminger Freiheitspreis

Memminger Kurier, 17.08.16
Öffentliche Preisverleihung auf dem Marktplatz
Bischof Erwin Kräutler erhält Memminger Freiheitspreis
Memmingen - Der katholische Bischof Dr. Erwin Kräutler soll am 25. September mit dem „Memminger Freiheitspreis 1525“ ausgezeichnet werden. Der 77-jährige Geistliche war bis 2015 Bischof von Xingu, einer Diözese in Brasilien, die ungefähr so groß ist wie ganz Deutschland. Bischof Kräutler kämpft seit Jahrzehnten für Gerechtigkeit und Freiheit in Lateinamerika.


Als Geistlicher stellt er sich an die Seite der indianischen Ureinwohner und setzt sich für den Erhalt des Amazonas-Urwalds ein. In Vorträgen und Predigten, auf Konferenzen und in vielen Gremien macht er auf den Überlebenskampf der indigenen Völker in Lateinamerika aufmerksam und prangert Ausbeutung und Zerstörung des Amazonas-Gebietes zu Zwecken der Energiegewinnung an. Bischof Kräutler gehört zur Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut, die auch in Maria Baumgärtle (Breitenbrunn) wirken.
Am Sonntag, 25. September, wird er um 15:30 Uhr auf dem Memminger Marktplatz den Freiheitspreis aus den Händen von Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger entgegennehmen. Die Laudatio wird der evangelische Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende, Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, halten. Gestaltet wird der öffentliche Festakt mit einer szenischen Verlesung der Zwölf Bauernartikel von 1525, auf denen der Freiheitspreis gründet. Die Tanzgruppe des Bernhard-Strigel-Gymnasiums wird das Thema Freiheit mit dem Tanz „Gier-Macht-Ohnmacht“ interpretieren. Die musikalische Gestaltung liegt bei der Memminger Stadtkapelle, dem Allgäuer Bauernchor und dem Bläserchor von Sankt Martin. Alle Bürgerinnen und Bürger sind zur Preisverleihung eingeladen. Es gibt ausreichend Sitzplätze auf dem Marktplatz. Bei Regen findet die Preisverleihung in der Kirche Sankt Josef statt.
Gedanken zur Freiheit referiert auch Prof. Dr. Hans Maier, bayerischer Kultusminister a.D., in einem Vortrag über Romano Guardini am Freitag, 23. September, um 19 Uhr in der Kirche Sankt Johann (am Marktplatz). Der Titel des Vortrags lautet „Romano Guardini und das „Memminger Triduum. Eine Erinnerung an 1945“. Das Rahmenprogramm zur Vergabe des „Memminger Freiheitspreises 1525“ wird abgerundet durch den Film „Count-Down am Xingu V“, der am Samstag, 24. September, um 18 Uhr im Kaminwerk gezeigt wird. Der erst im Juli 2016 uraufgeführte Film des Frankfurter Dokumentarfilmers Martin Keßler zeigt den Kampf gegen Megastaudämme und Korruption in Brasilien und dokumentiert nicht zuletzt Bischof Kräutlers Einsatz gegen die Entrechtung der Menschen im Amazonasgebiet. (MK)


Memmingen - Stadt mit Perspektiven

Memminger Freiheitspreis 1525

Montag, 20. Juni 2016

„Wo indigenes Land beginnt, hört die Entwaldung auf“

„Wo indigenes Land beginnt, hört die Entwaldung auf“

Interview mit Erwin Kräutler, früherer Bischof und Kämpfer für den Amazonas-Regenwald

Er steht wie kaum ein anderer für den Schutz des Amazonas und seiner indigenen Bevölkerung, und er ist ein erbitterter Gegner von Megastaudämmen: Über 30 Jahre lang war der geborene Österreicher Erwin Kräutler Bischof und Prälat von Xingu, der flächenmäßig größten Diözese Brasiliens. Im Interview mit Alan Azevedo von Greenpeace Brasilien berichtet Erwin Kräutler von der Gleichgültigkeit, den Vorurteilen und der Gewalt, mit denen Brasiliens indigene Gemeinschaften tagtäglich konfrontiert sind. Auch Kräutler selbst stand, wegen seines Engagements für Menschenrechte, viele Jahre lang unter Polizeischutz.

Erwin Kräutler, Kämpfer für den Amazonas (c) CIMI
Ein neuer Bericht zeigt, dass die Gewalt gegen die indigene Bevölkerung in Brasilien enorm gestiegen ist, die Anzahl der Ermordungen sogar um 42 Prozent. Wieso, glauben Sie, ist das so?
Es gibt viele Gründe für die Eskalation der Gewalt. Erstens die fehlende Anerkennung indigener Gebiete. Die Regierung befindet sich in Geiselhaft des Agro-Business und der Großgrundbesitzer, die gegen solche offiziellen Anerkennungen sind. Zweitens flammt die allgemeine Ablehnung gegenüber Indigenen wieder auf. Obwohl ihre Rechte durch die Verfassung geschützt sind, haben viele Menschen in Brasilien nach wie vor die Vorstellung, dass Indigene keine „Leute wie wir“ sind, dass sie  „Waldtiere“, „Untermenschen“ oder „Aussätzige“ sind. Man gibt nicht zu, dass Indigene ein Anrecht auf das Land ihrer Ahnen haben -  schon allein deshalb, weil sie es nicht nach den Gesetzen der Marktwirtschaft und zur Steigerung der Exportquote ausbeuten. In einer Gesellschaft, die sich nach dem Diktat des Neoliberalismus richtet, werden Indigene als Entwicklungs-Hindernisse gesehen.

Sehr erschreckend ist auch die hohe Kindersterblichkeit. In der Stadt Altamira, die ja vom Bau des Staudamms Belo Monte betroffen ist, ist die Rate bei 141 pro 1.000 Kindern, zehn Mal mehr als im nationalen Durchschnitt. Was ist der Grund für diese vielen Todesfälle?
Diese beschämende Tatsache hat viele Ursachen. Ich sehe jedenfalls eine Verbindung zwischen der Kindersterblichkeit und den Großprojekten der Regierung, die wie etwas Sakrosanktes behandelt werden. Die Entscheidungen dazu fallen auf hoher Regierungsebene, ohne dabei die Menschen zu berücksichtigen, die in dem betroffenen Gebiet leben. Noch viel weniger wird dabei auf die Umwelt geachtet. Die Entscheidung zu einem solchen Projekt darf nicht hinterfragt werden, weil es angeblich von nationalem Interesse sei. Als dann die Bevölkerung in Altamira um tausende Menschen wuchs, was tat man? Man hat nicht die ärztliche Infrastruktur ausgebaut, aber man hat dem Bau des Staudamms grünes Licht gegeben; die dafür aufgestellten Kriterien von der Umweltbehörde IBAMA oder von der Stiftung der Indigenen FUNAI gerieten in den Hintergrund.
Was die indigenen Kinder betrifft, sind die Zustände noch erschütternder. In vielen Dörfern fehlt es an den notwendigsten Medikamenten. Die Medizin hat weltweit enorme Fortschritte gemacht, aber dort sterben Kinder an einfachen Durchfallerkrankungen.

Abgesehen von der physischen Gewalt, denen Indigene in Brasilien ausgesetzt sind, müssen sie mit sehr vielen Vorurteilen umgehen. In den sozialen Netzwerken heißt es, sie würden den Wald zerstören, keine Steuern zahlen, dafür Straßen blockieren und den Fortschritt verhindern. Oft scheint es die Leute auch zu stören, dass Indigene Zugang zu Telefon oder Internet haben. Wenn sie Hosen und T-Shirts tragen, werden sie Ziel von Kritik. Warum, denken Sie, gibt es in Brasilien so viel Feindseligkeit gegenüber indigenen Gruppen, und was kann man dagegen tun?
Viele meinen, die Indigenen müssten „normale“ Brasilianer werden und ihrer Zugehörigkeit zu irgendeinem indigenen Volk abschwören. Die Einstellung mancher Leute ist schizophren: Einerseits sollen die Indigenen aufhören, indigen zu sein, sollen ihre Dörfer verlassen, ihren Federschmuck, ihre Körperbemalung und ihre Art und Weise zu leben aufgeben, um wie alle anderen Brasilianer zu sein. Wenn andererseits ein Indigener Jeans und bedruckte T-Shirts trägt, ein Handy hat und gut Portugiesisch spricht, schreien die Verteidiger der brasilianischen Identität auf und sagen: „Das ist ja kein Indigener mehr!“ Vorurteile führen zu Intoleranz und Feindseligkeit. Das ist purer Rassismus! Und Rassismus ist ein Verbrechen.

Die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, die auch von Brasilien unterzeichnet wurde, sieht die Konsultation und die Beteiligung der indigenen Völker bei allen Gesetzten und politischen Vorhaben vor, die ihr Leben betreffen. Wie wichtig ist dieser rechtliche Mechanismus? Und ist er bisher immer berücksichtigt worden – etwa beim Bau vom Staudamm Belo Monte oder beim neuen Megastaudamm-Projekt am Tapajós-Fluss?
Im Fall von Belo Monte gab es weder eine Konsultation noch ein andere Form der Beteiligung der Indigenen. Es wurde aber so getan, als ob. Regierungsvertreter besuchten verschiedene Dörfer und erklärten den Indigenen, welche Vorteile der Staudamm bringen würde. Sie haben Pläne hergezeigt und Monologe gehalten, die für viele Zuhörer unverständlich waren. Übersetzer für die indigenen Sprachen hatten sie keine dabei. Die Indigenen hatten auch keine Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge darzulegen.
Im Fall des Staudamms von São Luiz do Tapajós gab es eine Weisung von staatsanwaltlicher Seite, die Baulizenz nicht zu vergeben, bevor nicht eine wie im Gesetz vorgesehene Konsultation der Indigenen und der anderen Fluss-Anwohner stattgefunden hat.

Man weiß durch unterschiedliche Studien, dass, wenn Land in der Hand von Indigenen ist, dies eines der wirksamsten Mittel gegen Abholzung ist. Die Rodung von Wäldern ist ja ein zentraler Verursacher des Treibhauseffekts.  Denken sie, dass es ein Weg für Brasilien sein könnte, gegen den Klimawandel vorzugehen, indem mehr Gebiete der indigenen Bevölkerung zugesprochen werden?
Die Anerkennung ihres Landes ist ein Verfassungsrecht, das den indigenen Völkern zusteht, und gleichzeitig Garantie für ihr kulturelles und physisches Überleben. Und ja, sie trägt dazu bei, zumindest einen Teil des Amazonas zu retten. Wenn man über die Region fliegt, kann  man sehen: Wo indigenes Land beginnt, hört die Entwaldung auf. Die wirklich ursprüngliche Vegetation findet sich praktisch nur in den Gebieten, die den Indigenen gehören. Neben der Errichtung weiterer Nationalpark-Zonen ist die Anerkennung indigener Gebiete die beste Garantie dafür, einen Teil des Amazonas-Regenwaldes vor der Ausbeutung durch Agro-Business und Minengesellschaften oder vor der Zerstörung durch Mega-Staudämme zu schützen.

Erstmals erschienen im September 2015, gekürzt und übersetzt von Nora Holzmann

Montag, 28. März 2016

Kräutler-Interview: "Brasilien steckt in schrecklicher Krise"

Wiener Zeitung, 28.3.2016
"Brasilien steckt in schrecklicher Krise"
Von Mathias Ziegler
Bischof Dom Erwin Kräutler übergibt an seinen Nachfolger und zieht im Interview Bilanz nach 50 Jahren am Amazonas.

Wien/Brasilia. Rund 35 Jahre lang war Dom Erwin Kräutler Bischof der brasilianischen Amazonas-Diözese Xingu. Anfang April gibt er nun den Bischofsstab weiter und geht in Pension. Die "Wiener Zeitung" hat mit dem 76-jährigen Vorarlberger, der 1965 vom Orden der Missionare vom Kostbaren Blut nach Brasilien geschickt und 2010 für seinen Einsatz für die Rechte der Indios und die Rettung des Regenwaldes mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, über seinen (Un-)Ruhestand, seine Bilanz und die politische und gesellschaftliche Lage in Brasilien gesprochen.

"Wiener Zeitung": Sie sind jetzt offiziell Pensionist. Bleiben Sie in Brasilien oder kommen Sie nach Österreich zurück?

Dom Erwin Kräutler: Ich werde sicher ein Pilger zwischen zwei Welten bleiben. Einfach am Xingu die Zelte abzubrechen, bringe ich nicht übers Herz. Nach mehr als 50 Jahren die Koffer zu packen, meine sieben Sachen zu verstauen, ein paar Bücher und Schriften per Post über den Atlantik zu schicken und dann klammheimlich zu verschwinden, das tue ich sicher nicht. Ich werde wohl länger in Europa sein können, an Einladungen fehlt es nicht. Trotz meiner Emeritierung bei der Brasilianischen Bischofskonferenz bin ich aber noch bis 2019 Sekretär der Bischöflichen Kommission für Amazonien. Den Vorsitz dieser Kommission führt Kardinal Claudio Hummes, der dem frisch gewählten Papst Franziskus zugeflüstert hat: "Vergiss die Armen nicht." An eine definitive Transplantation denke ich also wirklich nicht. Hier in Brasilien sagt man: Einen alten Baum darf man nicht verpflanzen. Wenn man das tut, fallen gleich einmal die Blätter ab, die Zweige verdorren, und er stirbt. Und das habe ich noch nicht im Sinn.

Sie haben am 5. März Ihren Nachfolger, den Franziskanerpater João Muniz Alves zum Bischof geweiht. Was sollte man über ihn wissen?

Nach seiner Ernennung zum Bischof hat er mich sofort angerufen und gebeten, Hauptkonsekrator bei seiner Bischofsweihe zu sein. Damit wollte er wohl zum Ausdruck bringen, dass er den Weg, den die Kirche am Xingu seit Jahrzehnten geht, weitergehen möchte. Ganz sicher wird er neue und wichtige Akzente setzen. Er ist 55 Jahre alt, Magister der Philosophie und machte sein Doktorat in Moraltheologie. Aber vor allem war er Seelsorger in seinem Heimatstaat Maranhão und beim einfachen Volk sehr beliebt, und das scheint mir viel wichtiger zu sein als akademische Titel.
Zuletzt war er auch Guardian im Franziskanerkloster in São Luís do Maranhão, zu dem ich sogar eine ganz persönliche Beziehung habe: Am 4. November 1965 reiste ich von Hamburg nach Brasilien an Bord der "Emsstein" der Norddeutschen Lloyd. Am 18. November legte das Schiff in São Luís do Maranhão an. Um 16 Uhr - also zur zehnten Stunde im Johannesevangelium, die die Jünger nie mehr vergaßen (Joh 1, 39, Anm.) - setzte ich das erste Mal meinen Fuß auf brasilianischen Boden. Ich sprach noch kein Wort Portugiesisch, so war es naheliegend, bei den deutschen Franziskanern unterzukommen, bis die "Emsstein" nach ein paar Tagen wieder in See stach und Kurs auf Belém nahm. Zur Bischofsweihe meines Nachfolgers kam ich nun wieder in dieses Kloster und erkannte sofort die Zelle wieder, in der ich damals, also vor mehr als 50 Jahren, untergebracht war.

Was geben Sie Bischof Alves mit auf den Weg?

Ich wünsche ihm viel Mut und Kraft und hoffe, dass er nicht allzu sehr erschrickt, wenn er das gigantische Ausmaß des Bistums entdeckt und mit den nicht minder gigantischen Problemen dieser Gegend konfrontiert wird. Er soll sich zunächst "heiser hören" und mit viel Liebe und Einfühlungsvermögen auf die Menschen am Xingu zugehen. Vor allem möge er ein guter Hirte sein. Als ich 1980 zum Bischof ernannt wurde, baten mich die Leute, kein Schreibtisch-Bischof zu sein, sondern sie immer wieder in ihren Gemeinden besuchen, damit ich am eigenen Leib erfahre, was sie erleben. Das erhoffe ich nun auch vom neuen Bischof.

Apropos "am eigenen Leib erfahren": Sie wurden 1987 bei einem Autounfall, der wohl ein gezieltes Attentat war, schwer verletzt, später gab es immer wieder Todesdrohungen. Haben Sie jemals ans Aufgeben gedacht?

In keinem Augenblick. Das wäre so etwas wie Fahnenflucht gewesen. Neben dem Gottvertrauen und der Hoffnung "Es wird eh nichts passieren!" war ich immer überzeugt, dass ich nach meinem Gewissen und aus Liebe zu den mir anvertrauten Menschen gehandelt habe. Dazu kommt, dass ich in den Tagen, als es für mich wirklich bedrohlich war, ganz besonders die Liebe und Zuneigung des Volkes am Xingu erleben durfte. Wie oft kam jemand auf mich zu und bat mich, nicht aufzugeben. Es gab Transparente in den Kirchen: "Wir kennen deine Sorgen, aber gib nicht auf! Wir lieben dich!" Trotz der Drohungen hätte ich es nie übers Herz gebracht, den Menschen am Xingu den Rücken zu kehren. Meine Liebe zu diesem Volk war nie eine Einbahnstraße. Ich durfte selbst immer wieder Liebe und Vertrauen erfahren.

Welche Bilanz ziehen Sie generell nach 50 Jahren in Brasilien und 35 Jahren als Bischof von Xingu? Wie hat sich die Situation der indigenen Bevölkerung verändert?

Die größte Wende brachte die Verfassungsgebende Versammlung 1987/88. Das ist wohl eines der größten Erfolgserlebnisse meines Lebens. Ich war Vorsitzender des Rates der Bischofskonferenz für Indigene Völker. Damals setzten wir uns gemeinsam mit den Indigenen massiv für eine Verfassungsänderung ein. Bis dahin sprachen die Verfassungen diskriminierend von der "Eingliederung der Waldbewohner in die nationale Gesellschaft" - das roch immer nach einem Gewaltakt: Jemand oder ein Gesetz entscheidet über die Zukunft von Menschen, ohne sie nach ihrer Meinung zu fragen. Die weiße Überheblichkeit diktierte die Regeln.
Damit begann die brasilianische Apartheid-Geschichte: Die Indios sind die Wilden, die Weißen sind die Zivilisierten, die Gebildeten, die Vornehmen, die von anderen Kontinenten kamen, sich hier etablierten, die brasilianische Nation bildeten und die seit Jahrtausenden in diesem Land lebenden Ureinwohner rücksichtslos ausschlossen. Die Indigenen haben zu dieser nationalen Gesellschaft nur Zugang, wenn sie auf ihre Identität verzichten, wenn sie bereit sind, sich "zivilisieren" zu lassen, um "normale" Brasilianer zu werden.
Dieser infamen Apartheid-Geschichte setzte die Verfassung von 1988 ein Ende. Die Indios bekamen ein Recht auf ihr angestammtes Gebiet, ihre Kultur und Sprache, ihre sozialen Organisationsformen. Sie wurden damit sozusagen Vollbürger, und diese Tatsache schenkte den fast 200 Völkern geradezu neues Leben und gab ihnen den Stolz und die Freude zurück, diesem oder jenem Volk anzugehören.
Leider Gottes gibt es heute im Nationalkongress wieder beängstigende Bestrebungen, die Verfassung zu ändern und bereits durchgeführte Demarkierungen von Indio-Gebieten zu revidieren. Die Katholische Kirche in Brasilien und verschiedene Pro-Indio-Organisationen stemmen sich vehement dagegen. Unser Kampf für die Rechte der Indigenen Völker geht also weiter, und es bleibt zu hoffen, dass ihre in der Verfassung festgeschriebenen Rechte auch in Zukunft Geltung haben und respektiert werden.

Welche Rolle spielen dabei Großereignisse wie die Fußball-WM und Olympia? Sind das echte Chancen für die Bevölkerung oder bloß große Shows fürs Ausland, mit denen Missstände übertüncht werden?

Mit "Panem et Circenses" wollte man schon im alten Rom die Bevölkerung politisch mundtot machen. Scheinbar hat das damals auch funktioniert. Bei Olympia und der Fußball-WM geht es erneut um "Circenses", die von der Krise ablenken sollen, in der Brasilien steckt. Eines empört mich immer wieder: Die Sicherheitsvorkehrungen gelten praktisch nur den Olympia-Touristen aus aller Welt. Sie brauchen keine Angst vor Raubüberfällen oder Attentaten zu haben, denn ein Riesenaufgebot an Sicherheitskräften wird sie bewachen und behüten. Aber wenn die Olympischen Spiele vorbei sind, umfängt plötzlich wieder der Alltag die Leute in den Favelas und anderswo. Die Sicherheitsvorkehrungen werden aufgehoben, die Soldaten ziehen in ihre Kasernen zurück. Sie werden erst wieder auf der Bildfläche erscheinen, wenn irgendwo Opfer der Drogenmafia oder anderer Überfälle zu beklagen sind. Bei einer Beerdigung von frühzeitig aus dem Leben gerissenen Menschen braucht es allerdings kein massives Polizeiaufgebot mehr.

Was halten Sie von Präsidentin Dilma Rousseff und ihrem Vorgänger Lula da Silva, den sie nun zurück in die Regierung - und damit wieder in die Immunität - geholt hat?

Brasilien steckt in einer schrecklichen Krise, wirtschaftlich und vor allem moralisch. Schändliche Polarisierungen und gegenseitige Schuldzuweisungen sind an der Tagesordnung. Eigentlich ist es fast ein Wunder, dass die Proteste bisher nicht in blutige Straßenfehden ausgeartet sind. Die Medien scheinen ihre politische Unabhängigkeit aufgegeben zu haben. Die Nachrichten arten oft in Stellungnahmen pro oder contra aus. Bitterer noch ist, dass die Justiz oft ihre Autonomie über Bord zu werfen scheint und politische Entscheidungen fällt. Der innerbrasilianische Frieden ist gefährdet. Diese Geschichte hat irgendwie schon mit Lula begonnen und hängt auch mit einem falschen Fortschritts- oder Entwicklungsbegriff zusammen. Lula meint bis heute, Entwicklung bedeute, die Konsumfähigkeit der ärmeren Bevölkerung zu erhöhen.

Aber das ist doch ein guter Ansatz.

Theoretisch vielleicht schon, nur wurde im Gesundheits- und Erziehungswesen, in der öffentlichen Sicherheit und im Transportwesen sehr wenig bis überhaupt nichts getan. Und plötzlich kamen die ersten Korruptionsfälle ans Tageslicht. Kaum jemand glaubte Lula, als er schwor, nichts gewusst zu haben. Damit war die in allen Wahlkampagnen als Markenzeichen seiner PT propagierte Ethik in der Politik im Eimer. Die Folge ist eine in diesem Ausmaß bisher nicht gekannte Politikerverdrossenheit samt Korruptionsvorwürfen gegen so gut wie alle Politiker aller Couleurs. Kein Wunder, sind doch die Präsidenten sowohl des Senats als auch der Abgeordnetenkammer im Nationalkongress mit Korruptionsprozessen eingedeckt, erfreuen sich aber einer Gerichtsimmunität und denken nicht im Entferntesten daran, ihre Funktionen und Privilegien aufzugeben.
Lula selbst zelebrierte sich immer mehr selbst, wurde arrogant, frönte einer abstoßenden Egolatrie und hat messianische Allüren. Er redet zwar immer noch von den Armen, schloss aber Allianzen gerade mit den Reichen, die für die Misere der Armen Verantwortung tragen. Er umarmte Politiker der extremen Rechten und nannte das Verhandlungstaktik, verlor aber dabei immer mehr sein Gesicht. Seine Ziehtochter Dilma ist total überfordert und dazu noch präpotent und eigensinnig. In einer Umfrage haben 68 Prozent ein Amtsenthebungsverfahren gefordert. Es ist allerdings schwer, sie tatsächlich in Korruptionsaffären verwickelt zu sehen und dies auch zu beweisen. Außerdem ist die Opposition keineswegs vertrauenswürdiger und steckt genauso im Morast. Ich kann im Moment absolut niemanden im politischen Szenario Brasiliens ausmachen, der oder die für mich wählbar wäre. Wir gehen einer besorgniserregenden Zukunft entgegen. Aber Brasilianer geben die Hoffnung nie auf: Vielleicht erhebt sich ja doch noch ein Phönix aus der Asche.


Der Standard, 29.3.2016
Brasiliens Regierungskoalition ist geplatzt
Amtsenthebung der Staatspräsidentin Rousseff wird immer wahrscheinlicher

Kooperation Brasilien, 24.03.2016
Brasilien kurz vor dem Putsch?
In den vergangenen Wochen überschlagen sich die Ereignisse in Brasilien. Wir versuchen gemeinsam mit Thomas Fatheuer, Mitarbeiter des Forschungs- und Dokumentationszentrums Chile-Lateinamerika und Vorstand der Kooperation Brasilien, die Ereignisse einzuordnen. (Audio-Interview)

Kath.ch, 29.3.2016
Bischof Kräutler: Errungenschaften für Indigene sind wieder in Gefahr
Xingu/Wien, 29.3.16 (kath.ch) Vor Entwicklungen in Brasilien, durch die die Errungenschaften für die indigene Bevölkerung Amazoniens wieder in Gefahr geraten, hat der östereichisch-brasilianische Bischof Erwin Kräutler gewarnt. Im brasilianischen Nationalkongress gebe es Bestrebungen, verfassungsgemässe Landzuteilung an Indios wieder zu revidieren, wird Kräutler in der «Wiener Zeitung» zitiert.

Dienstag, 23. Februar 2016

Bischof Erwin Kräutler: Ein Leben für die Indios

BR.de, 18.2.2016
Amazonas-Bischof Erwin Kräutler
Ein Leben für die Indios
Seit über 50 Jahren setzt sich Bischof Erwin Kräutler für die Rechte der Indios ein. Kompromisslos geht er gegen politische, soziale und wirtschaftliche Missstände vor. Verleumdung und Morddrohung sind die Folge. In Theo.Logik spricht er mit Wolfgang Küpper über seine Lebensaufgabe.

Über 50 Jahre für Amazonien und die Indios

Der Vorarlberger Priester und Ordensmann Erwin Kräutler ist die Stimme der indigenen Völker im Amazonasgebiet, einer Gegend, in der seit Jahrhunderten Unrecht herrscht. Erst 1988 – als Kräutler bereits Bischof der flächenmäßig größten Diözese Brasiliens im Amazonasgebiet war – gelang es, die Rechte der indigenen Völker in der brasilianischen Verfassung zu verankern. Geachtet werden sie bis heute aber längst nicht überall.

"Da hat die Kirche und auch andere Organisationen den Auftrag sich für die Indios einzusetzen und wir tun das ja nicht in eigener Regie, sondern immer mit den Indios zusammen." Bischof Erwin Kräutler

Die Kirche soll an die Ränder der Gesellschaft gehen

Für sein mutiges und selbstloses Engagement für die Rechte der indigenen Völker Brasiliens und die Bewahrung ihrer Lebenswelt im Amazonasbecken wird seine Arbeit mit dem Bayerischen Naturschutzpreis gewürdigt. "Wasserkraftwerke werden ohne Zustimmung der Indios gebaut, Bodenschätze unerlaubt abgebaut. Die Ureinwohner von ihrem angestammten Gebiet vertrieben", berichtet der 76-jährige Bischof. Auch wenn sein Kampf für die Rechte der Indios oft erfolglos ist, auch wenn er zusammen mit 27 Priester in einem Gebiet dreimal so groß wie Österreich oft auf weiter Flur alleine ist. Er wird sich weiter einsetzen für sein Volk.

Theo.Logik-Podcast vom 22.2.2016
Einsatz für die indigenen Völker
Interview mit Amazonas-Bischof Erwin Kräutler
(Audio-Podcast - von min 1:30 bis min 14:30)

Sonntag, 14. Februar 2016

Bischof Kräutler predigt zur Eröffnung der Misereor Fastenaktion 2016 in Würzburg


Mit einem festlichen Pontifikalamt wird die Fastenaktion Misereor im St. Kiliansdom in Würzburg eröffnet. Sie steht in diesem Jahr unter dem Leitwort "Das Recht ströme wie Wasser" und thematisiert die Sorge für Recht, Gerechtigkeit und Menschenwürde am Beispiel Brasilien. Im "Heiligen Jahr der Barmherzigkeit" erinnert die Fastenaktion, die zum ersten Mal gemeinsam mit dem Rat der christlichen Kirchen Brasiliens durchgeführt wird, an die gemeinsame Verantwortung für die Welt. Hauptzelebrant des Gottesdienstes ist der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann. Ihm zur Seite stehen viele Gäste aus Brasilien, zum Beispiel der Träger des Alternativen Friedensnobelpreises Bischof Erwin Kräutler oder Bischof Frei Wilmar Santin aus Itaituba im Bundesstaat Pará.

Der Gottesdienst in der ARD-Mediathek, 14.2.2016

Die Ansprache von Bischof Kräutler beginnt bei Minute 20


BR24, 16.2.2016
620.000 TV-Zuschauer sahen Misereor-Gottesdienst
Beachtliche Quote: Etwa 620.000 Fernsehzuschauer haben nach Angaben der ARD den Pontifikalgottesdienst zur bundesweiten Eröffnung der Misereor-Fastenaktion verfolgt. Das Erste übertrug die Feier aus dem Würzburger Kiliansdom live.

domradio.de, 14.2.2016
Misereor-Fastenaktion in Würzburg eröffnet
"Hirte für die Menschen"
Mit einem feierlichen Gottesdienst in Würzburg ist am Sonntag die Misereor-Fastenaktion der katholischen Kirche Deutschlands eröffnet worden. Unter dem Leitwort "Das Recht ströme wie Wasser" steht dieses Jahr Brasilien im Mittelpunkt.

Pressestelle Würzburg, 14.2.2016
Dokumentation
„Das Recht ströme wie Wasser“
Predigt von Bischof Dr. Friedhelm Hofmann und Bischof Erwin Kräutler beim bundesweiten Eröffnungsgottesdienst der 58. Misereor-Fastenaktion am 14. Februar 2016 im Würzburger Kiliansdom


Samstag, 13. Februar 2016

Bischof Kräutler hinterfragt "saubere Energie" in Amazonien

Bischof Kräutler über die Ungerechtigkeit am Amazonas

Bayrisches Fernsehen, 22.2.2016
Bischof Kräutler - Die Stimme der Indios



Fränkische Nachrichten, 13.2.2016
Hoffnung auf Recht ein Gesicht geben
Würzburg. Als eine "menschliche Tragödie" hat Bischof Erwin Kräutler aus dem brasilianischen Bistum Xingu die Vertreibung der Menschen für den Bau eines Staudamms am Amazonas bezeichnet. Er sprach bei einer Pressekonferenz am Donnerstag im Würzburger Burkardushaus anlässlich der bundesweiten Eröffnung der 58. Misereor-Fastenaktion in Würzburg.

Brasilien ist das Beispielland der Aktion, die am Sonntag, 14. Februar, um 11 Uhr mit einem Gottesdienst im Kiliansdom eröffnet wird. Sie steht unter dem Leitwort "Das Recht ströme wie Wasser". Die Misereor-Fastenaktion lenke den Blick auf globale Zusammenhänge, sagte Bischof Dr. Friedhelm Hofmann. "Es geht darum, das Bewusstsein der Verantwortung füreinander wachzurufen und bessere Lebensbedingungen zu schaffen."

Gemeinsam mit Brasilien

"Wir freuen uns, dass das Bistum Würzburg als Ort der bundesweiten Eröffnung ausgesucht wurde", sagte Bischof Hofmann. Erstmals gebe es eine gemeinsame Fastenaktion mit der brasilianischen Bischofskonferenz und dem Rat der christlichen Kirchen in Brasilien (CONIC). Seit dem Jahr 2012 verbinde eine Partnerschaft mit der Diözese Óbidos das Bistum Würzburg mit Brasilien. Vorausgegangen seien langjährige Kontakte zu Missionaren, die aus der Diözese Würzburg stammen.

"Immer mehr Menschen haben für diese Partnerschaft und vor allem für die Menschen in Brasilien Feuer gefangen", sagte Bischof Hofmann. "Eine große Freude ist für mich der intensive Austausch und das Engagement vieler junger Menschen." Die Diözese Würzburg unterstütze in Óbidos die Bereiche Gesundheit, Bildung, Pastoral sowie die Kommission für Landpastoral (CPT). Diese unterstütze die Menschen, oft einfache Fischer und Kleinbauern, in ihren Rechten, erklärte Bischof Hofmann.

Durch die Eröffnung der Misereor-Fastenaktion im Bistum Würzburg würden Synergien zwischen Misereor und den an Brasilien interessierten Gemeinden und Gruppen entstehen. Diese zeigten sich auch im umfangreichen Programm zur Fastenaktion mit mehr als 100 Veranstaltungen.

Über 180 Projekte

Misereor unterstütze über 180 Projekte in Brasilien, erklärte Monsignore Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von Misereor, über eine Live-Zuschaltung direkt aus Brasilien. Zwei davon seien als Beispielprojekte gewählt worden.

So setze sich das "Centro Gaspar Garcia" in der Millionenstadt São Paulo für das Recht auf Wohnen ein. "Ich habe gesehen, unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen die Menschen dort leben." So gebe es in manchen Stadtteilen weder Trinkwasser noch eine Abwasserentsorgung.

Das zweite Projekt beschäftige sich mit dem geplanten Staudamm am Fluss Tapajós, einem südlichen Nebenfluss des Amazonas. Dort drohe vielen Menschen die Vertreibung aus ihrer Heimat. "Wir fordern, die Rechte der indigenen Munduruku und der Menschen, die dort leben, zu respektieren und zu unterstützen", erklärte Spiegel. "Wir alle sind angesprochen, der Hoffnung auf Recht und Gerechtigkeit ein Gesicht zu geben."

Menschliche Tragödie

Von seinem Kampf gegen den Bau des Wasserkraftwerks "Belo Monte" berichtete Bischof Kräutler. Die Stadt Altamira beispielsweise sei auf 150 000 Einwohner angewachsen, ohne dass die entsprechende Infrastruktur geschaffen wurde. "Wir stehen buchstäblich vor einem Chaos."

Im Zuge des Staudammbaus seien ganze Gemeinden "einfach vom Erdboden verschwunden". Gemeinschaften würden zerrissen, die Kultur der Menschen zerstört. "Es ist eine menschliche Tragödie." Wasserkraft werde als "saubere Energie" bezeichnet, und die Regierung von Brasilien setze auf riesige Wasserkraftwerke.

Strategie der Straßenwalze

"Doch kein Mensch spricht davon, was im Umfeld passiert", sagte Kräutler. Menschen würden von ihrem Grund und Boden vertrieben, Hunderttausende Quadratkilometer Regenwald gerodet.

Bischof Erwin Kräutler sprach in Würzburg von einer "Strategie der Straßenwalze", mit der über die Menschen hinweg entschieden werde.

"Wir hoffen, dass unsere Erfahrung den Menschen am Tapajós Rückendeckung gibt im Kampf gegen dieses Projekt." Zudem gebe es Studien, laut denen Amazonien eine klimaregulierende Funktion für die ganze Erde habe. "Wenn Amazonien nicht mehr ist, dann wird das weit über die Staatsgrenzen und den Atlantik hinweg den ganzen Planeten Erde betreffen", warnte er.

Freitag, 12. Februar 2016

Amazonas-Bischof Kräutler: „Die Indios brauchen ihr Land“


Main-Post, 11. Februar 2016
Amazonas-Bischof: „Die Indios brauchen ihr Land“

Wenn am Wochenende das Hilfswerk Misereor in Würzburg seine Fastenaktion 2016 eröffnet, richten sich die Blicke auf das Beispielland Brasilien. Dort kämpft Bischof Erwin Kräutler im Amazonasgebiet seit 50 Jahren an der Seite indigener Völker für deren Rechte und Selbstbestimmung. Am Sonntag predigt er gemeinsam mit Würzburgs Bischof Friedhelm Hofmann im ARD-Fernsehgottesdienst aus dem Kiliansdom zum Start der Fastenaktion. Wir sprachen mit dem 76-jährigen gebürtigen Österreicher.

Frage: Bischof Kräutler, kurz vor Weihnachten hat Papst Franziskus Ihren altersbedingten Rücktritt angenommen. Bleiben Sie am Xingu, in Amazonien?
Erwin Kräutler: Natürlich bleibe ich dort. Einen alten Baum kann man nicht versetzen. Ich bin seit 50 Jahren in Amazonien, war 35 Jahre Bischof.

Der Xingu ist Ihnen zu Heimat geworden . . .
Kräutler: Ja. Heimat ist dort, wo es gute Menschen gibt, wo man sich wohlfühlt und seine Aufgabe erfüllt. Ich bin mit 26 Jahren an den Xingu gekommen. Das ist prägend.

Warum sind Ihnen speziell die indigenen Völker so ans Herz gewachsen?
Kräutler: Zwei Onkel von mir waren schon seit 1934 in Brasilien, am Xingu – einer von ihnen als Priester. Er hat vier- bis fünfmal im Jahr Briefe nach Hause geschrieben. Und darin ging es meist um die indigenen Völker. Ich wusste also schon als Bub, was die Kayapo sind, die Indios am Xingu. Als ich 1965 selbst nach Brasilien gekommen bin, habe ich als erstes gefragt: Wie geht's den Kayapo? Die Antwort war: Ich solle mich nicht um die Indios kümmern, sondern um die armen Menschen entlang der Flüsse. Die Indios werde es in 20 Jahren nicht mehr geben. Sie seien wild, hinterhältig und müssten eigentlich ausgemerzt werden. Da habe ich gesagt: Das darf nicht sein! Ich will mich mit meinen Möglichkeiten einsetzen, damit die Indios überleben.

Sie haben einen Mordanschlag schwer verletzt überlebt, bekommen Drohungen, stehen unter Polizeischutz. Wem stehen Sie im Weg?
Kräutler: Es gibt vier Gründe. Erstens wurde im Februar 2005 eine Mitarbeiterin von mir ermordet. Für diese Mafiosi weiß auch ich zuviel – und die Regierung hat Sorge, mir könnte das Gleiche passieren. Das Zweite ist mein Einsatz für die indigenen Völker. Da bin ich vielen ein Dorn im Auge: Unternehmen, Bergbaugesellschaften, Holzhändlern, Großgrundbesitzern. Sie wollten an das Land heran – und es legt sich einer quer. Dann mein Widerstand gegen den Staudamm von Belo Monte am Xingu. Er geht an den Lebensnerv von Völkern. Und das Vierte: Männer aus Altamira hatten Schulmädchen missbraucht. Keiner hat sich aufgeregt. Aber ich habe die Leute angezeigt, als ich davon erfahren hatte. Die haben mich sofort mit dem Tod bedroht.

Sie wurden für Ihren Einsatz 2010 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Was bedeutet er Ihnen, wo Sie doch auf Ehrungen und Titel so wenig Wert legen?
Kräutler: Ich war ja nie allein unterwegs, sondern hatte immer Mitstreiter. Als Bischof steht man natürlich mehr im Rampenlicht. Deshalb habe ich diese Auszeichnungen immer stellvertretend als Anerkennung für den Einsatz angenommen - für alle, die sich mit mir eingesetzt haben, vor allem auch Frauen.

Wo leiden denn Indios heute am meisten?
Kräutler: Wir haben 1987 bei der Verfassung gebenden Versammlung dafür gekämpft, dass ihre Rechte aufgenommen werden. Das ist uns gelungen. Heute gibt es im Nationalkongress eine anti-indigene Ausrichtung, gerade von Großgrundbesitzern, die das Rad zurückdrehen will. Wir setzen uns heute ein für die Verfassung, gegen den Kongress.

Am Xingu mussten Sie erleben, dass die Verfassung nichts zählt.
Kräutler: Bei all diesen Großprojekten müssen laut Verfassung die Betroffenen, insbesondere die indigenen Völker, angehört werden. Das ist am Xingu nicht geschehen. Deshalb ist der Staudamm von Belo Monte verfassungswidrig.

Trotzdem laufen dort die Turbinen an. Was ist mit den Anwohnern passiert?
Kräutler: Sie wurden vor die Tatsache gestellt, dass sie weg müssen. Es gab Entschädigungszahlungen, aber für die meisten viel zu gering. Die Leute wurden zwangsumgesiedelt mit dem Versprechen, ihr kriegt ein schönes Häuschen. Das war dann aus Fertigteilen weit weg von der Stadt. Wenn jemand vom Fischfang lebt, wohnt er am Flussufer. Es gibt keinen Fischer im Stadtzentrum. Oder Kleinbauern. Sie haben keinen anderen Beruf und brauchen ihr Land, brauchen das Wasser.

Das heißt, hier geht es um Existenzen und die Zerstörung ganzer Kulturen?
Kräutler: Das eine ist die physische Vernichtung: Leute überleben das einfach nicht, weil sie sich nicht mehr versorgen können. Oder sie werden zwangsumgesiedelt und das ist für indigene Völker meistens fatal. Sie kommen an den Stadtrand, werden aus ihrem kulturellen Umfeld herausgerissen, und dann verfallen sie leicht dem Alkohol oder der Prostitution. Neben dem ökologischen Eingriff wurden die schweren sozialen Folgen total vergessen. Stellen Sie sich vor: Die Stadt Altamira, durch den Staudammbau von 90 000 auf 150 000 Einwohner hochgeschnellt, wird zu einem Drittel überflutet. 30 000 bis 40 000 Menschen sind direkt betroffen, sie haben ihr Haus verloren.

Wer profitiert eigentlich vom Staudamm?
Kräutler: Er wurde gebaut, um Energie zu gewinnen. Und die wird zum überwiegenden Teil den Großunternehmen zur Verfügung gestellt, vor allem im Bergbau und für den Export. Die Aluminiumverhüttung ist sehr energieintensiv.

Sind wir als Konsumenten über den Export bzw. dessen Import bei uns – zum Beispiel Soja – mitverantwortlich für den Raubbau in Amazonien?
Kräutler: Man kann das nicht mehr trennen. Wir haben nur die eine Welt. Was heute in Brasilien passiert, hat mit Sicherheit Rückwirkungen auf den alten Kontinent. Vielleicht nicht heute, aber übermorgen. Amazonien hat eine klimaregulierende Funktion für die ganze Erde. Verbunden mit jedem Staudamm ist die großflächige Abholzung von Regenwald. Abertausende Quadratkilometer sind bereits abgeholzt – auch für Rinderherden der Großgrundbesitzer oder den Soja-Anbau. Das alles ist exportorientiert. Auch im Süden Brasiliens glaubt man immer noch, Amazonien sei der Hinterhof, aus dem alles herauszuholen ist. Diese Einstellung muss geändert werden.

Ihr Bistum Xingu ist flächenmäßig größer als Deutschland. Wie erreichen Sie überhaupt die Leute?
Kräutler: Zu Wasser, zu Land und in der Luft. Am Unterlauf des Xingu bin ich auch mal zwölf oder 15 Tage mit dem Schiff unterwegs und ziehe von Gemeinde zu Gemeinde.

Sind Bischöfe in Brasilien kämpferischer und mutiger als bei uns?
Kräutler: Ich glaube, Sie sind anders und stärker gefordert. Wenn ich zum Himmel schreiendes Unrecht erlebe, auch am eigenen Leib - dann kann ich nicht mehr still halten. Ich wurde 1981 zum Bischof gewählt, 1983 hat mich die Militärpolizei niedergeprügelt. Ich habe mich auf die Seite der Ausgebeuteten gestellt. Und wenn man diesen Schritt macht, stellt man sich gegen die Interessen der Unternehmen, der Bergbaugesellschaften, der Großgrundbesitzer und all dieser Typen, die es auf den Regenwald abgesehen haben.

Erwin Kräutler
Der aus Vorarlberg stammende Erwin Kräutler (76) lebt seit 50 Jahren am Xingu im brasilianischen Amazonasgebiet. 35 Jahre war er dort Bischof und setzt sich weiter für die Umwelt und die Rechte der indigenen Völker ein. Wegen Morddrohungen steht er seit 2005 unter Polizeischutz. Zuletzt kämpfte er gegen den Bau eines gewaltigen Staudammes am Xingu. Kräutler hat vier Artikel über Amazonien und die indigenen Völker zur viel beachteten Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus beigetragen.



Brasilianischer Bischof prangert Ungerechtigkeit an
Bischof Erwin Kräutler kritisiert brasilianische Regierung
Der brasilianische Bischof Erwin Kräutler wirft der Regierung des Landes Rechtsbruch bei Staudammprojekten in Amazonien vor. So seien entgegen der Vorschriften die Menschen vor Ort nicht gehört worden, sagte Kräutler am Donnerstag im Vorfeld der bundesweiten Eröffnung der Fastenaktion des katholischen Hilfswerks Misereor in Würzburg.
Weiterlesen auf katholisch.de 11.02.2016

Donnerstag, 4. Februar 2016

Bischof Kräutler predigt bei der regionalen Bischofskonferenz in Belém

Dom Erwin Kräutler
Beim Abschlussgottesdienst der Regionalen Bischofskonferenz "Norte 2" am 2. Februar in Belém durfte Bischof Erwin Kräutler die Predigt halten. Im Dezember hatte Papst Franziskus seinen Rücktritt als Bischof am Xingu angenommen. 50 Jahre seines Lebens verbrachte er bereits am Xingu, und 35 Jahre davon als Bischof. Es war für Kräutler auch ein historischer Moment, denn zum ersten Mal konzelebrierte er mit seinem Nachfolger Dom João Muniz.

Dom Erwin sprach frei aus dem Herzen zum Evangelium vom barmherzigen Samariter. Dabei sei besonders auf die Frage Jesu zu achten.
Der Jüngling hat gefragt: Wer ist mein Nächster.
Jesus nimmt eine andere Position ein, er schaut auf den Notleidenden vor sich und fragt: Wer hat sich diesem am Boden Zerstörten als der Nächste erwiesen - in der Tat?

Die Predigt im Originalton auf YouTube

Dom João Muniz