Mittwoch, 17. September 2014

Österreich: erschreckender Sachstandsbericht Klimawandel 2014 veröffentlicht

ORF, 17.9.2014
Wetterextreme nehmen zu
Es ist ein beeindruckendes Konvolut, das Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP) am Mittwoch präsentiert hat. Auf über tausend Seiten wurden erstmals die Dimensionen und Auswirkungen des Klimawandels auf Österreich umfassend dokumentiert - mit ernüchterndem Ergebnis. So trifft der Klimawandel den Alpen-Raum besonders stark. Im globalen Vergleich sind hier die Temperaturen seit 1880 besonders stark gestiegen. Die Folge sind Wetterextreme, wie sie sich zuletzt besonders gehäuft zeigten. Um gegenzulenken, müsse sich die Gesellschaft radikal ändern, so die Autoren.


Download des Klima-Berichts 

Austrian Panel of Climat Change (APCC)

Montag, 8. September 2014

Indigene vertreiben illegale Holzfäller aus ihrem Gebiet


Der Standard, 7. September 2014
Brasilianische Indigene erklären illegalen Holzfällern Krieg

Angehörige der Kaapor bilden Heer in Maranhão
São Paulo - Brasilianische Indigene haben eine bewaffnete Truppe zur Bekämpfung der illegalen Waldrodung gebildet. Die Kaapor seien im nordbrasilianischen Bundesstaat Maranhão in den Krieg gegen die Holzfäller getreten, weil die zuständigen staatlichen Stellen untätig blieben. Das erklärte der Anführer Itahu, wie die Zeitung "Folha de São Paulo" am Samstag berichtete.

Um die 150 Kaapor hätten ein "Urwald-Heer" gebildet, das bereits im August 16 Holzfäller beim illegalen Roden überrascht und gefangen genommen habe. Die Männer seien geschlagen und mit Bein- und Armbrüchen im Urwald wieder freigelassen worden. "Wir wissen nicht, ob sie überlebt haben", sagte Itahu der Zeitung. Der 32-jährige Anführer der 2.000 Kaapor-Indigenen erklärte, er habe an der Aktion nicht teilgenommen.

"Wir stehen im Krieg"
"Wir stehen im Krieg (gegen die Holzfäller), weil uns niemand hilft", sagte der 32-jährige der Zeitung. Die Behörde für Urbevölkerung Fundação do Indio (Funai) habe die Kaapor seit Monaten sich selbst überlassen. Justizminister José Eduardo Cardozo ordnete eine Untersuchung der Vorfälle an.

Ein Gericht hatte im Jänner der Funai und der Behörde für Umweltschutz angeordnet, Wachposten zum Schutz des Kaapor-Reservats von Alto Turiaçu aufzustellen. Beide Staatsstellen gingen jedoch in Berufung gegen den Richterspruch. Personalmangel verhindere eine Verstärkung des bereits bestehenden Schutzes, gaben sie an. In Brasilien leben rund 800.000 Angehörige von Ethnien der Urbevölkerung. (APA, 7.9.2014)


latinapress, 05. September 2014
Brasilien: Indigene verprügeln und vertreiben illegale Holzfäller

Eine Gruppe von Ureinwohnern im brasilianischen Amazonasgebiet hat das Gesetz in die eigene Hand genommen und illegal arbeitende Holzfäller aus dem Gebiet ihrer Vorfahren vertrieben. Die Männer vom Stamm der Ka’apor prügelten und fesselten die Holzfäller, Lastwagen und Kettensägen wurden verbrannt. Die bereits geschlagenen Holzstämme wurden ebenfalls vernichtet.

Nach Angaben der brasilianischen Behörde für die Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen mit Bezug zu indigenen Völkern (Fundação Nacional do Índio, FUNAI ) ereignete sich der Vorfall bereits am 7. August im Indigenenreservat Alto Turiaçu (Bundesstaat Maranhão). Die Führer der Indigenen warfen der Behörde vor, in ihren Bemühungen zum Schutz der Ureinwohner versagt zu haben. Die FUNAI ist auch für den Schutz dieser Gebiete vor unbefugten Eindringlingen zuständig.


Der Fotograf Lunae Parracho von Reuters begleitete die Indigenen bei ihrem Einsatz und publizierte Fotos auf seinem Blog am 4.9.2014


O Estado de S. Paulo, 04 Setembro 2014
Índios atacam madeireiros no Maranhão
O fotógrafo Lunae Parracho, da agência Reuters, publicou nesta quinta-feira fotos em seu blog de um embate entre índios da etnia kaapor e madeireiros na terra indígena do Alto Turiaçu, no nordeste do Maranhão, na divisa com o Pará.

O Globo, 5.9.2014
Membros da etnia Ka’apor atacam e expulsam madeireiros ilegais
Tribos fazem blitz em reserva no Noroeste do Maranhão sem a participação de forças do Estado, batem e amarram invasores.

Exame.com, 5.9.2014
Marina aponta omissão em conflito entre índios e madeireiros
Candidata afirmou que a omissão do governo federal na gestão de florestas leva a situações extremas
Rio de Janeiro - A ex-ministra do Meio Ambiente e candidata à Presidência Marina Silva (PSB) afirmou, nesta sexta-feira, que a omissão do governo federal na gestão de florestas leva a situações extremas como os conflitos entre índios e madeireiros.

Donnerstag, 4. September 2014

Papst Franziskus kritisiert Thyssen-Krupp wegen Entlassungen


Der Tagesspiegel, 03.09.2014
Papst geißelt Thyssen-Krupp
"Mit Arbeit spielt man nicht"
Er hat es schon wieder getan. Erst kürzlich hatte Papst Franziskus in einem Interview mit einer spanischen Zeitung die Auswüche des Kapitalismus kritisiert, jetzt hat er sich den deutschen Stahl- und Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp vorgeknöpft. Der will in seinem italienischen Werk in Terni Stellen streichen. "Ich bringe meine tiefe Besorgnis über die schlimme Situation vieler Familien in Terni wegen des Projekts der Firma Thyssen Krupp zum Ausdruck“, sagte der Pontifex am Mittwoch bei der Generalaudienz in Rom. „Mit Arbeit spielt man nicht.“ Im Zentrum jeder Frage müssten der Mensch und seine Würde stehen, forderte das 77 Jahre alte Oberhaupt der katholischen Kirche. „Ich appelliere erneut, dass nicht die Logik des Profits gewinnen darf, sondern die der Solidarität und Gerechtigkeit“, forderte der Papst weiter. Wer Arbeitsplätze streiche, um mehr Geld zu verdienen, nehme den Menschen ihre Würde.
Der Papst ist ein Kritiker des Kapitalismus

Der Papst ist ein scharfer Kritiker des Kapitalismus. In der Vergangenheit hat Franziskus wiederholt Ausbeutung und Hunger gegeißelt. Das Wirtschaftssystem stehe nicht im Dienste der Menschen, sondern die Menschen im Dienste des Systems, meint der Papst. Selbst vor Kriegen schrecke das System nicht zurück. "Damit das System fortbestehen kann, müssen Kriege geführt werden, wie es die großen Imperien immer getan haben.

Einen Dritten Weltkrieg kann man jedoch nicht führen, und so greift man eben zu regionalen Kriegen", sagte Franziskus im Juni.

Nun trifft seine Kritik Thyssen-Krupp. Der Essener Konzern hatte im Juli ein Sparprogramm für das Stahlwerk in Süditalien angekündigt. Dem sollen rund 550 der derzeit 2600 Stellen zum Opfer fallen, die italienischen Gewerkschaften haben bereits Widerstand angekündigt. Von der Papst-Schelte lässt sich der Konzern aber nicht abschrecken. Ein Thyssen-Krupp-Sprecher wies auf Anfrage darauf hin, dass das Unternehmen unverändert an seinen Plänen festhalte. Bislang habe es jedoch noch keine Gespräche zur Umsetzung der geplanten Maßnahmen gegeben. (mit dpa)


Handelsblatt, 03.09.2014
Papst kritisiert Thyssen-Krupp
„Mit Arbeit spielt man nicht“
Eine Mahnung von höchster geistlicher Stelle: Papst Franziskus kritisiert den Stellenabbau von Thyssen-Krupp bei einer italienischen Tochter. Doch der Industriekonzern lässt sich vom Pontifex offenbar nicht beeinflussen.

Rom/EssenPapst Franziskus hat den Stahl- und Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp für seine geplanten Stellenstreichungen im Werk im italienischen Terni scharf kritisiert. „Ich bringe meine tiefe Besorgnis über die schlimme Situation vieler Familien in Terni wegen des Projekts der Firma Thyssen-Krupp zum Ausdruck“, sagte der Pontifex am Mittwoch bei der Generalaudienz in Rom. „Mit Arbeit spielt man nicht.“

Im Zentrum jeder Frage müssten der Mensch und seine Würde stehen, forderte das 77 Jahre alte Oberhaupt der katholischen Kirche. „Ich appelliere erneut, dass nicht die Logik des Profits gewinnen darf, sondern die der Solidarität und Gerechtigkeit“, forderte er. Wer Arbeitsplätze streiche, um mehr Geld zu verdienen, nehme auch den Menschen ihre Würde.

Thyssen-Krupp hatte die vor 130 Jahren gegründete Firma Acciai Speciali Terni (AST) in Umbrien in diesem Jahr übernommen. Der Industriekonzern hatte seine Edelstahlsparte Inoxum an den finnischen Wettbewerber Outukumpu verkauft und dafür AST übernehmen müssen.

Im Juli kündigte der Essener Konzern ein Sparprogramm für das Stahlwerk in Süditalien an. Dem sollen rund 550 der derzeit 2600 Stellen zum Opfer fallen, die italienischen Gewerkschaften haben bereits Widerstand angekündigt.

Ein Thyssen-Krupp-Sprecher wies auf Anfrage darauf hin, dass das Unternehmen unverändert an seinen Plänen festhalte. Bislang habe es jedoch noch keine Gespräche zur Umsetzung der geplanten Maßnahmen gegeben. Nach Informationen aus Kreisen soll das italienische Werk in den vergangenen fünf Jahren mehrere hundert Millionen Euro Verlust gemacht haben.

Montag, 1. September 2014

Bischof Kräutler: "Wir müssen politischer werden"

miteinander 9/2014
"Wir müssen politischer werden"
Der austro-brasilianische Bischof Erwin Kräutler im miteinander-Interview.

Herr Bischof, Sie wurden vor wenigen Wochen 75 Jahre alt. Zeit, um an Ruhestand zu denken?

Ich werde dem Papst meinen Rücktritt anbieten, wie es das Kirchenrecht empfiehlt. Die Entscheidung liegt aber bei ihm. Im Kirchenrecht heißt es, dass der Papst „nach Abwägung aller Umstände entscheiden wird“. Aber Ruhestand, nein, dieses Wort kommt in meinem Wortschatz nicht vor. Ich werde vielleicht etwas häufiger in Österreich sein, dort auch vermehrt seelsorgliche Termine wahrnehmen, aber in Amazonien und Brasilien gibt es für mich weiterhin viel zu tun. Ich bin sehr oft eingeladen, Exerzitien für Priester, Ordensleute und in der Pastoral engagierte Frauen und Männer zu geben.

Sie werden also auch weiterhin Ihre Stimme erheben?

Natürlich. Ich werde wohl auch am Xingu weiter tätig sein. Ich erhielt den Auftrag, einen Plan zur Dreiteilung dieser großen Diözese – sie ist viereinhalb Mal so groß wie Österreich – zu erarbeiten. Da stecke ich mittendrin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man mich davon einfach abziehen wird. Und darüber hinaus bin ich ja auch weiterhin Vorsitzender des Rates für indigene Völker der brasilianischen Bischofskonferenz und Sekretär der bischöflichen Kommission für Amazonien.

Was kann – vor dem Hintergrund Ihrer fast 50 Jahre in Lateinamerika – die Kirche in Österreich von der Kirche in Lateinamerika lernen?

Zunächst möchte ich festhalten, dass ich nicht mit der Intention nach Brasilien gegangen bin, die Brücken nach Österreich abzubrechen. Ich fühle mich nach wie vor von meiner Heimatkirche getragen. Aber in der Tat glaube ich, dass viele Dinge, die ich in Brasilien erlebe, auch für die Kirchen in Europa wichtig sein könnten.

Welche Erfahrungen meinen Sie konkret?

Ich meine vor allem die Frage nach der Mit-Verantwortung der Laien für ihre Kirche, die in Lateinamerika stark ausgeprägt ist. In Europa spürt man, dass viele Laien immer noch in einer Art Konsumentenhaltung verharren. In unseren Basisgemeinden hingegen erleben wir, wie positiv die Arbeit der Laien auch in Fragen der Gemeindeleitung sein kann. Das wird man in Europa wohl erst zu schätzen lernen, wenn der Priestermangel noch schmerzhafter wird, als er es schon jetzt ist …

Welchen Lösungsvorschlag hätten Sie denn für dieses Problem des akuten Priestermangels?

Ich unterstütze den Vorschlag des aus Deutschland stammenden bereits emeritierten südafrikanischen Bischofs Fritz Lobinger. Dieser verteidigt die These, dass eine priesterlose Gemeinde aus ihren Reihen Älteste wählen sollte, die dann – als für diese jeweilige Gemeinde Ordinierte – den Eucharistiefeiern vorstehen. Wohlgemerkt, Lobinger meint keine Art Selbstbeauftragung, sondern eine sakramentale Weihe für die jeweilige Gemeinde, wobei die Geweihten in ihren zivilen Berufen und Familien bleiben würden. Wir dürfen den Menschen die Eucharistie nicht vorenthalten. Diesen Vorschlag hat übrigens auch der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl in seinem neuen, sehr beachtenswerten Buch Brot des Lebens. Mein Weg mit der Eucharistie erörtert.

Gab es in Ihrem priesterlichen Leben auch Erfahrungen, die Sie an die Grenzen Ihres Glaubens geführt haben?

Nein, ich fühle mich von Leiderfahrungen oder Ähnlichem nicht im Mark des Glaubens erschüttert. Ich lebe ganz aus der Heiligen Schrift – das heißt aus der Überzeugung des „Gott mit uns“: Gott sieht, hört, kennt mich, er steigt herab und befreit. Der Glaube zwingt in unbedingte Solidarität mit den Armen, den Leidenden, nur dort kommt er ganz zu sich. Das ist meine feste Überzeugung.

Diesen positiven Zugang können Sie sich auch angesichts Ihres großen Kampfes gegen das Staudammprojekt Belo Monte noch bewahren?

Ja, natürlich ist die gegenwärtige Situation nicht erfreulich: 40.000 Menschen stehen vor der Zwangsumsiedlung. Wir müssen eingestehen, dass unser Plan A – die Verhinderung des Dammbaus – gescheitert ist. Dreißig Jahre haben wir gegen dieses Mammutprojekt gekämpft. Ein Ausstieg aus dem Projekt ist nun nicht mehr realistisch. Für uns geht es jetzt um Schadensbegrenzung, das heißt, wir drängen darauf, dass die von Umsiedlung betroffenen Menschen anständig untergebracht und nicht abgespeist werden.

Aus europäischer Sicht hat man manchmal den Eindruck, Sie sind die zentrale Galionsfigur im Kampf gegen Belo Monte…

Kräutler (lacht) Tatsächlich ist die Kirche eine wichtige Triebfeder des Protestes und Widerstandes, aber natürlich gibt es auch viele weitere Partnerorganisationen der Zivilgesellschaft. Es geht ja schließlich nicht um eine nur kirchliche Sache, sondern um Menschen! Wenn ich Kirche sage, meine ich im Übrigen tatsächlich die katholische Kirche, denn gerade die starken evangelikalen Kirchen üben sich bei sozialem Engagement eher in Zurückhaltung.

Aus dem Vatikan hört man, dass Papst Franziskus an einer Enzyklika zur Ökologie arbeitet. Ein positives Zeichen auch im Blick auf Ihren Kampf in Brasilien?

Positiv erachte ich vor allem, dass es offenbar keine bloß schöpfungstheologisch ausgerichtete Enzyklika sein wird, die auf Fragen des Wohls von Fauna und Flora abzielt. Vielmehr hat mit Kardinal Turkson, der die Vorlage dazu erarbeiten soll, gesagt, der Papst ziele auf eine „ecologia humana“. Und Papst Franziskus hat dieses Wort bei der Audienz, die er mir gewährte, ganz klar ausgesprochen. Das meint sehr viel mehr als nur Fragen des Umweltschutzes und zielt vor allem auch auf Fragen der Generationengerechtigkeit. Der Mensch in seiner Verantwortung soll im Mittelpunkt stehen.

Könnte das vielleicht auch ein Wink sein, dass die katholische Schöpfungslehre ein wenig „entstaubt“ werden müsste?

Absolut! Die Schöpfungstheologie muss meines Erachtens ausgeweitet werden und viel konkreter die realen Lebensumstände der Menschen in den Blick nehmen, die – wie in Amazonien – skrupellos ausgebeutet werden. Wir haben als Christen den Auftrag, diese Probleme offen anzusprechen. Wir müssen insgesamt als Kirche politischer werden. Das meine ich nicht im Sinne von Parteipolitik, sondern im Sinne dessen, was auch die Befreiungstheologie immer wollte: die Realität der Menschen ernst nehmen und sie im Licht des Wortes Gottes und der kirchlichen Tradition reflektieren, Antworten suchen und dann bei konkreten Aktivitäten mitwirken.

Die Befreiungstheologie stand immer im Verdacht einer übergroßen Nähe zu neomarxistischen politischen Strömungen …

Das ist ein europäisches Klischee. Befreiungstheologie, wie ich sie verstehe und wie wir sie hier leben, ist urbiblisch. Außerdem sollte man diese Dinge heute viel entspannter sehen: So sind viele marxistische Begriffe heute selbst innerhalb der Kirche selbstverständlich geworden. Johannes Paul II., der sicher kein Freund der Befreiungstheologie war, sprach etwa ohne Scheu von einem „edlen Kampf um die Gerechtigkeit“. Und nichts anderes fordert letztlich der Glaube an Jesus Christus von uns: ganz nah bei den Menschen sein und die Stimme für jene erheben, die keine Stimme haben.

Das Interview führte Henning Klingen