Donnerstag, 2. Oktober 2014

Tausende von Walrossen auf der Suche nach Eisschollen


ORF, 1.10.2014
Eis zieht sich Richtung Norden zurück

Dicht gedrängt liegen rund 35.000 Walrosse auf Land vor dem Inuitdorf Point Lay im nordwestlichen Alaska. Die Meeressäuger strandeten dort auf der Suche nach Eis. Für Umweltschützer ist das eine weitere Konsequenz des Klimawandels. Denn eigentlich verbringen die pazifischen Walrosse den Winter in der Beringsee.

Walrosse können nicht unbegrenzt schwimmen und brauchen die Eisschollen zum Rasten. Weibchen nutzen das Meereis für die Geburt und suchen im seichten Schelfmeer nach Nahrung wie Schnecken, Muscheln und Würmern. Durch die wärmeren Temperaturen im Sommer zieht die Eisgrenze aber immer weiter Richtung Norden. Die weiblichen Walrosse und die Jungen driften ebenfalls nach Norden zur Tschuktschensee, nördlich der Beringsee.

Die Walrosse sind auf der Suche nach Eis vor Alaska gestrandet

Die gestrandeten Walrosse vor Point Lay wurden nun von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) gesichtet. Nach Angaben des World Wide Fund For Nature (WWF) sammelten sich große Gruppen von Walrossen auch auf der russischen Seite der Tschuktschensee.
Schwierige Nahrungssuche

In den vergangenen Jahren zog sich das Eis zunehmend in Meeresregionen zurück, die tiefer als drei Kilometer sind. Dort können die Walrosse aber nicht mehr bis zum Grund tauchen und nach Nahrung suchen. In diesem Sommer erreichte das Meereis den sechstkleinsten Punkt, seitdem die Aufzeichnung der Satellitenüberwachung 1979 startete.

Neu ist das Phänomen nicht, es wird aber immer häufiger. Das erste Mal wurden Walrosse so weit im Norden bereits 2007 gesichtet. 2009 starben 130 Walrosse, vor allem Jungtiere, nach einem Ansturm auf Küstenland vor Alaska. Massenpanik kann auch durch einen Eisbären, menschliche Jäger und niedrig fliegende Flugzeuge ausgelöst werden. Auch heuer wurden wieder 50 Kadaver gefunden, berichtet Andrea Medeiros vom US Fish and Wildlife Service gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Die Todesursache wird noch untersucht.
„Umweltbedingungen ändern sich dramatisch“

Für Margaret Williams, zuständig für das WWF-Arktis-Programm, sind die gestrandeten Walrosse „ein weiteres auffallendes Zeichen dafür, wie sich die Umweltbedingungen aufgrund der Eisschmelze im Meer dramatisch ändern. (...) Die Walrosse erzählen uns, was schon die Eisbären und die indigene Bevölkerung der Arktis erzählt haben - dass sich die arktische Umwelt extrem schnell wandelt.“

Der WWF sieht den Klimawandel für den Eisbären als die größte Bedrohung. Umweltschützer fürchten, dass zwei Drittel der Population in den nächsten 40 Jahren durch Eisschmelze und den Verlust des Lebensraums verschwinden werden. Es sei nun an der Zeit für den Rest der Welt, das zur Kenntnis zu nehmen und Maßnahmen gegen die Ursachen des Klimawandels zu setzen, betonte Williams.


Die Welt, 1.10.2014
Alaska erlebt einen kolossalen Massenansturm
Die Nordwestecke der USA wird zur Zuflucht für Zehntausende Walrosse. Naturschützer vermuten, dass die riesigen Tiere wegen des zurückgehenden Polareises dort sind. Es gab bereits eine Massenpanik.

Zeit-Online, 1.10.2014
Schmelzendes Polareis
Alaskas Walrosse fliehen an den Strand
Mehrere Tausend Walrosse sind in Alaska an Land gegangen. Die scheuen Tiere flüchteten, weil die Eisschollen geschmolzen sind, auf denen sie sich normalerweise ausruhen.

Dienstag, 30. September 2014

Living Planet Report 2014: Keine Spur von "Nachhaltigkeit"

WWF, September 2014
Living Planet Report 2014 - Globaler Burn-Out

Ozeane werden überfischt, Wälder gerodet, das Klima kippt und wir beobachten das größte Artensterben seit Verschwinden der Dinosaurier. Die Ergebnisse des Living Planet Report 2014 sind eindeutig: Wir gehen mit der Erde alles andere als nachhaltig um, denn wir entziehen uns und unseren Kindern die Lebensgrundlagen in atemberaubender Geschwindigkeit. Damit treibt die Menschheit ihren eigenen Planeten in einen gefährlichen Burn-Out. Zusammengenommen verbrauchen wir jedes Jahr 50 Prozent mehr Ressourcen, als die Erde innerhalb dieses Zeitraums regenerieren und damit nachhaltig zur Verfügung stellen kann. Machen wir so weiter, benötigen die Menschen bis zum Jahr 2030 zwei komplette Planeten, um den

Bedarf an Nahrung, Wasser und Energie zu decken. Bis zum Jahr 2050 wären es knapp drei Erden. Alle zwei Jahre misst die Naturschutzorganisation WWF mit dem Living Planet Report die Veränderungen der weltweiten Biodiversität und des menschlichen Konsums. Die Studie zum Zustand der Erde wird gemeinsam mit der Zoologischen Gesellschaft London (ZSL) und dem Global Footprint Network (GFN) erstellt.

Tierbestände nehmen drastisch ab

Der Rückgang der Biodiversität macht die Überlastung des Planeten greifbar: Der Living Planet Index zeigt, dass zwischen 1970 und 2010 die beobachteten Tierpopulationen um 52 Prozent zurückgegangen sind. Mit anderen Worten: Im Durchschnitt hat sich die Zahl der Säugetiere, Vögel, Fische und Pflanzen halbiert. In den Tropen war der Rückgang insgesamt drastischer, in Lateinamerika sind die Verluste mit 83 Prozent am höchsten.

Hauptursachen sind Lebensraumzerstörung, Wilderei und Überfischung. Der Klimawandel wird in den nächsten Jahren die Natur mit einem noch größeren Anpassungsdruck konfrontieren.

Der Living Planet Report zum Download



Kommentare:

Süddeutsche, 30.9.2014
Mensch halbiert die Zahl der Wirbeltiere binnen 40 Jahren
Die Zahl der ausgestorbenen Tiere ist sehr viel höher, als bislang angenommen - das zeigt die Umweltorganisation WWF in einem aktuellen Bericht auf. Binnen vier Jahrzehnten sei die Zahl der Wirbeltiere um 39 Prozent zurückgegangen.

Focus, 30.9.2014
Jagen, Fischen , Lebensraumzerstörung
Mensch verdrängte in 40 Jahren die Hälfte der Wirbeltiere
Um 39 Prozent ist die Zahl der Land-und Meerestiere seit 1970 zurückgegangen. Grund ist der Mensch, der die Tiere jagt, fischt und ihren Lebensraum einnimmt. Damit bedroht die Menschheit auch ihre eigene Zukunft.

Mittwoch, 24. September 2014

UN-Klimagipfel - Am Ende steht nur eine Erklärung

UN-Sondergipfel zum Klimawandel in New York 
ORF.at, 24.9.2014
UNO-Klimagipfel bringt dürftige Ergebnisse

Trotz eines Bekenntnisses zum stärkeren Engagement gegen die Erderwärmung hat der New Yorker UNO-Klimagipfel wenig greifbare Fortschritte gebracht. Nach Abschluss der Konferenz gestern klaffte im UNO-Klimafonds immer noch eine Finanzierungslücke von 7,7 Milliarden Dollar, weil es kaum neue Zusagen gab. Umweltschutzorganisationen bezweifelten, dass vom Gipfel wirklich der Schwung für ein weitreichendes globales Klimaschutzabkommen ausgeht, den sich UNO-

Generalsekretär Ban Ki Moon erhofft hatte.
Der Klimawandel bedrohe den Frieden, den Wohlstand und die Zukunftsperspektiven von Milliarden Erdbewohnern, sagte Ban zum Auftakt des eintägigen Treffens. Deswegen sei der Sondergipfel einberufen worden, „um Geschichte zu schreiben“. Das Ergebnis fiel aber wenig historisch aus. Zwar versprachen über 120 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt grundsätzlich mehr Einsatz gegen die Erderwärmung. Und auch die USA und China, die beiden Nationen mit dem höchsten Treibhausgasausstoß, schlossen sich dem Bekenntnis an.

Doch auf der Zahlenseite schlug sich das kaum nieder: Für den vor fünf Jahren beschlossenen Grünen Klimafonds der Vereinten Nationen seien inzwischen 2,3 Milliarden Dollar (umgerechnet 1,8 Milliarden Euro) von den Mitgliedstaaten zugesagt worden, davon jeweils eine Milliarde von Deutschland und Frankreich, sagte Ban. Doch Deutschland hatte sein Versprechen schon vor dem Gipfel gegeben. Und bis zum Jahresende soll das Zielvolumen von zehn Milliarden Dollar erreicht sein.

Kritik von Umweltorganisationen
Die Nichtregierungsorganisationen ActionAid und Greenpeace kritisierten, dass der Gipfel nur „vage Versprechen“ und kaum konkrete Ergebnisse hervorgebracht habe. Auch Oxfam konnte nur „eine teilweise und zögerliche Antwort“ auf die drängenden Umweltprobleme erkennen. Die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch zog hingegen ein positives Fazit: Ein neues Klimaabkommen im Dezember 2015 in Paris sei nun „sehr wahrscheinlich“.

Abholzungen von Wäldern soll bis 2030 gestoppt werden
Am Rande des UNO-Klimagipfels sprachen sich zahlreiche Länder und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) für ein Ende der Abholzung von Wäldern auf der ganzen Welt bis 2030 aus. Schon 2020 solle die Abholzung weltweit halbiert sein, versprachen die Unterzeichner der „New Yorker Walderklärung“ gestern in New York. Außerdem sollen 350 Millionen Hektar - eine Fläche größer als Indien - wieder aufgeforstet werden. Bei der Waldvernichtung wird Kohlendioxid frei. Wächst ein Wald, nimmt er das Treibhausgas auf.

Größte Klimasünder nicht mit an Bord
Die Erklärung soll ein Signal an den Klimagipfel in New York sowie die für Ende 2015 geplante UNO-Klimakonferenz in Paris sein, bei der ein Klimavertrag mit verbindlichen Treibhausgas-Minderungszielen verabschiedet werden soll.

Allerdings haben nur 24 Länder die New Yorker Erklärung unterschrieben, beispielsweise Frankreich, Norwegen, Kolumbien, Südkorea und Togo. Die USA und China, die für einen großen Teil der CO2-Emisionen verantwortlich sind und sich bisher auch gegen verbindliche Minderungsziele bei den Treibhausgasen sperren, sind nicht dabei.


Spiegel-Online, 23.9.2014
UNO zum Klimawandel: "Größte Gefahr in der Geschichte der Menschheit"
Politiker haben auf dem Uno-Gipfel in New York eindringlich vor dem Klimawandel gewarnt. Die EU hat strikte Senkungen ihrer Treibhausgasemissionen angekündigt.

Tagesschau.de, 23.9.2014
Dossier: UN-Klimagipfel - Am Ende steht nur eine Erklärung
193 Länder haben auf dem Weltklimagipfel in Kopenhagen verhandelt. Ziel war eigentlich ein neues Klimaschutzabkommen. Ein Nachfolgevertrag für das Kyoto-Abkommen sollte gefunden werden, denn das Protokoll läuft 2012 aus. Das Ergebnis ist davon aber weit entfernt.

Dienstag, 23. September 2014

Wahlkampf: Marina da Silva bedrängt Präsidentin Rousseff


ORF.at, 23.9.2014
Wahlkampf in Brasilien
Knappes Rennen zeichnet sich ab
Der Wahlkampf in Brasilien spitzt sich zu - und wird immer mehr zum Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der amtierenden Präsidentin Dilma Rousseff und Ex-Umweltministerin Marina Silva, die nach dem Unfalltod des sozialistischen Kandidaten Eduardo Campos überraschend nominiert wurde. Rousseff setzt jetzt voll auf die Mobilisierung ärmerer Bevölkerungsschichten und warnt vor einer Einstellung des Sozialhilfeprogramms Bolsa Familia. Doch damit spielte sie erst recht Silva in die Hände, die nun einen ihrer größten Trümpfe ausspielt: ihre bewegende Lebensgeschichte.


Emotionale Reden und „Rousselfies“
Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff gerät zwei Wochen vor der Wahl immer mehr in Bedrängnis. Weil die Amtsinhaberin wirtschaftspolitisch wenig Überzeugendes vorzuweisen hat, setzt sie nun voll auf die Mobilisierung der ärmeren Bevölkerungsschichten. Doch auch dort läuft ihr Marina Silva, Ex-Umweltministerin und Kandidatin der Sozialisten, den Rang ab.

Sie habe während ihrer Amtszeit 22 Mio. Brasilianer aus extremer Armut befreit, betonte Präsidentin Rousseff unlängst auf einer Wahlkampfveranstaltung in der Hauptstadt Brasilia. Ihrer Konkurrentin warf sie dabei vor, die Bolsa Familia, die staatlichen Unterstützungsprogramme für die ärmsten Haushalte, abschaffen zu wollen, hätte Silva doch während des Wahlkampfs mehrfach ein ausgeglichenes Budget verlangt. Die Bolsa Familia ist eine Unterstützungsprogramm für Familien, dessen Leistungen an den Schulbesuch und Impfnachweise für Kinder gekoppelt ist. Fast 60 Mio. bedürftige Brasilianer stehen direkt oder indirekt auf der Empfängerliste für soziale Hilfen. Der übergeordnete Plan „Brasil sem Miseria“ („Brasilien ohne Elend“) hat ein klares Ziel: Jeder Brasilianer soll mindestens 70 Reais (26,83 Euro) im Monat zum Leben haben.

Wenige Tage später konterte Silva bei einem Wahlkampfauftritt in Fortaleza mit einer emotionalen Rede. Selbst in ärmsten Verhältnissen aufgewachsen, wisse sie, was es bedeutet, nichts zu essen zu haben. Ihre Eltern hätten gehungert, um ihren Kindern ein kärgliches Mahl bieten zu können. „Jemand, der das erlebt hat, der würde die Bolsa Familia niemals abschaffen. Das sind keine leeren Worte. Das ist das Leben“, endete sie ihren Vortrag.

Rousseffs Vorsprung schmilzt dahin
Die Rede, die im Fernsehen übertragen wurde, könnte Silva nun ihrem Ziel ein Stück näher gebracht haben. Schnell verbreitete sich das Video, das mittlerweile als offizieller Wahlkampfspot dient, im Internet. Für große Teile der Bevölkerung ist Silva, als Tochter einer armen Kautschukzapferfamilie im Regenwald am Amazonas geboren, eine Identifikationsfigur, die ihren Einsatz für die notleidende Bevölkerung glaubhaft vermittelt.

Marina Silva gilt als ernstzunehmende Konkurrenz für Präsidentin Dilma Rousseff
Rousseff verdankt ihre Popularität bei der armen Bevölkerung primär den Errungenschaften ihres Vorgängers und politischen Ziehvaters Luiz Inacio Lula da Silva, der während seiner achtjährigen Präsidentschaft Einnahmen aus dem Rohstoffboom erstmals über Sozialprogramme auch an die Armen Brasiliens verteilte und dadurch trotz Wirtschaftskrise die Armutsrate deutlich senken konnte. Rousseff, die sich anders als Lula da Silva bisher wenig volksnah zeigte, versucht sich nun durch breite Social-Media-Kampagnen zugänglich zu zeigen. Dazu gehört etwa der Aufruf an die Fans „Rousselfies“ - Selfies mit der Präsidentin, für die sie sich bei Auftritten bereitwillig zur Verfügung stellt - zu twittern.

„Rousselfie“: Rousseff setzt im Endspurt ganz auf Social Media
Jüngsten Umfragen zufolge käme Rousseff im ersten Wahlgang derzeit auf 37 Prozent. Für Marina Silva würden 30 Prozent stimmen, Ex-Gouverneur Aecio Neves von der sozialdemokratischen Mitte-rechts-Partei PSDB käme auf 17 Prozent. Offen wäre der Ausgang der Stichwahl, die für den 26. Oktober terminiert ist. Da würde Silva den Umfragen zufolge derzeit mit 46 Prozent sogar knapp vor Rousseff (44 Prozent) liegen. Deutlich überlegen wäre Rousseff dagegen mit 49 Prozent bei einer Stichwahl gegen Neves (39 Prozent).

Wahlkampf ohne erhofften WM-Schub
Rousseff hatte sich von der Fußball-WM im eigenen Land einen Schub erwartet, der angesichts der massiven Proteste aber ausblieb bzw. ihre Popularität eher beschädigte. Die zahlreichen Demonstrationen, deren Initiatoren die mediale Öffentlichkeit nutzten, richteten sich gegen die gigantisch hohen Investitionen für den Bau von Stadien bei gleichzeitiger Vernachlässigung der sozialen Probleme im Land.

Doch homogen war die Protestbewegung nicht - ihr gehörten nach Meinung von Experten auch Menschen aus der Mittelschicht an, die mit dem sozialen Aufstieg der unteren Klassen unzufrieden sind. Die Enttäuschung, die Rousseff entgegenschlägt, ist also breit gestreut. Auf der anderen Seite stehen wiederum jene, die seit dem Amtseintritt von Rousseffs Vorgänger und Mentor Lula da Silva den Aufstieg aus bitterer Armut in die untere Mittelklasse geschafft haben - auch von vielen dieser deshalb noch immer treuen PT-Wähler kann sich Rousseff fixe Stimmen erwarten.

Doch die PT ist seit dem Amtsantritt von Rousseff-Vorgänger Lula da Silva immer wieder in große Skandale verwickelt. Zwar versuchte sich Rousseff immer wieder von den Skandalen zu distanzieren, aber ihre Nähe zu Lula da Silva, als dessen engste Mitarbeiterin sie jahrelang fungierte, lassen diese Beteuerungen kaum glaubwürdig erscheinen.

Silva als Option für die Enttäuschten?
Mehr Glaubwürdigkeit bringt nach Ansicht vieler Marina Silva mit. Ihre Herkunft aus ärmsten Verhältnissen bringt ihr Sympathien bei Angehörigen der Unter- als auch der unteren Mittelschicht. Weiters steht sie für einen immer größer werdenden Bevölkerungsanteil, nämlich Angehörige von evangelikalen Kirchen. Dadurch hat sie Zugang zu einer Wählerschicht, die Rousseff - bekennende Atheistin - verborgen bleiben. Allerdings ist sie für viele, auch innerhalb der PSB, gesellschaftspolitisch zu konservativ. Aus religiöser Motivation lehnt sie etwa Straffreiheit für Abtreibungen ab und stellt sich gegen die Homosexuellenehe.

Silva kann auch auf eine politische Vergangenheit verweisen, als sie unter Lula da Silva als Umweltministerin fungierte. Doch jene Jahre gestalteten sich für sie enttäuschend, zu wenig Sinn hatte Lula da Silva nach heutiger Darstellung Marina Silvas für Umweltfragen. Bei den Wahlen vor vier Jahren hatte sie aus dem Stand 19 Prozent für die Grüne Partei (PV) geholt.

Zwar wollte Marina Silva für die laufende Präsidentschaftswahl mit einer neuen, eigenen Partei ins Rennen gehen, das oberste Wahlgericht TSE versagte aber die Zulassung für die Wahl. Die Partei habe für die Registrierung nicht das vorgeschriebene Mindestquorum von 491.499 Wählerunterschriften erhalten, argumentierte das Gericht. Aus diesem Umstand heraus schloss sie sich der PSB unter Campos an, um als Vizepräsidentschaftskandidatin zu fungieren. Das dramatische Ableben Eduardo Campos’, der am 13. August bei einem Flugzeugunfall ums Leben kam, rückte sie schließlich endgültig ins Rampenlicht.

NZZ, 23.9.2014
Schlagabtausch zweier Frauen in Brasilien
Marina Silva erweist sich als lernfähige und ernstzunehmende Präsidentschaftskandidatin.
Brasiliens amtierende Präsidentin Dilma Rousseff hat wirtschaftspolitisch wenig Überzeugendes vorzuweisen, ist aber unter den Ärmeren populär. Nun fordert sie ausgerechnet eine Umweltaktivistin ohne Scheuklappen ernsthaft heraus.

Brasiliens amtierende Präsidentin Dilma Rousseff
The Wall Street Journal International, 22.9.2014
Unabhängigkeit der Zentralbank wird in Brasilien zum heißen Wahlkampf-Thema
Wie die Zentralbank eines Landes geführt werden soll, ist für gewöhnlich kein Thema für die Sonntagsreden von Politikern. Aber in Brasilien bekommen die Wähler mitten im Präsidentschaftswahlkampf eine Menge zu diesem Thema zu hören.


Ex-Umweltministerin und Herausforderin Marina da Silva
FAZ, 21.8.2014
Die neue Heldin der Protestwähler
Nach dem Tod ihres Kandidaten Eduardo Campos hat die Sozialistische Partei Brasiliens die frühere Umweltministerin Marina Silva nominiert. Damit hat Präsidentin Dilma Rousseff plötzlich eine Gegnerin, die ihr gefährlich werden könnte.


NZZ, 19.8.2014
Neue Herausforderin bedrängt Präsidentin Rousseff
Präsidentschaftskandidatin Marina Silva an der Beerdigung von Eduardo Campos. Präsidentschaftskandidatin Marina Silva an der Beerdigung von Eduardo Campos. (Bild: Reuters)
Nach dem tödlichen Unglück von Eduardo Campos übernimmt die ehemalige Umweltministerin Marina Silva die Kandidatur der Sozialisten. Erste Umfragen rechnen ihr gute Chancen aus.