Montag, 12. Juli 2021

Dom Erwin feiert den 82. Geburtstag

Lieber Dom Erwin! 

Alles Gute und Gottes Segen zum 82. Geburtstag!

 

 

 

 

Freitag, 9. Juli 2021

Dom Erwin Kräutler über die Situation am Xingu

 


„… bis vorüber die Nacht!“

Ein Lagebericht vom Xingu.

 

„Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen!“

 

Vor vierzehn Tagen haben wir Pater Antônio Arcelino in Altamira beerdigt. Er starb mit 51 Jahren an den Folgen von Covid 19.  Im August wird es ein Jahr, dass Pater Romildo Maurício (Jahrgang 1982) an den Folgen desselben Virus gestorben ist. Beide sind hier geboren, Arcelino in Porto de Moz, am Unteren Xingu, und Romildo in Brasil Novo an der Transamazonasstraße. Beide habe ich geweiht. Sie waren begeisterte Priester, unendlich beliebt bei unserem Volk. Nach Pater Romildo starben in den darauffolgenden Wochen und Monaten  zuerst seine Mutter, dann sein Vater und eine Schwester. Jeden Tag gibt es neue Todesnachrichten oder Leute telefonieren oder schreiben WhatsApp und bitten um inständiges Gebet für eine liebe Person aus der Familie oder Verwandtschaft. Mit einer Intubation steigen Sorge und Angst der Leute, jemanden aus der Familie zu verlieren. Und tatsächlich, viele die künstliche Beatmung verordnet bekamen, sind heute nicht mehr unter uns.

 

Die Impfungen am Xingu sind im vollen Gange und unser Bundesstaat Pará ist vorbildlich im Covid-Immunisierungsprogramm. Leider aber gibt es evangelikale Gruppen, die vor der Impfung warnen und Horrorgeschichten erfinden, um die Leute abzuhalten, sich impfen zu lassen.  Deshalb habe ich mich in mehreren Videos über die Sozialmedien an die Bevölkerung gewandt und eindringlich gebeten, ja nicht auf die Unheilspropheten zu hören. Ich habe darauf hingewiesen, dass doch kein Mensch heute auf Impfungen gegen Poken, Masern, Gelbfieber oder Wundstarrkrampf verzichtet. Alle diese Impfungen sind eine Gabe Gottes und nicht eine Erfindung des Teufels wie diese Fanatiker behaupten.

 

Ein wirkliches Beispiel aufopfernder Liebe und bedingungslosen Einsatzes sind unsere Ärztinnen, Ärzte und das Krankenpersonal in unseren Spitälern. Tag und Nacht sind sie im Dienst und tun alles in ihrer Macht Stehende, um die ihnen anvertrauten Kranken von dieser heimtückischen Krankheit zu heilen. Ich weiß von Fällen buchstäblicher Erschöpfung von Ärzten oder Krankenschwestern im Dienst der leidenden Mitmenschen. Dabei sind sie selbst auch einer Ansteckung ausgesetzt. Manche leiden heute unter Depression, weil ihnen das tägliche Sterben einfach zu nahe ging. In den Ansprachen bei meinen Internet-Gottesdiensten weise ich immer wieder auf die liebende Solidarität hin, die in diesen Krankenhäusern so konkret gelebt wird.

 

Wir erfahren die Pandemie hautnah, nicht nur dass wir selbst zurückgezogen leben müssen und bei Gottesdiensten die Vorschriften bis ins Detail rigoros beachten, sondern wir spüren die tiefe Not der Menschen, wenn jemand aus der Familie, Verwandtschaft oder aus dem Bekanntenkreis bei Auftreten bestimmter Symptome den schrecklichen Befund erhält: Covid 19! Viele der Erkrankten sind, Gott sei Dank, wieder gesund geworden, aber dennoch glauben die Leute den Boden unter den Füßen zu verlieren und bekommen panische Angst vor jeder Neuinfektion, eben weil schon so manche Verwandte, Freunde, Nachbarn, Bekannte Opfer dieser ansteckenden Krankheit geworden sind.

 

Die Pandemie Covid 19 hat aber nicht nur mehr als eine halbe Million Opfer in Brasilien gefordert, sondern bewirkt auch eine noch bittere Armut für bereits verarmte Familien. Viele Leute leiden buchstäblich Hunger. Angestellte und Arbeiter/innen haben massenhaft von einem Tag zum anderen ihren Arbeitsplatz verloren und wurden zu „Sozialfällen“. Wer jeden Tag sich mindestens drei Mal an einen Tisch setzen kann, um zu speisen, kann sich nur sehr schwer Familien vorstellen, die hungern und deren Kinder abends nicht weinen, weil sie müde und schlafbedürftig sind, sondern weil sie Hunger haben. Verzweifelte Eltern vertrösten ihre Kinder „auf morgen“, in der Hoffnung, dass anderntags tatsächlich etwas auf den Tisch kommt. 

 

Das ist die eine Seite der Geschichte. Die andere ist wohl genau so schrecklich. Der Präsident der Republik verharmlost das Virus nach wie vor, zeigt sich immer wieder demonstrativ ohne Maske und widersetzt sich den Abstandsbestimmungen. „Jeder muss einmal sterben“ – schreit er ins Mikrofon. „Ich bin doch kein Totengräber“ antwortet er auf die Frage eines Journalisten, wie viele Menschen bereits Opfer der Covid 19 geworden sind. Inzwischen sind es schon fast 530.000. „Brasilien hat diesen Präsidenten nicht verdient“ sagen manche ausländische Politiker und sie haben recht. Wie konnte denn ein Psychopath das höchste Amt des Staates erlangen? „Er wurde gewählt!“ – das stimmt. Allerdings haben ihn fast zwei Drittel der Brasilianer nicht gewählt, wenn man die ungültigen Stimmen, die Stimmen für seinen Gegenkandidaten und die zehntausenden Wahlverweigerer (obwohl in Brasilien Wahlpflicht besteht) zusammenzählt. Diese Rechnung macht jedoch nicht viel Sinn. Niemand kann leugnen, dass er nun einmal der demokratisch gewählte Präsident Brasiliens ist. Er selbst schert sich wenig um Demokratie und Rechtsstaat, sondern versteht sich als Präsident „von Gottes Gnaden!“. 

 

Inzwischen ist ihm jedoch die vom Senat in die Wege geleitete interministerielle Untersuchungskommission dicht auf den Fersen und wird eine Erklärung verlangen, warum er den Ankauf von Impfdosen Monate hinausgezögert und die Seuche als leichte Grippe verharmlost hat. Auch finanzielle Machenschaften beim Ankauf einer bestimmten Marke werden seiner Regierung vorgeworfen. Mittlerweile haben die verschiedensten zivilen und politischen Organisationen hunderte Forderungen auf ein Amtsenthebungsverfahren im Nationalkongress eingereicht und der Oberste Gerichtshof verlangt eine entsprechende Analyse der Anträge. Sicher ist, dass Bolsonaro durch die von ihm bewirkte monatelange Hinausschiebung des Ankaufes von Impfstoffen mitschuldig an hunderttausenden Toten geworden ist und die Leute deshalb bei Massendemonstrationen seine Verurteilung als Verantwortlichen für einen Genozid verlangen. Er selbst zeigt sich jedoch unbekümmert und in seinen evangelikal-fanatischen Wahn lässt er Brasilien und die Welt wissen: „Nur Gott allein kann mich meines Amtes entheben!“

 

Besondere Aufmerksamkeit haben in den vergangenen Wochen die Indigenen Völker auf sich gezogen. Die in der Brasilianischen Grundverfassung verankerten Rechte der Ureinwohner sind immer mehr ins Fadenkreuz der Angriffe von Abgeordneten geraten, die entweder selbst Großgrundbesitzer sind oder Holzunternehmen und Bergwerksgesellschaften und anderen Firmen aus meist unlauteren Motiven „nahestehen“, die indigene Gebiete wirtschaftlich nutzen wollen. All diese Unternehmen sehen in Bolsonaro ihren Verbündeten und das ist sicher auch einer der Gründe, warum das Impeachment-Verfahren bisher noch nicht wirklich greift. 

 

Goldschürfer haben das Corona Virus und andere Krankheiten unter den Indigenen Völkern verbreitet und Todesopfer gefordert. Ja sogar mit Waffengewalt verschaffen sie sich den Weg zum Edelmetall. Gott sei Dank lassen die Indios nicht locker und sind zu Hunderten in die Bundeshauptstadt gereist, um ihren Forderungen nach Einhaltung der Verfassungsartikel Nachdruck zu verleihen.

 

In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben wir während der Verfassungsgebenden Versammlung zusammen mit den Vertretern der Indigenen Völker nachdrücklich die Verankerung ihrer Grundrechte im Verfassungstext verlangt und unsere Forderungen auf der Basis der Allgemeinen Menschenrechte durchgesetzt. Ich war in dieser Zeit Vorsitzender des Rates für Indigene Völker der Bischofskonferenz. Damals umarmten wir uns mit den Indigenen nach der Abstimmung am 30. August 1988, als das Kapitel über die Indigenen Völker mit – von 453 Stimmberechtigten – 437 Ja und nur 8 Nein und 8 Stimmenthaltungen verabschiedet wurde. Es war ein eindeutiger Sieg, der auch international sehr viel Anerkennung erhielt. Jetzt sind wir, wie 1988, wieder gefordert, zusammen mit den Indigenen, um ihre Rechte zu kämpfen. Nur handelt es sich nicht mehr um die Verankerung der Indigenen Rechte in der Verfassung, sondern um deren Beibehaltung im Verfassungstext. 

 

Die Öffnung der Indigenen Gebiete für eine wirtschaftliche Nutzung wäre nicht nur ein Dolchstoß ins Herz dieser Völker, sondern ganz besonders auch ein weiterer folgenschwerer Angriff auf das Ökosystem Amazoniens mit Konsequenzen, die nicht an der Grenze Brasiliens halt machen. Papst Franziskus hat mit Recht internationale Organisationen  und Vereinigungen der Zivilgesellschaft anerkannt „welche die Bevölkerungen sensibilisieren und kritisch mitwirken – auch unter Einsatz legitimer Druckmittel –, damit jede Regierung ihre eigene und nicht delegierbare Pflicht erfüllt, die Umwelt und die natürlichen Ressourcen ihres Landes zu bewahren, ohne sich an unehrliche lokale oder internationale Interessen zu verkaufen“ (Laudato Sì, n. 38). In seiner Enzyklika verteidigt Franziskus auch die Indigenen Völker mit allem Nachdruck: „Sie sind nicht eine einfache Minderheit unter anderen, sie müssen vielmehr die wesentlichen Ansprechpartner werden, vor allem wenn man mit großen Projekten vordringt, die ihre Gebiete einbeziehen. Denn für sie ist das Land nicht ein Wirtschaftsgut, sondern eine Gabe Gottes und der Vorfahren, die in ihm ruhen; ein heiliger Raum, mit dem sie in Wechselbeziehung stehen müssen, um ihre Identität und ihre Werte zu erhalten. Wenn sie in ihren Territorien bleiben, sind es gerade sie, die am besten für sie sorgen“ (Laudato Sì, 146). Diese beiden Absätze der Enzyklika sind nicht zuletzt die Folge einer Privataudienz, die mir Papst Franziskus am 4. April 2014 gewährte, bei der er mir von seinem Vorhaben, eine Öko-Enzyklika zu verfassen, sprach und ich ihn gebeten habe, in diesem Schreiben die Grundrechte der Indigenen Völker auf ihr angestammtes Gebiet besonders hervorzuheben und ich ihm auch entsprechende Unterlangen zu diesem Thema zukommen ließ.

 

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass wir in Brasilien in einem hoffnungslosen Zustand leben und all unser Einsatz schließlich vergebliche Liebesmüh ist. Wir leben in einer schweren Zeit und die Versuchung, den Mut zu verlieren ist bei vielen groß. Die floskelhaften Aussagen „Da kann man nichts machen!“ oder „Da lässt sich nun einmal nichts ändern!“ sind gefährlich und lähmend. Aber wenn auch viele Dinge in Brasilien im Argen liegen, ist sicher die Erkenntnis dieser tragischen Realität der Auftakt für einen Wandel. Die tausenden und abertausenden Menschen, die in allen Hauptstädten und größeren Städten (ja selbst in europäischen Hauptstädten) auf die Straße gehen und die Absetzung Bolsonaros verlangen, können nicht einfach ignoriert werden. Die brasilianische Rechtsanwaltskammer, die Bischofskonferenz und unzählige zivile und politischen Organisationen melden sich wiederholt zu Wort. 

 

Der Dachverband der Indigenen Völker APIB (Artikulation der Indigenen Völker Brasiliens)

plant in diesem Monat den Präsidenten beim Internationalen Gerichtshof Den Haag des Genozids und Ökozids anzuklagen. Genozid ist die absichtliche Auslöschung eines Volkes oder einer Bevölkerungsgruppe. „Ökozid“ meint die mutwillige Zerstörung von Fauna, Flora, der Menschen und aller anderen Lebewesen in einem bestimmten Gebiet. Eine solche Anklage ist nicht übertrieben. Die immer neuen Zerstörungswellen, die in Amazonien geschehen und in den vergangenen Monaten in der schon bekannten Form der Brandrohdung und einer skrupellosen Schlägerung von Edelhölzern noch intensiver geworden sind, töten alles Lebende. Genozid und Ökozid gehen Hand in Hand. Und wir dürfen nie vergessen, dass das Ökosystem Amazonien ein klimaregulierender Faktor für den gesamten Planeten Erde ist.

 

Einen Erfolg haben wir alle mit den Indigenen zusammen in diesem Zusammenhang bereits erzielt. Der Umweltminister Ricardo Salles hat seinen Ministerposten verloren. Er ist eine besonders schillernde Figur und selbst in den illegalen Holzhandel verwickelt. Als „Minister gegendie Umwelt“ war seine Amtsführung längst anrüchig. Die Ministerin Carmen Lúcia vom Obersten Gerichtshof hat die Entziehung seines Reisepasses durch die Bundespolizei verfügt, damit er sich nicht ins Ausland absetzen kann, um einem Prozess zu entkommen.

 

Was ihr meinen geringsten Schwestern und Brüder getan habt,

das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40) 

 

Gerade angesichts so vieler Not zeigt sich auch hier am Xingu bei vielen Menschen Mitgefühl und Solidarität.  Dank der Mithilfe und Unterstützung guter Menschen in meiner Heimat konnten wir mit vielen hundert Lebensmittelkörben bedürftigen Familien helfen und tun es weiter, denn wir sind noch lange nicht über dem Berg. Lehrerinnen aus unserem Kolleg oder pastorale Mitarbeiterinnen in den einzelnen Pfarreien haben besonders notleidende Familien ausfindig gemacht und diesen dann Lebensmittel in Form von Geschenkkörben in ihre Häuser gebracht. Diese konkrete Hilfe scheint zwar wie ein Fass ohne Boden zu sein, denn ein Lebensmittelkorb ist ja bald verzehrt je nach der Zahl der Familienmitglieder, aber wir helfen weiter und bitten auch hier die Menschen guten Willens, weiterhin ein Herz für die Hilfsbedürftigen zu haben und Lebensmittelvorräte geschwisterlich zu teilen.

 

*****

 

Im Evangelium finden wir eine Geschichte, die uns gerade in dieser Pandemiezeit den Mut nicht verlieren lässt. Jesus, müde und erschöpft, schläft im Heck des Schiffes. Ein Sturm zieht auf. Der Himmel verfinstert sich. Die Jünger zittern vor Angst, von den peitschenden Wogen in den Abgrund des aufgebrachten Sees gerissen zu werden: „Und siehe, es erhob sich ein heftiger Sturm auf dem See, so dass das Boot von den Wellen bedeckt wurde. Jesus aber schlief. Die Jünger traten zu ihm und weckten ihn; sie riefen ‚Herr, rette uns, wir gehen zugrunde!‘ Er sagte zu ihnen: ‚Warum habt ihr solche Angst?‘ Da stand er auf und drohte den Winden und dem See; und es entstand eine große Stille“ (Mt 8,23-27).

 

Mit meinem inneren Ohr höre ich Beethovens 6. Symphonie, die „Pastorale“. Der vierte Satz ist das überwältigende Tongemälde eines fürchterlichen Gewitters mit Blitz und Donner. Das schaurige Pfeifen des Sturmes endet mit dem erschreckenden Paukenwirbel eines Blitzeinschlags. Und dann wird auf einmal alles still. Das Gewitter ist vorbei. Ein musikalisch ausgemaltes Aufatmen. Die beschauliche Melodie des 5. Satzes flößt wieder Ruhe und Frieden in die Herzen. Beethoven hat in seinen Skizzen diesen letzten Satz seiner 6. Symphonie mit: „Herr, wir danken dir!“ überschieben.

 

Noch aber wüten die Stürme und die Paukenwirbel jagen uns Angst und Schrecken ein. Und dennoch, eine unauslöschliche Hoffnung erfüllt uns, dass der Tag kommt, an dem wir uns wieder ohne Maske umarmen dürfen, an dem die Indigenen endlich in ihren Rechten und ihrer Würde anerkannt werden und die Wälder von Amazonien nicht mehr brandschatzenden Verbrechern zum Opfer fallen.

 

 

Altamira, 3. Juli 2021

56. Jahrestag meiner Priesterweihe

 

Bischof Erwin Kräutler



PRESSESPIEGEL:


Kathpress, 11.7.2021
Kräutler: Widerstand gegen Bolsonaro und seinen Ökozid notwendig
Emeritierter Bischof von Altamira in Brasilien zählt in Appell für kirchliche Medien dramatische Folgen der von Präsident Bolsonaro angestrebten Öffnung der Indigenen Gebiete für wirtschaftliche Nutzung auf

 
VaticanNews, 11.7.2021
Brasilien: „Widerstand gegen Bolsonaro notwendig“
Der emeritierte Bischof von Xingu in Brasilien, Erwin Kräutler, hat am Wochenende in einem Appell für „Kathpress“ und weitere österreichische kirchliche Medien die dramatischen Folgen der von Präsident Jair Bolsonaro angestrebten Öffnung der Indigenen Gebiete für eine wirtschaftliche Nutzung beschrieben.


Kirche und Leben, 11.7.2021
Wirtschaftliche Nutzung der indigenen Gebiete "ein Dolchstoß" für die dort lebenden Völker
Amazonas-Bischof Kräutler kritisiert Brasiliens Präsidenten
*  Amazonas-Bischof Erwin Kräutler übt scharfe Kritik an Brasiliens Präsident Jair Messias Bolsonaro.
*  Die von Bolsonaro angestrebte Öffnung der indigenen Gebiete für eine wirtschaftliche Nutzung wäre nicht nur ein Dolchstoß ins Herz der dort lebenden Völker.
*  Kirche und Indigine kämpfen gegen illegalen Holzhandel. Kräutler warnte zugleich von unabwendbaren Schäden des Ökosystems.


Religion.orf.at, 12.7.2021
Bischof: Widerstand gegen Bolsonaro nötig
Der emeritierte Bischof von Altamira in Brasilien, Erwin Kräutler, hat am Wochenende in einem Appell an mehrere kirchliche Medien vor einem Ökozid Amazoniens gewarnt. Widerstand gegen Präsident Jair Bolsonaro sei notwendig, so der Bischof.


Amazonas-Bischof Kräutler kritisiert Brasiliens Präsidenten
"Angriff auf das Ökosystem Amazoniens"
Amazonas-Bischof Erwin Kräutler übt scharfe Kritik an Brasiliens Präsident Jair Messias Bolsonaro. Dabei warnt Kräutler vor der von Bolsonaro angestrebten Öffnung der indigenen Gebiete für eine wirtschaftliche Nutzung.

 

Dienstag, 29. Juni 2021

Schwere Vorwürfe gegen Bolsonaro wegen Impfstoff-Deals



ORF, 29.6.2021
Brasilianische Senatoren klagen Bolsonaro
Drei brasilianische Senatoren haben Präsident Jair Bolsonaro vor dem Obersten Gerichtshof wegen Amtspflichtverletzung angezeigt. Dieser habe „nichts unternommen, nachdem er über ein gigantisches Korruptionsschema im Gesundheitsministerium informiert wurde“, teilte der oppositionelle Senator Randolfe Rodrigues gestern (Ortszeit) mit.


Spiegel-Online, 29.6.2021
Amtspflichtverletzung in der Pandemie
Brasilianische Senatoren erstatten Anzeige gegen Bolsonaro
Er soll von Korruption in großem Stil gewusst, aber nichts unternommen haben: Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro steht wegen eines Coronaimpfstoff-Deals unter Beschuss. Eine Verurteilung könnte ihn das Amt kosten.


Frankfurter Rundschau, 25.6.2021
„Verbrechen gegen das Leben“
Senator erhebt schwere Vorwürfe gegen Präsident Jair Bolsonaro
Durch einen Untersuchungsausschuss in Brasilien wird das Versagen der Regierung um Jair Bolsonaro im Hinblick auf den Kampf gegen Corona mehr als deutlich.


Blickpunkt-Lateinamerika, 30.06.2021
Brasilien: Impfstoffskandal wird zum Problem für Bolsonaro
Bei dem geplanten Kauf von Millionen von Impfdosen durch das Gesundheitsministerium soll es zu Schmiergeldforderungen gekommen sein. Präsident Bolsonaro scheint in den Fall verwickelt zu sein.


Der Standard, 5. Juli 2021
Bericht: Brasiliens Bolsonaro soll in weiteren Skandal verwickelt sein
Dem Präsidenten werden Kickback-Zahlungen aus öffentlichen Anstellungsverhältnissen vorgeworfen
Hintergrund seien Unregelmäßigkeiten bei einem 316 Millionen Dollar (267,28 Millionen Euro) umfassenden Vertrag vom Februar mit dem indischen Hersteller Bharat Biotech über 20 Millionen Dosen, in die Bolsonaro verwickelt sein soll. Ein Untersuchungsausschuss des Senats hat den Verdacht erhoben, dass der Impfstoff überteuert und dass Korruption im Spiel gewesen sei. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe setzte die Regierung den Vertrag aus. Bolsonaro bestreitet jedes Fehlverhalten.



Jornal Nacional, 29/06/2021
Governo dá a terceira versão do caso Covaxin para tentar blindar Bolsonaro
O líder do governo no Senado, Fernando Bezerra Coelho, disse que Pazuello foi avisado por Bolsonaro no dia 22 de março e que o então ministro repassou o caso para o secretário-executivo do Ministério da Saúde na época, Élcio Franco.

G1-O Globo, 29/06/2021
CPI da Covid: Quem é quem no escândalo Covaxin
Senadores e MPF investigam se houve irregularidades na compra da vacina indiana. Denúncias envolvem o presidente da República, seu líder de governo na Câmara, outro deputado, um servidor, um empresário e dois militares.

G1-O Globo, 28/06/2021
Covaxin: senadores pedem ao STF que abra inquérito sobre suposta prevaricação de Bolsonaro
Notícia-crime é baseada no depoimento dos irmãos Miranda, que dizem ter informado Bolsonaro sobre suspeitas; presidente nega. Ministra Rosa Weber será relatora do pedido.

Deutsche Hilfswerke publizieren Vorbereitungsdokument zum synodalen Prozess in Lateinamerika

 


Katholisch.de, 29.6.2021
Hilfswerke publizieren Vorbereitungsdokument zur weltweiten Synode
Aus Sicht Lateinamerikas: Kirchenkrise wurzelt in Klerikalismus
Erste Schritte im weltweiten synodalen Prozess: Für die Kirchenversammlung Lateinamerikas wurde nun ein Vorbereitungsdokument veröffentlicht. Darin wird neben sozialen Missständen vor allem Klerikalismus als Wurzel der Kirchenkrise angeprangert.


Adveniat.de
Vorbereitungsdokument zur Kirchlichen Versammlung für Lateinamerika und die Karibik
Das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat und Misereor veröffentlichen die deutsche Übersetzung des Vorbereitungsdokuments zur Kirchlichen Versammlung von Lateinamerika und der Karibik, die vom 21. bis 28. November in Mexiko stattfindet. Damit wird der von Papst Franziskus ausgerufene weltweite synodale Prozess konkret.

Sonntag, 20. Juni 2021

Über 500.000 Corona-Tote in Brasilien



500.000 Tote
Proteste gegen Bolsonaros CoV-Politik
In Brasilien herrscht scheinbare Normalität: Geschäfte, Restaurants und Bars haben geöffnet. Doch die Coronavirus-Lage in dem 212-Millionen-Einwohner-Land ist dramatisch. Erst am Samstag überschritt Brasilien als zweites Land nach den USA nun die Schwelle von 500.000 Toten. Zehntausende Menschen gingen auf die Straße, um gegen die CoV-Politik der Regierung zu demonstrieren. Präsident Jair Bolsonaro scheint indessen mehr Interesse an Impfungen zu haben.


Zeit-Online, 20.6.2021
Brasilien: Über 500.000 Corona-Tote und neue Proteste
In ganz Brasilien sind Tausende Menschen gegen die Corona-Politik des rechten Präsidenten Jair Bolsonaro auf die Straßen gegangen.




Frankfurter Rundschau, 21.6.2021
Landesweite Demonstrationen
500.000 Corona-Tote in Brasilien - Präsident Bolsonaro als „Massenmörder“ beschimpft
Brasilien steht am Beginn einer dritten Welle der Pandemie. Die Forderungen nach einer Amtsenthebung von Präsident Jair Bolsonaro werden immer lauter.


CBC, Jun 18, 2021
Brazil approaches COVID-19 death toll of 500,000
Senate investigating how death toll rose so high in populous South American country


Jornal Nacional, 19/06(2021
Milhares voltam às ruas em todos os estados e no DF em manifestações contra Bolsonaro e pela vacina
Os atos convocados por movimentos sociais e estudantis marcaram o sábado (19) no país.

Samstag, 19. Juni 2021

Brasiliens Bischöfe fordern Rücknahme von Projekten der Umweltausbeutung

 


VaticanNews, 19.6.2021
Brasilien: Land, Wasser und Wälder gehören allen
Wem gehören Brasiliens Land, Wasser und Wälder? Jedenfalls nicht der Agrar- oder Rohstoffindustrie, die Raubbau an Natur und Mensch betreibt: Mit einem Aufruf zum Rückzug entsprechender Gesetzesentwürfe haben sich die brasilianischen Bischöfe in einem offenen Brief an den Kongress gewandt.

Conselho Permanente envia carta ao Congresso mediante os graves retrocessos na pauta agrária e socioambiental
O Conselho Permanente da Conferência Nacional dos Bispos do Brasil (CNBB), reunido nos dias 16 e 17 de junho, de forma online, preparou e enviou uma carta ao Congresso Nacional, com a intenção de apresentar sua reflexão e solicitação, mediante as discussões referentes aos projetos legislativos que tratam dos direitos constitucionais dos povos da terra, das águas e das florestas no Congresso Nacional.

Sonntag, 6. Juni 2021

Operation gegen irreguläre Landbesetzungen und illegale Abholzung in Anapu


Das Bundesministerium für Öffentliche Angelegenheiten (MPF) startete diese Woche gemeinsam mit sechs weiteren Institutionen die Operation Avarum gegen irreguläre Landbesetzungen und illegale Abholzung im Projekt für nachhaltige Entwicklung (PDS) Virola Jatobá in Anapu. Die Missionarin Dorothy Stang hatte es für Kleinbauern geschaffen und wurde dafür in der Folge von Landstreitigkeiten im Februar 2005 ermordet.

Bei der Operation 87 Hektar irregulär genutzter Fläche beschlagnahmt und Geldstrafen in Höhe von 460 Tausend Reais verhängt. Die Ergebnisse der Untersuchungen werden dem Nationalen Institut für Kolonisierung und Agrarreform (INCRA) zur Verfügung gestellt, das für die Vergabe der Nutzungsrechte verantwortlich ist.

Bereits im März wurde die erste Phase der Operation Avarum - ein lateinisches Wort, das "ehrgeizig" bedeutet - im PDS Esperança, ebenfalls in Anapu und von Schwester Dorothy gegründet, durchgeführt.

PDS Virola Jatobá und PDS Esperança sind Siedlungsprojekte für Kleinbauern, die von INCRA mit dem Ziel gegründet wurde, durch das Nationale Agrarreformprogramm (PNRA) eine nachhaltige Landnutzung mittels Extraktivismus und Familienlandwirtschaft zu ermöglichen.

Die Projekte waren immer wieder Ziel von gewaltsamen Landkonflikten. Außerdem gab es Anzeigen wegen Nichteinhaltung der Richtlinien des Agrarreformprogramms.

A Província do Pará, 5 de junho de 2021
Operação ataca ocupação irregular de terras e desmate ilegal, em Anapu
A ocupação irregular de terras e desmatamento ilegal no Projeto de Desenvolvimento Sustentável (PDS) Virola Jatobá, em Anapu, no sudoeste paraense – onde há 16 anos foi assassinada a missionária Dorothy Stang – sofreu duro combate durante dois dias desta semana, por meio da Operação Avarum, coordenada pelo Ministério Público Federal (MPF) e com participação de seis órgãos públicos.



Samstag, 5. Juni 2021

Nobelpreisträger fordern Aktionen zum Klimaschutz

Foto: AFP / TT / Jessica Gow
Der Standard, 4. Juni 2021
Nobelpreisträger appellieren an Staatschefs, jetzt beim Klima zu handeln
126 Nobelpreisträger unterzeichneten eine Erklärung, die sich im Vorfeld des G7-Gipfels an die Staats- und Regierungschefs richtet

Potsdam – Im Vorfeld des G7-Gipfels in Großbritannien haben 126 Nobelpreisträger eine Erklärung zum Klimaschutz unterzeichnet und den Staats- und Regierungschefs übergeben. Das teilte das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) mit. "Die Menschheit nimmt enorme Risiken für unsere gemeinsame Zukunft in Kauf", heißt es in der Erklärung an die Teilnehmer des Gipfeltreffens, das vom 11. bis zum 13. Juni im englischen St. Ives stattfindet.

Treibhausgase bis 2030 halbieren

"Die Gesellschaften riskieren weitreichende, unumkehrbare Veränderungen der Biosphäre", warnen die Nobelpreisträger und appellieren an die Staats- und Regierungschefs, jetzt zu handeln, um den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2030 zu halbieren. "Die Zeit läuft ab, in der sich unumkehrbare Veränderungen verhindern lassen."

Die Erklärung wurde vom Steuerungskomitee des ersten Nobelpreis-Gipfels "Unser Planet, unsere Zukunft" verfasst, den das PIK mitorganisiert hat. Ende April hatten sich dabei Nobelpreisträger und andere Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur über Maßnahmen ausgetauscht, die in diesem Jahrzehnt erreicht werden können, um allen eine bessere Zukunft zu sichern.

Einzigartiger Aufruf

Der Leiter des PIK, Johan Rockström, sagte, noch nie habe es aus dem Kreis der Nobelpreisträger einen so deutlichen Aufruf an die Menschheit gegeben. "Sie kommen zu dem Schluss, dass wir mit inakzeptablen Risiken konfrontiert sind. Die Risiken sind enorm, die notwendigen Maßnahmen werden ohne Beispiel sein."

 

ORF, 4. Juni 2021
„Zeit läuft ab“: Klima-Appell von Nobelpreisträgern
Im Vorfeld des G7-Gipfels in Großbritannien haben 126 Nobelpreisträger eine Erklärung zum Klimaschutz unterzeichnet und den Staats- und Regierungschefs übergeben. Die Botschaft ist deutlich.


Nobel Prize Laureates and Other Experts Issue Urgent Call for Action After ‘Our Planet, Our Future’ Summit

Our Planet, Our Future

An Urgent Call for Action


Forbes, Apr 29, 2021
Nobel Prize Winners Demand Climate Action For ‘Survival Of All Life’
Eleven Nobel laureates and 18 other distinguished scientists and experts today issued a call for all countries to “reinvent our relationship with planet Earth” and take comprehensive action this decade to protect ecosystems and combat climate change.


Reuters, October 12, 2007 (!)
Nobel Peace Prize ups pressure for climate action
OSLO, Oct 12 (Reuters) - Awarding the Nobel Peace Prize to former U.S. Vice President Al Gore and the U.N. climate panel widens a definition of peacemaking and will raise pressure for the world to agree a new deal to combat global warming.

Dienstag, 1. Juni 2021

Brasilien: Umweltminister wegen Holzschmuggel unter Druck

 

Die umweltpolitische Bilanz von Brasiliens Regierung ist desaströs. Präsident Bolsonaro hat seine Versprechen zum Waldschutz gebrochen. Umweltminister Salles soll gar mit Holzschmugglern unter einer Decke stecken.

Donnerstag, 27. Mai 2021

Ex-Meinl-Bank-CEO in Odebrecht-Schmiergeldskandal involviert


ORF, 26.5.2021
Ex-Meinl-Bank-CEO Weinzierl in GB verhaftet
Der frühere Meinl-Bank-Chef Peter Weinzierl ist gestern im Zusammenhang mit dem Schmiergeldskandal um den brasilianischen Baukonzern Odebrecht in Großbritannien verhaftet worden. Das teilte die US-Staatsanwaltschaft mit, die Weinzierl die Beteiligung an Bestechung und Geldwäscherei vorwirft.


Wiener Zeitung, 26.5.2021
Ex-Meinl-Bank-CEO Peter Weinzierl verhaftet
Weinzierl und dem ebenfalls beschuldigten Österreicher Alexander Waldstein wird vorgeworfen, von 2006 bis 2016 mit Odebrecht und anderen Schwarzgeld gewaschen zu haben, um über sogenannte Reptilienfonds Beamte mit Hunderten Millionen Dollar zu bestechen. Weinzierl war Geschäftsführer der Meinl Bank, die später in Anglo Austrian AAB Bank umbenannt wurde.


Kurier, 26.5.2021
Ex-Meinl-Bank-CEO Weinzierl in Großbritannien verhaftet
US-Staatsanwaltschaft wirft dem Banker im Zusammenhang mit dem Odebrecht-Schmiergeldskandal Geldwäsche und Bestechung vor.


Der Standard, 27.5.2021
Festnahme in Großbritannien: US-Justiz will Ex-Meinl-Bank-Chef Weinzierl
Der Ex-Chef der Meinl Bank, Peter Weinzierl, wurde auf Antrag der US-Justiz verhaftet. Die Bank stand jahrelang im Visier der österreichischen Aufsicht und der Justiz


Reuters, 26.5.2021
U.S. charges ex-Austrian bank CEO in Odebrecht bribery scheme

Samstag, 8. Mai 2021

Proteste gegen Amnestie für illegale Landnahme in Amazonien


Kathpress, 07.05.2021
Konzerne und Kirche gegen Amnestie für Landraub in Amazonien
Unternehmen aus Lebensmittelbranche drohen mit Boykott brasilianischer Agrarprodukte - Auch Kirchenvertreter um Bischof Kräutler und Kardinal Hummes warnen vor ökologischen und sozialen Folgen von geplantem Gesetz

Ein dem brasilianischen Kongress vorliegender Gesetzentwurf zur Amnestie von Landraub in Amazonien stößt auf den Widerstand heimischer Bischöfe und internationaler Konzerne. In einem Offenen Brief an die Mitglieder des brasilianischen Kongresses drohen 40 Unternehmen aus der Lebensmittelbranche mit dem Boykott brasilianischer Agrarprodukte, falls der Kongress dem Gesetz zustimmt, wie Medien berichten. Zugleich forderten über 60 Vertreter der katholischen Kirche eine Rücknahme des Gesetzentwurfs.

Bisher waren in Brasilien bereits illegale Landnahmen bis zum Stichtag 22. Juli 2008 legalisiert worden. Der Gesetzentwurf 510 sieht nun vor, alle bis zum 10. Dezember 2019 besetzten Gebiete zu legalisieren. Zudem soll die maximale Größe der Landgüter auf 2.500 Hektar erhöht werden. Die Gesetzesinitiative solle eine "historische Ungerechtigkeit" korrigieren und 300.000 Bauern endlich ihr Land zusprechen, so die Initiatoren von der Partei PSD. Sie ersetzt einen gescheiterten Vorstoß der Regierung mit gleicher Intention.

"Unsere Türen sind weiterhin offen", so die Unternehmen in ihrem Schreiben. "Aber wenn diese oder ähnliche Initiativen, die den bestehenden Schutz unterminieren, zu Gesetzen werden, werden wir keine andere Wahl haben, als unsere Unterstützung und die Nutzung der brasilianischen Lieferketten zu überdenken." Zu den Unterzeichnern zählen unter anderen Aldi, Lidl, Metro und Coop sowie Migros.

Auch Bischof Kräutler warnt

In einem Brief an Senatspräsident Rodrigo Pacheco warnten 61 Bischöfe sowie der emeritierte Amazonasbischof Erwin Kräutler und Kardinal Claudio Hummes vor den ökologischen und sozialen Folgen des Gesetzes für die Region. "Und dies geschieht nur wenige Tage, nachdem die Regierung auf der von der US-Regierung abgehaltenen Klimakonferenz den Schutz Amazoniens versprochen hat", so die Bischöfe. "Die Augen der Welt sind auf Brasiliens Umweltpolitik gerichtet, und wir laufen Gefahr, wieder einmal ein Gesetz zu verabschieden, das im Widerspruch zu den Bemühungen steht, die Umwelt zu schützen."

Einmal verabschiedet, würde das Gesetz nicht nur den bereits erfolgten Raub von Staatsland legalisieren. Laut Berechnungen der Bundesuniversität des Gliedstaates Minas Gerais würden der Besetzung weiterer 43 Millionen Hektar Staatsland Tür und Tor geöffnet, davon 24 Millionen Hektar Waldgebiete. Zudem erlaube das Gesetz Großunternehmen, in Gebieten tätig zu werden, die bisher Kleinbauern vorbehalten waren.

Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Messias Bolsonaro hatte bereits 2019 das Dekret MP 910/2019 mit ähnlicher Intention erlassen. Allerdings verfiel es, weil der Kongress nicht rechtzeitig darüber abstimmte. Ob er nun der neuen Initiative zustimmt, ist fraglich, da die Regierung keine klare Kongress-Mehrheit hat.

Zudem steht Brasiliens Agrarlobby nicht geschlossen hinter dem Projekt. Während Kleinbauern und mittelgroße Unternehmen in der Amazonasregion auf die Legalisierung drängen, fürchten Großunternehmen Sanktionen auf dem Weltmarkt. Zuletzt hatten bereits brasilianische und ausländische Unternehmen und Investoren Mahnungen an die Regierung Bolsonaro geschickt, den Wald zu schützen. Auch drängt die neue US-Regierung von Joe Biden auf einen verschärften Schutz der Amazonaswälder.

 
Religion.orf.at, 7.5.2021
Amazonien: Kirche gegen Amnestie für Landraub
Ein dem brasilianischen Kongress vorliegender Gesetzentwurf zur Amnestie von Landraub in Amazonien stößt auf den Widerstand heimischer Bischöfe und internationaler Konzerne. Illegal gerodete Waldgebiete könnten legalisiert werden.

60 bispos da Amazônia vão a Pacheco contra PL de regularização fundiária
'Corremos o risco de aprovar mais uma lei na contramão dos projetos de cuidado e salvaguarda ambiental', dizem os religiosos em carta.

Freitag, 7. Mai 2021

Chinas Emissionen überholen die aller Industrieländer zusammen



ORF, 7.5.2021
China: Mehr Emissionen als alle Industrieländer
Chinas Ausstoß von Treibhausgasen übersteigt erstmals die Emissionen aller entwickelten Länder zusammen. Laut der US-Denkfabrik Rhodium Group trug das bevölkerungsreichste Land 2019 zu 27 Prozent der weltweiten Emissionen an CO2-Äquivalenten (CO2e) bei – weit mehr als die USA mit elf Prozent.


Tagesanzeiger.de, 7.5.2021
Treibhausgase: China überholt erstmals alle Industrieländer zusammen
Als grösster Kohleverbraucher und bevölkerungsreichstes Land ist China entscheidend für den Kampf gegen die Erderwärmung. Doch seine Emissionen steigen stetig. Pro Kopf führen hingegen weiter die USA.


Tagesschau.de, 1.2.2021
China führt Emissionshandel ein
In China steigt der Kohlendioxid-Ausstoß weiter an, denn nach wie vor wird ein Großteil des Stroms aus Kohle erzeugt. Dabei will das Land bis 2060 CO2-neutral sein. Helfen soll nun Emissionshandel

Mittwoch, 5. Mai 2021

Dom Erwin Kräutler zur aktuellen Lage in Brasilien

 


Interview Dom Erwin Kräutler mit Wolfgang Heindl
Für das Rupertusblatt (Erzdiözese Salzburg)
(Veröffentlichung autorisiert von Dom Erwin Kräutler)

 


Wir bekommen immer wieder sehr dramatische Nachrichten aus Brasilien. Brasilien ist mit über 370.000 Corona Toten nach den USA das Land mit den zweitmeisten Corona Opfern. Wie ist die Situation in Altamira bzw. der Region?

 

Inzwischen gibt es über 410.000 Corona Tote in Brasilien. Die Region Xingu, die Transamazônica und Altamira sind immer noch in der roten Zone. Jeden Tag sterben Leute, die ich gekannt habe. Die Ärzte und das Krankenpersonal tun ihr Möglichstes. Die Spitäler und wenigen Intensivstationen sind voll. Die Situation ist nach wie vor Besorgnis erregend.

 

Wie ist die Situation der indigenen Völker in Amazonien?

 

Die indigenen Völker sind auch nicht vom Virus verschont. Im Gegenteil - es sind mehrere, sogar Kaziken verstorben. Aber es gibt auch noch andere Pandemien: Nicht nur Covid-19, sondern auch die Invasionen von Seiten der Goldschürfer und illegalen Holzfäller, die mit der Regierung Bolsonaro arg zugenommen haben, sind für die Indigenen genauso folgenschwer wie die Corona-Pandemie. Die Regierung schaut mehr oder weniger tatenlos zu. Bolsonaro versprach schon während seines Wahlkampfes, für die Indigenen keinen Quadratmeter Land zu demarkieren. Dazu kommt jetzt, dass viele Abgeordnete und Senatoren im Nationalkongress unter Einfluss von Bolsonaro die Artikel 231 und 232 in der Grundverfassung abändern wollen. Diese Artikel garantieren die angestammten Gebiete der Indigenen Völker. Tür und Tor soll für Großunternehmen, Bergwerksgesellschaften, Goldsucher und Holzfirmen geöffnet werden. Um Gegenreaktionen zu vermeiden schlägt der Finanzminister gleich entsprechende Vorsichtsmaßnamen oder Auflagen vor, die solche Unternehmen zu berücksichtigen hätten, um die Indigenen nicht zu benachteiligen. Aber wer in Brasilien und auf dieser Welt glaubt daran, dass solche Vorschriften tatsächlich eingehalten werden? Die Indigenen Gebiete sind fast alle weit weg von den größeren Städten des Landes. Also ist eine entsprechende Kontrolle praktisch illusorisch. Jede dieser Firmen wird tun und lassen was sie will, ohne für die Missachtung von Auflagen belangt zu werden. Eine Abänderung der Indigenen-Artikel in der Verfassung zugunsten wirtschaftlicher Interessen kommt bereits einem Genozid gleich. Die nur teilweise Aberkennung oder Freigabe des angestammten Landes ist ein Dolchstoß ins Herz dieser Völker, die nur in ihrer Mit-Welt Überlebenschancen haben.   

 

Wie geht es dem Haus für Mutter und Kind? Könnt ihr Schwanger aufnehmen? Wie ist die aktuelle Situation?

 

Wir können während dieser Pandemie nur wenige Frauen aufnehmen und dies selbstverständlich auch nur unter den vorgeschriebenen Schutzmaßnamen wie Maske, Sicherheitsabstand und Hygienevorschriften. Das ist alles nicht zu einfach bei unseren klimatischen Verhältnissen. 

 

Dennoch, wenn Frauen aus dem Hinterland hierherkommen, finden sie keine verschlossenen Türen. Das gilt genauso für das Refúgio, die von uns betreute Unterkunft für Kranke, die aus ländlichen Gebieten zur ambulanten ärztlichen Behandlung nach Altamira kommen und in der Stadt keine Familie haben, die sie aufnehmen und betreuen könnte. Hier erhalten diese Menschen Verpflegung und Hilfeleistungen, wie zum Beispiel die Begleitung zum Arzt und ins Krankenhaus oder die Verabreichung von Medikamenten und Injektionen. Wir nehmen alle Vorsichtsmaßnahmen sehr ernst. Bis jetzt ist nichts passiert, keine schwangere Frau ist erkrankt oder positiv getestet worden.

 

In vielen Ländern hofft man auf das Impfen. Wie ist es in Brasilien? gibt es Bereitschaft zu impfen?

 

Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, ist sehr groß. Leider kursieren aber auch immer wieder Fake News, die die Impfung verteufeln, sodass manche ängstlich werden. Ich habe am vergangenen Samstag, 1. Mai, bereits die zweite Impf-Dosis erhalten und nützte die Gelegenheit, per Video die Leute zu bitten, sich unbedingt impfen zu lassen, um gegen das Virus, das bereits über 400.000 Brasilianerinnen und Brasilianer das Leben kostete, immun zu werden. Es fehlt bisher, Gott sei Dank, am Xingu und in Altamira nicht an Impfstoffen: Coronavac und AstraZeneca. Aber über uns allen schwebt die bange Frage, ob alle, die bis jetzt die erste Impf-Dosis erhalten haben auch wirklich Zugang zur zweiten haben. Das Fernsehen berichtet laufend, dass in verschiedenen Städten immer wieder der Impfstoff fehlt. Wer die zweite Dosis bereits erhalten hat, dankt dem Lieben Gott und dem SUS (Sistema Único de Saúde).

 

Bolsonaro und die Regierung ist in der Corona Frage ja sehr bedenklich unterwegs. Papst Franziskus hat die Bischöfe Brasiliens ja ermutigt positiv auf die Regierung und die Politik des Landes einzuwirken. Die Bischofskonferenz hat auch Kritik geübt. Kommt das bei der Regierung an, merkt man da etwas?

 

Bolsonaro hat seit Beginn der Pandemie bei allen möglichen Gelegenheiten das Virus bagatellisiert und bei Fernsehauftritten Covid 19 als harmlose Grippe heruntergespielt. Ostentativ weigerte er sich, Maske zu tragen und den Sicherheitsabstand einzuhalten. Den Schaden, den er mit seinen Auftritten anrichtete, mussten Tausende mit dem Leben bezahlen. Drei Gesundheitsminister, die die Lage ernst nahmen, und entsprechende Schritte gegen die immer mehr sich ausbreitende Seuche unternehmen wollten, hat er einen nach dem anderen gefeuert und das Ressort schließlich einem General übergeben, der nun schließlich auch wieder ersetzt wurde, weil er ohne jede ärztliche Ausbildung den Anforderungen seines Ministeriums nicht gewachsen war. Bleibt zu hoffen, dass der jetzt schon fünfte Gesundheitsminister seit Amtsantritt Bolsonaros, nun tatsächlich einen anderen Kurs einschlägt. Immerhin hat er bereits versprochen, alles zu tun, damit keine Impfstoffe fehlen und es in den Krankenhäusern keine Engpässe bei Sauerstoffflaschen und anderen zur Heilung der Krankheit notwendigen Arzneimitteln und Apparate gibt.

 

Die Bischofskonferenz und der Bischöfliche Rat für Indigene Völker haben sich immer wieder zu Wort gemeldet und von der Regierung entsprechende politische Maßnahmen gefordert, um das Virus einzudämmen und den Millionen Menschen, die aufgrund der Pandemie arbeitslos geworden sind und sogar Hunger leiden, Hilfe anzubieten. Das ist seitens der Regierung bisher nur in geringen Maß passiert. Tausende Familien sind auf karitative Einrichtungen und Kampagnen angewiesen, die mit Lebensmittelkörben wenigstens das Allernotwendigste fürs Leben bereitstellen. Am meisten leiden die Kinder unter dieser Katastrophe.

 

Bei der online abgehaltenen Generalversammlung der Bischofskonferenz (12. – 16. April 2021) forderten die Bischöfe mehr Kompetenz von Seiten des Staates. Reden und Haltungen die „die Realität der Pandemie leugnen und Gesundheitsmaßnamen ignorieren und den demokratischen Rechtsstaat bedrohen“ seien inakzeptabel. Sie mahnten auch dazu, „auf die Wissenschaft zu hören, die Verwendung von Masken zu fördern, die soziale Distanzierung und die Impfung für alle so schnell wie möglich zu gewährleisten". Die Armen in Brasiliens Bevölkerung bräuchten dringend soziale Hilfe, so ein Aufruf an die Politik (vgl. Newsletter von Vatikan News 17. April 2021).

 

Bolsonaro schert sich allerdings wenig oder überhaupt nicht um das, was die Bischöfe sagen. Er ist von seinem Kurs voll überzeugt und hält seine Politik als die einzig richtige zum Heil Brasiliens. Sein zweiter Name ist „Messias“ und als solcher fühlt und gibt er sich. Wer anderer Meinung ist, wird als Feind Brasiliens und der Regierung als linkslastig und „Kommunist“ eingestuft.

 

Zurzeit läuft im Senat eine parlamentarische Untersuchungskommission, die erforscht, inwieweit Bolsonaro für die Ausbreitung und mangelnde Bekämpfung der Pandemie mitverantwortlich ist.

 

Du hast einmal geschrieben, du erlebst die Coronazeit so als Eremit. Wie geht es dir in diesen Pandemiezeiten? Hat sich das verbessert? Wie schaut dein Alltag aus?

 

Vielleicht war diese meine Aussage, als Eremit zu leben, etwas überzogen, denn ich lebe im Diözesanhaus und bin da nicht vollkommen allein. Mein Nachfolger und drei Patres, die in Altamira ihren Dienst tun, haben hier ihren Wohnsitz. Alle erfüllen wir die Corona-Schutzvorschriften. Dennoch, im Vergleich zu früher, lebe ich nun sehr zurückgezogen. Vermisse unendlich den persönlichen Kontakt mit dem Volk. Jeder Tag gleicht seit mehr als einem Jahr dem anderen. Zelebriere täglich mit drei Schwestern, im kleinsten Kreis. Der Sonntagsgottesdienst wird via Facebook übertragen und die Anzahl der virtuellen Teilnehmer ist beachtlich. Ich habe viel Zeit für Gebet und Meditation. Bete jeden Tag mindestens dreimal den Rosenkranz. Meditiere die Geheimisse unseres Glaubens und denke nach, wie wir die Amazonien-Synode und Beschlüsse der Bischofskonferenz in konkretes Handeln mit und unter unserem Volk umsetzen können. Als Vorsitzender der REPAM-Brasil (Panamazonisches Kirchliches Netzwerk in Brasilien) nehme ich an vielen Online-Sitzungen teil und bin auch immer wieder zu Live-Sendungen via Internet eingeladen.

 

Im Papstschreiben ”Querida Amazonia”, als Folge der Amazonien-Synode, hat Franziskus ja nicht alle Anregungen aufgegriffen z.b. die Weihe verheirateter Männer oder das Diakonat der Frau. Wie wird dieses nachsynodale Schreiben in den Diözesen Amazoniens aufgenommen, wie wird es umgesetzt?

 

Die Themen Diakonat der Frau und verheiratete Priester sind absolut nicht vom Tisch gefegt, weil sie Papst Franziskus nicht im Nachsynodalen Schreiben „Querida Amazônia“ aufgegriffen hat. Gleich zu Beginn seines Schreibens stellt Franziskus fest: „Ich werde hier nicht alle Fragen entfalten, die im Schlussdokument ausführlich dargelegt wurden. Ich habe auch nicht vor, es hiermit zu ersetzen oder zu wiederholen“ (n. 2). Er verweist also auf unser Schlussdokument, in dem diese Themen sehr wohl behandelt werden. Und weiter schreibt Papst Franziskus: „Zugleich möchte ich das Schlussdokument offiziell vorstellen. Es bietet uns die Folgerungen der Synode, an der viele Menschen mitgearbeitet haben, die die Problematik Amazoniens besser kennen als ich und die Römische Kurie, da sie dort leben, mit ihm leiden und es leidenschaftlich lieben“ (n. 3).

Im Schlussdokument ist das Thema Diakonat der Frau präsent. Eine von Papst Franziskus eingesetzte Kommission über das Diakonat der Frau in der Urkirche kam zu einem „einseitigen“ Ergebnis. So wünscht die Synode, dass wir „unsere eigenen Erfahrungen und Reflexionen mit der Kommission austauschen“  (n. 103). Ich bin fest überzeugt, dass der Ausgangspunkt einer jeden Diskussion nicht nur die Gepflogenheit der Urkirche sein kann, sondern die Berücksichtigung der Ansprüche unserer Zeit sein muss. Der Presbyter der Urkirche und ersten Jahrhunderte entspricht auch nicht unbedingt dem Presbyter, wie ihn das II. Vatikanische Konzil versteht. Das „Aggiornamento“ vom Hl. Papst Johannes XXIII verlangt bis heute neue Wege und den Mut für neue Dienstämter in unserer Kirche. Das Motu Proprio „Spiritus Domini“ vom 10. Januar 2021 hat die bisher nur Männern (Can. 230Viri laici) vorbehaltenen Dienstämter nun auch für Frauen geöffnet. Das war ein ausdrücklicher Wunsch der Synode, obwohl in Amazonien Frauen längst diese Dienste und noch andere mehr ausüben. Das Schlussdokument bittet den Papst, das Motu Proprio „Ministeria quaedam“ von Papst Paul VI zu überprüfen und die Dienstämter des Lektorats und Akolythats auch Frauen zugänglich zu machen. Wörtlich heißt es in der Folge: „Im neuen Kontext von Evangelisierung und Pastoral in Amazonien werden die meisten katholischen Gemeinden von Frauen geleitet“ (n. 102). Wenn Frauen in Amazonien genau die Dienste leisten, die woanders ein Diakon ausübt, wenn Frauen die Tauferlaubnis vom Bischof erhalten, Wortgottesdienste halten und das Wort Gottes verkünden, Religionsunterricht geben und ganz besonders den Armen und Benachteiligten zur Seite stehen, warum erhalten sie dafür nicht die Diakonatsweihe? Nur weil sie Frauen sind?

Weil wir die „Problematik Amazoniens besser kennen“ (QA, 3) wissen wir auch um die eucharistische Notlage in tausenden Gemeinden dieser Region: „Die Gemeinde hat ein Recht auf die Eucharistiefeier. (…) Deshalb schreien lebendige Gemeinden geradezu nach der Feier der Eucharistie. Sie ist zweifellos das Ziel (Höhepunkt und Vollendung) der Gemeinschaft“ heißt es im Schlussdokument (n. 110). Und weiter: „Manchmal vergehen nicht nur Monate, sondern sogar Jahre, bevor ein Priester wieder in die Gemeinde kommt, um Eucharistie zu feiern, das Sakrament der Versöhnung oder die Krankensalbung zu spenden“ (n.111).

Die Synode erwägt absolut nicht die Abschaffung des Zölibats, sondern schlägt, ganz im Hinblick auf die eucharistielosen Gemeinden Amazoniens, die Öffnung des Weihepriestertums auch für Verheiratete vor.

Ich bin überzeugt, dass es für die meisten Bischöfe Amazoniens eine Überraschung oder sogar eine Enttäuschung war, im Apostolischen Schreiben „Querida Amazônia“ kein Wort zum Frauendiakonat und zur Öffnung des Weihepriestertums für Verheiratete zu finden. Viele suchten und suchen immer noch nach einer einleuchtenden Erklärung dafür. Manche meinen, der Papst wollte einer „Spaltung“ in der Kirche aus dem Weg gehen und stand wohl auch sehr unter dem Druck der Kurie. Das spürten wir schon glasklar bei den Wortmeldungen während der Synodensessionen und auch bei persönlichen Gesprächen mit Vertretern der Kurie. Da erfuhren wir sehr wenig Verständnis für die von uns Tag für Tag „erlebte Problematik“ (QA, 3).

Mir persönlich fällt einfach auf, dass es im Kapitel „Eine kirchliche Vision“ des Apostolischen Schreibens einen eklatanten Bruch nach der n. 89 gibt. Papst Franziskus beginnt mit der Feststellung: „Unter den besonderen Umständen Amazoniens, vor allem im tropischen Regenwald und in abgelegeneren Gebieten, muss ein Weg gefunden werden, um diesen priesterlichen Dienst zu gewährleisten. (…) Die Gemeinschaften brauchen die Feier der Eucharistie, denn sie „baut die Kirche“ auf und daraus folgt, dass die christliche Gemeinde „aber nur auferbaut [wird], wenn sie Wurzel und Angelpunkt in der Feier der Eucharistie hat“. Wenn wir wirklich glauben, dass dies so ist, ist es dringend notwendig zu verhindern, dass den Amazonasvölkern diese Nahrung des neuen Lebens und des Sakraments der Versöhnung vorenthalten wird“ (QA, 89).

Im folgenden Absatz legt der Papst den Bischöfen aber dann lediglich das Gebet um Priesterberufe und die Förderung missionarischer Berufe in anderen Gegenden ans Herz (QA, 90) und wünscht eine „stabile Präsenz reifer und mit entsprechenden Vollmachten ausgestatteter Laien-Gemeindeleiter“ (QA, 94). Diese Laien-Gemeindeleiter/innen sind es ja gerade, die seit vielen Jahrzehnten in den entlegenen Gebieten Amazoniens überhaupt noch garantieren, dass die Kirche präsent ist. Aber – sie sind eben nicht befähigt, mit ihrem Volk Eucharistie zu feiern. Und darum geht es ja hier.

 

Altamira, 5. Mai 2021

Dom Erwin Kräutler



Rupertusblatt, 5. Mai 2021

Indigene kämpfen um ihr Überleben
Bischof Erwin Kräutler erlebt in Altamira die Coronakatastrophe hautnah mit. Das Virus wütet nicht nur in den Städten, sondern auch in den Dörfern Amazoniens.
Er spricht auch von Projekten, die von "Sei So Frei", der entwicklungspolitischen Organisation der Katholischen Männerbewegung, unterstützt werden.
Gerne können Sie Bischof Kräutler und Amazonien online unterstützen, wenn Sei die Verwendung Ihrer Spende im vorgesehenen Feld entsprechend auswählen.


Domradio.de, 08.05.2021
Brasilien-Experte Kräutler kritisiert fehlende Dialog-Bereitschaft Bolsonaros
Situation in Amazonien dramatisch
Der Brasilien-Experte und emeritierte Bischof Erwin Kräutler hat Präsident Jair Messias Bolsonaro für seine Corona-Politik scharf kritisiert. Brasilien verzeichne mit rund 400.000 Corona-Toten die weltweit zweithöchste Zahl an Pandemie-Opfern nach den USA.


Kathpress, 8.5.2021
Amazonien-Bischof Kräutler:
Mit Bolsonaro kein Dialog möglich
Scharfe Kritik an der brasilianischen Staatsführung unter Präsident Jair Bolsonaro hat der austro-brasilianische Bischof Erwin Kräutler vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie geübt. Brasilien verzeichnet mit laut Kräutler 400.000 Coronatoten die weltweit zweithöchste Zahl an Pandemieopfern nach den USA. Das von Bolsonaro lange Zeit herabgespielte Virus wütet nicht nur in den Städten, sondern auch in den Dörfern Amazoniens. Mehrere Kaziken (Anm.: indigene Anführer) seien verstorben. Brasiliens Bischofskonferenz habe in einem "Brief an das Volk Gottes" auf die Verantwortung der Politik hingewiesen, sagte Kräutler im Interview des Salzburger "Rupertusblattes" (aktuelle Ausgabe). "Aber Bolsonaro und sein Kabinett scheren sich ziemlich wenig um das, was die Bischöfe hier ansprechen."
Neben Corona gibt es nach den Worten des emeritierten Bischofs von Xingu/Altamira auch andere "Pandemien", die für die Indigenen lebensbedrohlich seien: Deren Lebensraum werde durch die Invasionen der Goldschürfer und illegalen Holzfäller in Amazonien zerstört. "Wir haben mehrere Völker, bei denen die Lage mittlerweile sehr kritisch ist, weil die Politik nichts oder fast gar nichts unternimmt, um sie zu schützen", beklagte Kräutler. Diese Entwicklung sei "tragisch und kommt doch nicht zufällig". Die Regierung sei den Indigenen gegenüber "absolut feindlich eingestellt". Präsident Bolsonaro wolle von ihnen am liebsten überhaupt nichts wissen, so Kräutler. 

Der Bischof zeichnete ein düsteres Bild von der Persönlichkeit des Rechtspopulisten: "Mit ihm kann es eigentlich kein wirkliches Gespräch geben." Bolsonaro akzeptiere keine Widerrede und sei vollkommen überzeugt, dass nur sein Weg der richtige ist. "Da können Bischöfe kommen oder andere Vertreter des Volkes, das ist ihm egal. Er weiß alles und lässt keine andere Meinung gelten."

Indigenes Land ist bedroht

Der in Vorarlberg geborene Amazonas-Bischof fürchtet um das bisher durch die Verfassung abgesicherten demarkieren Gebiete der Indigenen - also jenes Land, das ihnen zu ihrer exklusiven Nutzung übergeben wurde. Daran werde nun "massiv gerüttelt", die Regierung wolle die entsprechenden Bestimmungen ändern und Unternehmen das Recht einräumen, unter Auflagen in den indigenen Gebieten arbeiten zu können. Wenn etwa Bergwerksgesellschaften oder Holzfirmen tatsächlich in die indigene Lebenswelt vordringen dürften, "dann halten sie die Beschränkungen hundertprozentig nicht ein", gab sich Kräutler illusionslos. "Daran gibt es absolut keinen Zweifel."

Über die Corona-Situation in Xingu und Altamira teilte der Bischof nach dem bisher in Brasilien tödlichsten Monat April mit, die Region sei immer noch in der roten Zone. "Jeden Tag sterben Menschen, die wir kennen." Die Impfbereitschaft der sei gegeben. "Die Menschen warten teilweise sehnsüchtig darauf, dass sie an die Reihe kommen." Er selbst habe seine erste Dosis schon bekommen und warte jetzt auf die nächste, berichtete der 81-Jährige.

Im "Haus für Mutter und Kind" in Altamira, das mithilfe der Spendenaktion "Sei so frei" der Katholischen Männerbewegung errichtet wurde, könnten derzeit wegen Corona nur wenige Frauen aufgenommen werden. Die Schutzbestimmungen würden sehr genau genommen, es sei eine Herausforderung, den Betrieb am Laufen zu halten. "Bis jetzt ist nichts passiert, wir hatten keinen positiven Test und keine Frau ist erkrankt", berichtete Kräutler.

Eucharistie weiterhin oft unmöglich

Befragt nach den Auswirkungen der Amazoniensynode und des nachsynodalen Papstschreibens "Querida Amazonia", mit dem Franziskus Anregungen wie die Weihe verheirateter Männer oder das Diakonat der Frau aufgriff, sprach Kräutler von einem "Bruch". Es werde wieder von Priesterseminaren gesprochen "und mit keinem Wort die Möglichkeit des Frauendiakonats oder der verheirateten Priester ins Auge gefasst". Aber die meisten Bischöfe würden denken: "Das ist nicht das letzte Wort. Man kann das Gespräch und den Dialog über diese Themen, über diese Zukunft nicht mehr stoppen."

Der Priestermangel in Amazonien, der Kräutler zur Forderung nach einer Ausweitung des Zugangs zu priesterlichen Aufgaben veranlasste, sei unverändert: "Die Menschen sind von der Eucharistie ausgeschlossen ... Unsere Leute haben keinen Zugang zum Kern unseres Glaubens." Hinderlich seien kirchliche Vorschriften, "die aber geändert werden könnten", wie der Bischof hinwies.

Freitag, 30. April 2021

Corona-Untersuchungsausschuss überprüft Bolsonaros Krisenpolitik

 


ORF, 27.4.2021

Untersuchungsausschuss überprüft Bolsonaros Krisenpolitik

In Brasilien hat ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss die Arbeit aufgenommen, der Handlungen und Unterlassungen von Präsident Jair Bolsonaro in der außer Kontrolle geratenen CoV-Pandemie beleuchten soll. Dem Regierungschef wird unter anderem vorgeworfen, den Erwerb von CoV-Impfstoffen ausgeschlagen und verschleppt sowie Bundesmittel in der Pandemiebekämpfung veruntreut zu haben. Der Ausschuss begann seine Arbeit heute mit Anträgen zur Tagesordnung.

Brasilien ist ein Brennpunkt der CoV-Pandemie. Nach jüngsten Zahlen sind über 390.000 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. Nur in den USA, Indien und Mexiko sind die Zahlen noch höher oder ähnlich hoch. Brasilien hat 211 Mio. Einwohnerinnen und Einwohner. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres registrierte Brasilien so viele CoV-Tote wie im gesamten vergangenen Jahr. Bolsonaro verharmloste das Coronavirus jedoch seit Beginn der Pandemie. Schutzmaßnahmen und Einschränkungen lehnte der Rechtspopulist aus wirtschaftlichen Gründen ab. Auch den Sinn von Impfungen zog er in Zweifel.

Dem Ausschuss gehören elf Mitglieder an, von denen die Mehrheit neutral oder gegen Bolsonaro ist. Der Abschlussbericht des Gremiums kann unter anderem als Grundlage dazu dienen, ein neues Amtsenthebungsverfahren gegen Bolsonaro zu beantragen. Die Eröffnung eines solchen Verfahrens hängt jedoch vom Präsidenten der Abgeordnetenkammer ab – dieser gilt als Verbündeter der Regierung Bolsonaros.



Bolsonaros Corona-Politik:
Die Wut der Brasilianer
Wirkungslose Medikamente, Krankenhäuser ohne Sauerstoff: Fast 400.000 Menschen sind in Brasilien schon an Covid-19 gestorben. Jetzt wurde ein Untersuchungsausschuss gegen Präsident Bolsonaro eingesetzt.


Blickpunkt Lateinamerika, 30.4.2021
Brasilien: Corona-Untersuchungsausschuss droht Regierung mit Konsequenzen
In Brasilien steigt die Zahl der Corona-Toten rasant an. Präsident Bolsonaro hatte Schutzmaßnahmen immer wieder verhindert. Nun untersucht ein Ausschuss sein Handeln - und sieht Verbrechen gegen die Menschlichkeit.


O Globo, 30/04/2021
CPI da Covid quer investigar contratos e ações de publicidade do governo durante a pandemia
Objetivo é averiguar se houve financiamento com recursos públicos de campanhas contendo 'fake news'. Requerimentos de informações foram aprovados na quinta-feira (29).

O Globo, 30/04/2021
Em reunião, ministros de Bolsonaro dizem contar com PGR para acuar CPI da Covid

Samstag, 24. April 2021

Nach Umweltgipfel: Bolsonaro kürzt Budget für Umweltschutz

 


ORF, 24.4.2021
Brasilien kürzt Umweltausgaben

Nur einen Tag nachdem Brasiliens ultrarechter Präsident Jair Bolsonaro auf dem von US-Präsident Joe Biden organisierten Klimagipfel versprochen hatte, die Ausgaben für Umweltschutz zu verdoppeln, hat er das Budget um ein Viertel gekürzt. Weniger als 24 Stunden nach seiner Rede auf dem Klimagipfel unterzeichnete Bolsonaro den Bundeshaushalt 2021 laut einer offiziellen Regierungszeitung in Brasilien.

Für das Umweltministerium wurden im Vergleich zum Vorjahr ein Viertel weniger Ausgaben genehmigt. Dem Amtsblatt zufolge legte Bolsonaro sein Veto gegen eine Liste von umweltbezogenen Haushaltsausgaben ein, einschließlich Kosten für die Durchsetzung von Umweltschutzbestimmungen.

Rodrigo Agostinho, Vorsitzender der Umweltfraktion im Kongress, warnte, dass nach jahrelangen Einsparungen nun eine komplette Lähmung der Umweltbehörden drohe. Die Regierung beantwortete keine weiteren Fragen zu Bolsonaros Versprechen, die Ausgaben für den Umweltschutz zu erhöhen.


Spiegel-Online, 24.4.2021
Brasiliens Präsident bricht Zusage
Bolsonaro kürzt Ausgaben für Umweltschutz drastisch
Auf dem internationalen Klimagipfel kündigte Brasiliens Präsident an, die Staatsausgaben für Umweltschutz zu verdoppeln. Daheim tat er nun erst einmal das Gegenteil.


Blickpunkt Lateinamerika, 23.4.2021
Brasilien: Umweltverbände misstrauen Bolsonaros Klimaversprechen
Die Ankündigung von Präsident Jair Bolsonaro, die illegale Abholzung im Amazonasgebiet zu stoppen und Brasilien bis 2050 zu einem klimaneutralen Staat umzubauen, halten Klimaexperten für unzureichend.


VaticanNews, 23.4.2021
Papstappell zum Tag der Erde: „Wir sind am Limit!”
In einer kurzen Videobotschaft an die Teilnehmer des online abgehaltenen Klimagipfels, der auf Einladung von US-Präsident Biden derzeit im Weißen Haus stattfindet, würdigt der Papst die Initiative als konkreten Schritt hin zu einem besseren Umgang mit der Natur - einem „Geschenk“, das es zu erhalten und pflegen gilt.


Deutschlandfunk, 22.4.2021
Bolsonaro verlangt gerechte Entlohnung für Brasiliens „Umweltdienste“
Brasilien müsse für seine „Umweltdienste“ gerecht entlohnt werden, sagte Bolsonaro beim virtuellen Klimagipfel, zu dem US-Präsident Biden 40 Staats- und Regierungschefs eingeladen hatte. Bolsonaro erklärte, sein Land werde die illegale Abholzung des Regenwaldes in den nächsten zehn Jahren beenden. Damit könne Brasilien seine Emissionen bis zum Jahr 2030 um 50 Prozent senken. 


FAZ, 22.4.2021
Zum Auftakt des Klimagipfels:
Biden verkündet ehrgeizige Klimaziele
Der amerikanische Präsident Joe Biden will zum Auftakt des Klimagipfels ambitionierte Ziele verkünden: Amerika will den Ausstoß der Treibhausgase offenbar deutlich reduzieren.


Spiegel-Online, 22.4.2021
Treffen von 40 Staats- und Regierungschefs
Bidens großer Klima-Coup
Die USA sind zurück als Klima-Champion: Auf seinem Gipfel mit der Welt-Politprominenz erreichte US-Präsident Biden mehr als die Uno in einem Jahr. Doch wie stabil sind die Zusagen?


o eco, 22.4.2021
Bolsonaro na Cúpula do Clima: discurso frágil, vazio e impreciso
O presidente brasileiro repetiu a tom da carta enviada à Biden, reforçou o suposto compromisso de zerar o desmatamento ilegal até 2030 e adiantou em 10 anos a meta de neutralidade climática

O Globo, 22.4.2021
Bolsonaro promete reduzir emissões e pede 'justa remuneração' por 'serviços ambientais' prestados pelo Brasil
Presidente discursou na Cúpula de Líderes sobre o Clima, organizada por Joe Biden.

Freitag, 23. April 2021

Erwin Kräutler über die indigenen Völker Brasiliens und deren Notstand


Notstand in Amazônien: Nein zu einem Abkommen zwischen Brasilien und USA über die Abholzung des Regenwaldes ohne Dialog mit indigenen Völkern und traditionellen Gemeinschaften! 

Dom Erwin Kräutler, emeritierter Bischof am Xingu, Präsident des pan-amazonischen kirchlichen Netzwerks (Repam-Brasilien) und langjähriger Präsident des Indigenen Missionsrates (CIMI) spricht mit Daniel Seidel, Exekutivsekretär der Brasilianischen Kommission Gerechtigkeit und Frieden über seine Erfahrungen mit indigenen Völkern Brasiliens und deren Bedrohung durch nationale und multinationale Interessen.