Plattform Belo Monte - Ibama-Präsidentin Marlene Ramos verkündete bei einer Pressekonferenz vor Journalisten und Indigenen aus der Region Xingu am 24.11. die Erteilung der Betriebsgenehmigung (Operationslizenz) an Norte Energia. Damit darf der Betreiber des Kraftwerks Belo Monte innerhalb der nächsten 50 Tage mit der Flutung der Wasserreservoirs beginnen. Die Indigenen unterbrachen die Erklärungen von Ramos und brachten ihren Protest zum Ausdruck, indem sie dem Umweltinstitut Verrat vorwarfen. "Ibama schützt die Umwelt nicht, sondern genehmigt ihre Zerstörung. Wir wurden nicht angehört!", sagte Paiakan Kaiapó. - Siehe Youtube-Video von der Pressekonferenz.
Der Standard, 25. November 2015
Brasiliens umstrittener Belo-Monte-Staudamm darf in Betrieb gehen
Obwohl etliche Umwelt- und Sozialauflagen noch nicht erfüllt wurden
Brasilia/Graz – Brasiliens Umweltbehörde Ibama hat am gestrigen Dienstag laut Kathpress Grünes Licht für den Betrieb des umstrittenen Staudamms Belo Monte gegeben. Obwohl etliche Umwelt- und Sozialauflagen immer noch nicht erfüllt wurden, kann nun mit der Aufstauung des Xingu-Flusses begonnen werden.
Umweltschützer und Indigenenvertreter, darunter der aus Österreich stammende Bischof Erwin Kräutler, kämpfen seit Jahren gegen das Mega-Projekt in der Amazonasregion, an dem auch die steirische Andritz AG beteiligt ist.
19 Kraftwerke überflüssig
Noch im September hatte Ibama die Betriebslizenz verweigert, da die Betreiber zwölf Umweltauflagen nicht erfüllt hatten. Dazu zählt der Bau eines Abwassersystems für die Stadt Altamira, die von dem Stausee teilweise überflutet wird. Man werde die Betreiber anhalten, die fehlenden Auflagen nun in naher Zukunft nachzureichen, so die Ibama-Präsidentin Marilene Ramos. "Die Lizenz weiterhin zu verweigern, heißt, Brasilien zu bestrafen", so Ramos.
Mit der Inbetriebnahme des Staudamms würden 19 mit fossilen Brennstoffen betriebene Kraftwerke überflüssig, argumentierte Ramos. Das Betreiberkonsortium hat nach eigenen Angaben bereits rund 1 Milliarde Euro für Umweltauflagen ausgegeben; weitere 125 Millionen Euro würden für die Erfüllung der offenen Auflagen ausgegeben.
Auch die staatliche Indigenenbehörde Funai hatte der Inbetriebnahme zugestimmt. Allerdings seien einige Entschädigungen, die der Betreiber den betroffenen Indigenen und Fischern zusagte, immer noch nicht erfolgt. Insgesamt sind noch 41 Auflagen zu erfüllen.
Drittgrößter Damm der Welt
Ursprünglich sollte Belo Monte im Februar dieses Jahres teilweise mit der Stromproduktion beginnen. Wenn die Erzeugung nicht bis spätestens März 2016 startet, drohen dem Unternehmen Strafzahlungen in Millionenhöhe. Innerhalb von 40 Tagen soll nun der erste Stausee des Projektes gefüllt sein. Dafür muss der Betreiber die derzeitige Regenzeit ausnutzen.
Mit einer maximalen Leistung von 11.200 Megawatt ist Belo Monte der drittgrößte Staudamm der Welt. Über Jahre verzögerten Umweltschützer und Indigenenvertreter mit einstweiligen Verfügungen die Fertigstellung.
An vorderster Front kämpfte Kräutler, der Bischof von Altamira-Xingu, gegen das Projekt. Er geißelte die zwangsweise Umsiedlung von 40.000 Menschen und bezeichnete Belo Monte als soziale und ökologische Katastrophe.
KURIER, 25.11.2015
Brasilien: Grünes Licht für Belo-Monte-Staudamm
Indigene und Naturschützer - darunter Bischof Kräutler - kämpfen seit Jahren gegen Aufstauung des Xingu.
Religion.orf.at, 25.11.2015
Bischof verliert Kampf für brasilianischen Regenwald
Brasiliens Umweltbehörde IBAMA hat am Dienstag grünes Licht für den Betrieb des umstrittenen Staudamms Belo Monte gegeben. Der austro-brasilianische Bischof Erwin Kräutler kämpft seit Jahren gegen das Megaprojekt.
ISA, 25 de Novembro de 2015
Belo Monte: licença com inadimplência
Durante coletiva de imprensa do Instituto Brasileiro do Meio Ambiente (Ibama) sobre a emissão da Licença de Operação (LO) da usina de Belo Monte (PA), ontem (24/11), a presidente do órgão, Marilene Ramos, afirmou que, apesar de não estarem 100% cumpridas as condições socioambientais para a operação da usina, não se pode “penalizar” o Brasil com o atraso de Belo Monte. Na interpretação da presidente, a demora na entrada em operação da hidrelétrica terminaria se refletindo no aumento das tarifas de energia do consumidor brasileiro, que hoje paga seis vezes a mais pela energia poluente fornecida por termelétricas.
O Globo, 24/11/2015
Ibama concede licença para operação de Belo Monte
Norte Energia recebeu autorização para encher o reservatório da usina.
Empreendimento deveria ter começado a funcionar em fevereiro.
Globo-TV, 25.11.2015
Ibama concede licença para operação de Belo Monte
Estadão, 24.11.2015
Sob protesto, Belo Monte recebe aval para operar
Deutsche Welle, 26/11/2015
Belo Monte começa a encher reservatórios no Xingu
Depois de anos de polêmica, usina recebe licença do Ibama para operar
AIDA, November 24, 2015
Brazil authorizes operation of the Belo Monte Dam, disregarding the rights of affected communities
The environmental authority granted the project’s operating license, ignoring evidence of noncompliance with conditions necessary to guarantee the life, health and integrity of indigenous and other affected populations.
Rückblick:
Infografico zum Kraftwerksprojekt Belo Monte auf Veja.com.br
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Mittwoch, 25. November 2015
Ibama erteilt Betriebsgenehmigung für Belo Monte
Freitag, 30. Oktober 2015
Neue Belo-Monte-Serie von O Globo
BELO-MONTE-REPORTAGEM
O Globo-Reportagem 27.10.2015
Usina de Belo Monte ajudará país a enfrentar crise de energia
O Globo-Reportagem 28.10.2015
Veja por que o Bama não concede licença para a Usina de Belo Monte operar
O Globo-Reportagem 29.10.2015
Usina de Belo Monte vai gerar energia suficiente para abastecer 60 milhões de pessoas
O Globo-Reportagem 27.10.2015
Usina de Belo Monte ajudará país a enfrentar crise de energia
O Globo-Reportagem 28.10.2015
Veja por que o Bama não concede licença para a Usina de Belo Monte operar
O Globo-Reportagem 29.10.2015
Usina de Belo Monte vai gerar energia suficiente para abastecer 60 milhões de pessoas
Montag, 10. März 2014
Neue Studie: Große Staudämme unrentabel und ernste Gefahr für die Wirtschaft
Riverwatch, 10.03.2014
Neue Studie: Große Staudämme unwirtschaftlich
Baukosten meist doppelt so hoch wie geplant. Großwasserkraft eine Gefahr für die Wirtschaft v.a. der Schwellen- und Entwicklungsländer
Großwasserkraftwerke machen ökonomisch keinen Sinn. Die Staudammlobby arbeitet häufig mit geschönten Zahlen, um derartige Projekte durchzusetzen. Das sind einige der Ergebnisse einer neuen Studie der Universität Oxford, die heute präsentiert wurde. Aussendung der Universität Oxford.
„Diese Studie ist brisant, ein wichtiger Beitrag, die Wahrheit über den Mythos Wasserkraft ans Licht zu bringen. Staudämme sind keine Lösung – sie schaffen nur Probleme”, so Ulrich Eichelmann. “Staaten und internationale Finanzinstitute wie die Weltbank müssen die Finanzierung großer Dämme stoppen.“
Mehr als vier Jahre lang haben die Wissenschaftler der Universität sämtliche große Wasserkraftwerke analysiert, die zwischen 1934 und 2007 gebaut wurden und für die geeignete Daten vorliegen. 245 Projekte aus 65 Ländern haben sie dabei unter die Lupe genommen, mit Gesamtbaukosten in Höhe von 353 Milliarden US Dollar (auf Basis 2010). Die Ergebnisse sind erstaunlich:
- Die tatsächlichen Baukosten lagen im Schnitt um mehr als 90 Prozent über den projektieren, d.h. die Kosten waren fast doppelt so hoch wie zuvor angegeben. Je größer das Projekt, desto höher die Kostenüberschreitung. In diesen Kosten sind noch nicht einmal die Folgekosten für Natur und Bewohner (Umsiedlung etc.) eingerechnet. Die reale Kostenüberschreitung liegt also noch deutlich darüber.
- Die geplante Bauzeit wurde um durchschnittlich 44 Prozent überschritten. Dadurch war die benötigte Energie viel später verfügbar, als versprochen. Im Durchschnitt lag die Bauzeit bei über 8 Jahren.
- Es fand kein „Lernen“ statt. Bei neueren Projekten wurden die gleichen Fehler gemacht wie bei den alten; die heutigen Budgets sind genauso falsch wie früher. D.h. Projekte wie Ilisu (Türkei), Belo Monte (Brasilien), Xayaburi (Laos) oder Gran Inga (Kongo) sind ebenfalls unwirtschaftlich.
Um die Kosten sowie die Bauzeit der Megadämme realistischer zu budgetieren, empfehlen sie die Projektkosten jeweils zu verdoppeln und die geplante Bauzeit um zwei Drittel zu verlängern. Dadurch erreiche man eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit, Kosten und Bauzeit korrekt vorherzusagen.
Damit kommen die Wissenschaftler zu ähnlichen Ergebnissen wie die letzte Analyse dieser Art – die der Weltstaudammkommission (World Commission on Dams) im Jahr 2000: Wasserkraftprojekte halten nicht, was sie versprechen.
Dennoch boomt die Wasserkraft wie nie zuvor. Unter dem Deckmantel Klimaschutz und Entwicklung sollen weltweit ca. 5.000 große Staudämme im Bau und in Vorbereitung sein, fast durchwegs ohne Rücksicht auf Natur und die lokale Bevölkerung. Laut Survival International leiden weltweit etwa 750 Millionen Menschen an den Folgen von Staudämmen. Zigtausenden Arten droht das Aussterben. Und nun belegt diese Studie auch noch die wirtschaftliche Unsinnigkeit dieser Projekte. Was bleibt dann noch?
New Internationalist, 1.3.2003
Big Dams, big trouble
Patrick McCully presents the case against the concrete behemoths that cause more misery than they’re worth.
Oregon State University, 06/18/2013
Dam construction to reduce greenhouse gases causes ecosystem disruption
Researchers conclude in a new report that a global push for small hydropower projects, supported by various nations and also the Kyoto Protocol to reduce greenhouse gas emissions, may cause unanticipated and potentially significant losses of habitat and biodiversity.
An underlying assumption that small hydropower systems pose fewer ecological concerns than large dams is not universally valid, scientists said in the report. A five-year study, one of the first of its type, concluded that for certain environmental impacts the cumulative damage caused by small dams is worse than their larger counterparts.
Donnerstag, 20. September 2012
Brasilien: Wo Wald und Fische schwinden
Ausführlicher Beitrag zum Kraftwerksprojekt Belo Monte und dessen Umweltauswirkungen
Frankfurter Allgemeine, 19.06.2012
Brasilien: Wo Wald und Fische schwinden
In Rio hat der UN-Umweltgipfel begonnen. Dort wird sich auch Brasilien für Umweltsünden verantworten müssen. Im Norden etwa, an einem Nebenfluss des Amazonas, wird ein riesiges Wasserkraftwerk gebaut. Eingeborene sehen sich bedroht.
Frankfurter Allgemeine, 19.06.2012
Brasilien: Wo Wald und Fische schwinden
In Rio hat der UN-Umweltgipfel begonnen. Dort wird sich auch Brasilien für Umweltsünden verantworten müssen. Im Norden etwa, an einem Nebenfluss des Amazonas, wird ein riesiges Wasserkraftwerk gebaut. Eingeborene sehen sich bedroht.
Dienstag, 12. Juni 2012
Wasserkraft ist nicht immer umweltfreundlich
Deutschlandfunk, 12.6.2012
Wasserkraft ist nicht immer umweltfreundlich
Großprojekt Belo Monte bedroht den brasilianischen Regenwald
Die Produktion von Strom aus erneuerbaren Energien ist zwar klimafreundlich, allerdings nicht immer umweltfreundlich. Ein Beispiel hierfür ist die Nutzung von Wasserkraft. In Brasilien wird derzeit der drittgrößte Staudamm der Welt gebaut und das mitten in der Amazonas-Region.
11.000 Megawatt soll das Kraftwerk künftig liefern, um den steigenden Energiebedarf des wirtschaftlich erstarkenden Landes mit abzudecken.
Den vollständigen Beitrag können Sie mindestens bis zum November 2012 in unserem Audio-on-Demand-Player hören.
Links:
Umweltwirkungen von Wasserkraftwerken
dctp.tv, 4. Sept. 2010 - 30 Min.
Strom, der aus dem Wasser kommt
Donnerstag, 19. April 2012
150 Staudämme an den Nebenflüssen des Amazonas geplant
Der Spiegel, 19.04.2012
Staudämme bedrohen die Amazonas-Region
Südamerika setzt auf Wasserkraft: Mehr als 150 Staudämme sollen in den kommenden Jahren entstehen und Energie liefern. Forscher schlagen Alarm - die Bauprojekte an vielen Amazonas-Zuflüssen gefährden massiv die Umwelt.
Eine Vielzahl geplanter Staudämme an den Amazonas-Zuflüssen in den Anden könnte der Umwelt in bislang unerwartetem Ausmaß schaden, fürchten zwei US-Wissenschaftler. Insgesamt sollen dort in den nächsten 20 Jahren 151 Wasserkraftwerke mit jeweils mindestens zwei Megawatt Leistung gebaut werden. Diese Projekte gefährden sowohl die Vernetzung des Amazonas-Beckens als auch die Regenwaldbestände, berichten die Forscher im Wissenschaftsmagazin "PLoS One". Heute gibt es 48 Staudämme dieser Größe im Amzonas-Einzugsgebiet der Anden.
Research Article, 18.4.2012
Proliferation of Hydroelectric Dams in the Andean Amazon and Implications for Andes-Amazon Connectivity
Staudämme bedrohen die Amazonas-Region
Südamerika setzt auf Wasserkraft: Mehr als 150 Staudämme sollen in den kommenden Jahren entstehen und Energie liefern. Forscher schlagen Alarm - die Bauprojekte an vielen Amazonas-Zuflüssen gefährden massiv die Umwelt.
Eine Vielzahl geplanter Staudämme an den Amazonas-Zuflüssen in den Anden könnte der Umwelt in bislang unerwartetem Ausmaß schaden, fürchten zwei US-Wissenschaftler. Insgesamt sollen dort in den nächsten 20 Jahren 151 Wasserkraftwerke mit jeweils mindestens zwei Megawatt Leistung gebaut werden. Diese Projekte gefährden sowohl die Vernetzung des Amazonas-Beckens als auch die Regenwaldbestände, berichten die Forscher im Wissenschaftsmagazin "PLoS One". Heute gibt es 48 Staudämme dieser Größe im Amzonas-Einzugsgebiet der Anden.
Research Article, 18.4.2012
Proliferation of Hydroelectric Dams in the Andean Amazon and Implications for Andes-Amazon Connectivity
Freitag, 24. Februar 2012
Amazonien im Jahr 2012 - mehr Staudämme und weniger Waldschutz drohen
oekosmos, 22.02.2012
Amazonien im Jahr 2012 - mehr Staudämme und weniger Waldschutz drohen
Im Prinzip sind sich Umweltwissenschaftler, Klimaschützer und Indigene Völker einig: Die Amazonasabholzung muss aufhören genauso wie die Abholzung der Cerrado- und Caatinga-Wälder Zentral- und Nordostbrasiliens. Doch dies steht im krassen Gegensatz zum "Entwicklungs-" oder besser gesagt Kolonisierungsprogramm der brasilianischen Regierung Dilma Rousseff und der Vorgängerregierung Lula da Silvas: Mehr Straßen, mehr Staudämme, mehr Rohstoffausbeutung, mehr Erdölfördertürme und Erzbergbau in Amazonien, mehr Biosprit und mehr Zersiedlung im ganzen Land.
Donnerstag, 9. Februar 2012
ZDF-Sendung: Mega-Staudamm Belo Monte bedroht das Amazonas-Gebiet
ZDF-planet e. Programmhinweis
Staudamm contra Regenwald
Mega-Staudamm bedroht das Amazonas-Gebiet
Im Herzen Amazoniens liegt die größte und teuerste Baustelle Brasiliens: Hier soll das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt gebaut werden - Belo Monte. Wissenschaftler warnen vor den verheerenden ökologischen Folgen. Dieser Eingriff in die Natur wird so weitreichende Folgen nach sich ziehen, dass die Hälfte des Amazonas-Regenwaldes vernichtet werden wird.
Videobeitrag:
ZDF planet e.: Staudamm contra Regenwald
Hintergrund zum Film:
Thüringer Zeitung, 11.2.2012
Naturschutz oder Energiehunger
In Brasiliens Regenwald soll das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt gebaut werden. Filmemacherin Jana Lemme, gebürtig in Ostthüringen, hat sich für das ZDF auf die Reise dorthin begeben.
Mittwoch, 8. Februar 2012
RedeTV bringt Serie über Belo Monte
RedeTV News bringt eine Doku-Serie über Belo Monte:
1. Teil: Belo Monte: ein Wasserkraftwerk voller Widersprüche
RedeTV News, 7.2.2012
Belo Monte: saiba mais sobre a polêmica hidrelétrica
O plano da polêmica hidrelétrica no rio Xingu surgiu com a necessidade de suprir a demanda criada com o crescimento econômico e o aumento do consumo de energia.
RedeTV News, 8.2.2012
Belo Monte: polêmica envolve índios e comunidades ribeirinhas
Os moradores da região estão preocupados com os impactos ambientais causados pela terceira maior usina hidreléctrica do mundo no Rio Xingu.
RedeTV News, 9.2.2012
Belo Monte: municípios próximos crescem com usina
As cidades de Altamira e Vitória do Xingu no Pará não param. Prédios em construção são vistos por todos os cantos.
RedeTV News, 10.2.2012
Belo Monte: especialistas explicam importância da usina
Com a economia em crescimento, o Brasil busca aumento também na produção de energia. Uma das alternativas é a construção da Belo Monte.
Sonntag, 20. November 2011
Altamira fordert Einstellung von Belo Monte
In einem Exklusivbericht greift Folha ein Ereignis vom 28.9. auf, als sich Bürgermeisterin Odileia Sampaio und die Stadtverwaltung von Altamira (PA) - mit dem Bau von Belo Monte nun Schauplatz des größten Infrastrukturprojekts Brasiliens - an Präsidentin Dilma Rousseff, das Umweltinstitut Ibama und die Bundesanwaltschaft (MPF) wandten und um die Einstellung der Arbeiten am Wasserkraftwerk Belo Monte bzw. um Aufhebung der Installationslizenz ersuchten. PlattformBeloMonte berichtete davon.
Seit vier Monaten ist die Altamira (PA) von einer Massenmigration, die durch den Baubeginn ausgelöst wurde, stark betroffen. Der Immobilienmarkt ist zusammen gebrochen, die Mieten erreichen astronomische Höhen. Die Straßen verkraften die vielen Autos nicht, der Verkehr kommt zum Erliegen, Parkplätze fehlen. Einbrüche und Überfälle gehören zum traurigen Alltag. Schulen und Spitäler, die schon bisher zu klein waren, sind durch den Ansturm heillos überfordert.
In den verschiedenen Baustellen für Belo Monte sind bereits 4.500 Beschäftigte tätig. Die Arbeitsuchenden kommen aus weit entfernten Bundesstaaten. Vielfach werden die arbeitsrechtlichen Bedingungen - wie schon bei anderen Kraftwerksbauten in Jirau oder Santo Antônio - nicht eingehalten und es kommt zu Rebellionen unter den Arbeitern.
Die Bürgermeisterin von Altamira, Odileia Sampaio, sagte im Interview mit TV-Folha, dass von den vielen von Norte Energia S.A. gemachten Versprechungen bisher nur 5 % umgesetzt sind. Deshalb verabschiedete der Stadtrat ein Schreiben an die Bundesanwaltschaft und an IBAMA, in dem die Aufhebung der von IBAMA am 30. Juli 2011 erteilten Installationslizenz für die Belo-Monte-Baustellen verlangt wird.
Folha, 20.11.2011
Altamira decide pedir suspensão de Belo Monte; veja vídeo
A cidade de Altamira (PA), palco da maior obra do PAC (Programa de Aceleração do Crescimento), pediu à presidente Dilma Rousseff, ao Ibama e ao MPF (Ministério Público Federal) a suspensão das obras da Hidrelétrica de Belo Monte, no Rio Xingu.
Videográfico mostra como funcionará a hidrelétrica de Belo Monte
Seit vier Monaten ist die Altamira (PA) von einer Massenmigration, die durch den Baubeginn ausgelöst wurde, stark betroffen. Der Immobilienmarkt ist zusammen gebrochen, die Mieten erreichen astronomische Höhen. Die Straßen verkraften die vielen Autos nicht, der Verkehr kommt zum Erliegen, Parkplätze fehlen. Einbrüche und Überfälle gehören zum traurigen Alltag. Schulen und Spitäler, die schon bisher zu klein waren, sind durch den Ansturm heillos überfordert.
In den verschiedenen Baustellen für Belo Monte sind bereits 4.500 Beschäftigte tätig. Die Arbeitsuchenden kommen aus weit entfernten Bundesstaaten. Vielfach werden die arbeitsrechtlichen Bedingungen - wie schon bei anderen Kraftwerksbauten in Jirau oder Santo Antônio - nicht eingehalten und es kommt zu Rebellionen unter den Arbeitern.
Die Bürgermeisterin von Altamira, Odileia Sampaio, sagte im Interview mit TV-Folha, dass von den vielen von Norte Energia S.A. gemachten Versprechungen bisher nur 5 % umgesetzt sind. Deshalb verabschiedete der Stadtrat ein Schreiben an die Bundesanwaltschaft und an IBAMA, in dem die Aufhebung der von IBAMA am 30. Juli 2011 erteilten Installationslizenz für die Belo-Monte-Baustellen verlangt wird.
Folha, 20.11.2011
Altamira decide pedir suspensão de Belo Monte; veja vídeo
A cidade de Altamira (PA), palco da maior obra do PAC (Programa de Aceleração do Crescimento), pediu à presidente Dilma Rousseff, ao Ibama e ao MPF (Ministério Público Federal) a suspensão das obras da Hidrelétrica de Belo Monte, no Rio Xingu.
Videográfico mostra como funcionará a hidrelétrica de Belo Monte
Donnerstag, 3. November 2011
Dom Erwin Kräutler: Bischof am Amazonas
Im schwarzen Rolli und mit blauer Strickweste steht Erwin Kräutler in der Tür seines Elternhauses und winkt. Eine Stickerei hat seine Familie hier früher betrieben. Von hoch oben schaut die Koblacher Kirche St. Kilian herunter, wo der 72-jährige Bischof als Bub ministriert hat. Den Vorarlberger Dialekt verbirgt seine tiefe Stimme nicht, auch wenn er über seine Arbeit in Brasilien spricht. Seinen gefährlichen Einsatz für die Natur, für die Indianer und die Armen am Xingu, dem letzten großen Nebenfluss des Amazonas.
MK: Sie sind in Vorarlberg aufgewachsen und arbeiten seit nunmehr 30 Jahren als Bischof am Amazonas. Wo ist Ihre Heimat?
Kräutler: Ich habe meine Wurzeln nie verleugnet, aber ich lebe in Brasilien. Das war meine eigene Entscheidung, die ich bis heute nicht bereue. Heimat ist mehr als geographische Umgebung, es ist auch die Kultur und hat vor allem mit Menschen zu tun. Man kann das nicht gegeneinander ausspielen.
MK: Die brasilianische Regierung plant am Xingu den drittgrößten Staudamm der Welt. Durch das riesige Wasserkraftwerk Belo Monte würde auch Ihre Bischofsstadt Altamira teilweise überflutet. Hat der Protest gegen das Mammut-Projekt noch eine Chance?
Kräutler: Der Bau ist bis heute nicht entschieden, es laufen neun Prozesse. Was ist das für eine saubere Energie, die 30.000 Menschen in Mitleidenschaft zieht? In Frage steht letztlich unsere Sicht der Natur, ohne die wir nicht leben können. Haben wir das Recht auf solche Eingriffe, die unabsehbare Konsequenzen auch für das Weltklima haben? Es geht ja nicht nur um Belo Monte, sondern auch um drei weitere Staustufen am Xingu, insgesamt 61 Projekte in Amazonien. Damit wäre das Land am Ende. Die brasilianische Regierung führt die Welt an der Nase herum. Durch den explosionsartigen Zuzug lebt unsere Stadt schon jetzt im Chaos, was das Gesundheits-, Bildungs-, Sicherheits- und Transportsystem anlangt.
Mehr in der Münchner Kirchenzeitung
MK: Sie sind in Vorarlberg aufgewachsen und arbeiten seit nunmehr 30 Jahren als Bischof am Amazonas. Wo ist Ihre Heimat?
Kräutler: Ich habe meine Wurzeln nie verleugnet, aber ich lebe in Brasilien. Das war meine eigene Entscheidung, die ich bis heute nicht bereue. Heimat ist mehr als geographische Umgebung, es ist auch die Kultur und hat vor allem mit Menschen zu tun. Man kann das nicht gegeneinander ausspielen.
MK: Die brasilianische Regierung plant am Xingu den drittgrößten Staudamm der Welt. Durch das riesige Wasserkraftwerk Belo Monte würde auch Ihre Bischofsstadt Altamira teilweise überflutet. Hat der Protest gegen das Mammut-Projekt noch eine Chance?
Kräutler: Der Bau ist bis heute nicht entschieden, es laufen neun Prozesse. Was ist das für eine saubere Energie, die 30.000 Menschen in Mitleidenschaft zieht? In Frage steht letztlich unsere Sicht der Natur, ohne die wir nicht leben können. Haben wir das Recht auf solche Eingriffe, die unabsehbare Konsequenzen auch für das Weltklima haben? Es geht ja nicht nur um Belo Monte, sondern auch um drei weitere Staustufen am Xingu, insgesamt 61 Projekte in Amazonien. Damit wäre das Land am Ende. Die brasilianische Regierung führt die Welt an der Nase herum. Durch den explosionsartigen Zuzug lebt unsere Stadt schon jetzt im Chaos, was das Gesundheits-, Bildungs-, Sicherheits- und Transportsystem anlangt.
Mehr in der Münchner Kirchenzeitung
Montag, 31. Oktober 2011
Belo Monte – Strom oder Menschenrechte?
Noch befinden sich in Amazonien die größten tropischen Regenwaldflächen der Erde. Das Wasserkraftprojekt Belo Monte am Xingu-Fluss aber hat nicht nur weitreichende ökologische und soziale Folgen, sondern es würde wahrscheinlich einer Vielzahl weiterer solcher Kraftwerke den Weg ebnen. Es soll das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt werden und wäre das erste solchen Ausmaßes in Amazonien. Dass etwa indigene Völker großflächig im Namen des Fortschrittes umgesiedelt werden sollen und was mögliche Alternativen zu einer solchen Form der Energiegewinnung wären, erklärt uns im folgenden Interview Herbert Wasserbauer von der Dreikönigsaktion.
AUDIO - MP3 auf Radiofabrik, 31.10.2011 (56:30 Min, 51.73 MB)
AUDIO - MP3 auf Radiofabrik, 31.10.2011 (56:30 Min, 51.73 MB)
Montag, 24. Oktober 2011
Brasilien: Die Wirtschaft wächst, der Wald stirbt
Mitten im Amazonas-Regenwald will Brasilien das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt bauen. Die Schäden für Natur und Einwohner sind kaum zu bemessen. Trotz aller Einwände hält die brasilianische Regierung stur an dem Wahnsinns-Projekt fest und tritt dabei Umwelt- und Menschenrechte mit Füßen.
Vierteilige Serie auf Cicero-Online, 24.10.2011
Wie das Projekts während der Militärdiktatur entstand
Warum Brasilien trotz seiner Umweltsünden als Vorbild für nachhaltige Energien gilt und wie lokale Umweltaktivisten zu dem Projekt stehen
Warum Umweltschützer im Amazonas um ihr Leben fürchten müssen
Welche dramatischen Auswirkungen der Bau schon jetzt auf die Region hat und welche Chancen es noch gibt, den Staudamm zu verhindern
Vierteilige Serie auf Cicero-Online, 24.10.2011
Wie das Projekts während der Militärdiktatur entstand
Warum Brasilien trotz seiner Umweltsünden als Vorbild für nachhaltige Energien gilt und wie lokale Umweltaktivisten zu dem Projekt stehen
Warum Umweltschützer im Amazonas um ihr Leben fürchten müssen
Welche dramatischen Auswirkungen der Bau schon jetzt auf die Region hat und welche Chancen es noch gibt, den Staudamm zu verhindern
Samstag, 24. September 2011
Das Judas-Projekt: Artikel zum Wasserkraftwerk Belo Monte
Das Judas-Projekt
Erst waren alle dagegen, im Amazonasgebiet Brasiliens das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt zu bauen – die Umweltschützer, die Indianer, der Staatspräsident. Plötzlich schwindet der Widerstand. Wie haben die Stromkonzerne das hinbekommen?
Übersicht des Artikels in DIE ZEIT, 23.9.2011:
- Seite 1 Das Judas-Projekt
- Seite 2 Heute braucht Brasilien keine Kredite aus dem Ausland mehr
- Seite 3 "Die Krawatten kommen, um unsere Tiere zu jagen"
- Seite 4 Überall werden Keile in Dorfgemeinschaften getrieben
- Seite 5 "Sie haben den Fluss verkauft, um selbst zu überleben"
- Seite 6 Der Fluss ist das Haus unserer Götter, sagen die Kayapó
GIGA Focus Lateinamerika Nr. 9/2011
Der Belo Monte Staudamm: Paradebeispiel für eine erfolgreiche Zivilgesellschaft in Brasilien? (als PDF)
Mittwoch, 16. März 2011
Das brasilianische Entwicklungsmodell
Le Monde diplomatique Nr. 9442 vom 11.3.2011
Das brasilianische Modell
Entwicklung ist Umverteilung plus Großprojekte
von Thomas Fatheuer
Brasilien scheint endlich da angelangt zu sein, wo es seit langem sein wollte: im Kreis der Großmächte. Die neue weltpolitische Rolle der Schwellenländer, der emerging economies, Brics oder wie immer die Kategorisierungsversuche lauten mögen, ist in aller Munde. Natürlich stehen Indien und China in der ersten Reihe, aber gleich danach drängt Brasilien in den Vordergrund.
Die Bilanz der acht Jahre Präsidentschaft von Inácio Lula da Silva, dem ehemaligen Gewerkschaftsführer, in denen Brasilien den entscheidenden Sprung nach vorn machte: Stetiges Wirtschaftswachstum, ein schnelles Überwinden der Finanzkrise und aktive Sozialpolitik brachten dem Land nicht nur internationale Anerkennung, sondern dem Präsidenten auch im achten Jahr seiner Amtszeit Zustimmungswerte von über 80 Prozent. So wurde es möglich, dass der charismatische Lula die eher technokratische Dilma Rousseff als Nachfolgerin inthronisieren konnte.
Aber Brasilien sorgt nicht nur für positive Schlagzeilen. Vor allem Umweltprobleme werden – neben der Gewalt in den Städten – auch international als Schattenseiten der neuen Weltmacht wahrgenommen. Und viele der Umweltsünden sind das Ergebnis der bedingungslosen Hingabe der Regierung an das Wirtschaftswachstum. Zum Markenzeichen der Regierung da Silva und seiner Nachfolgerin Rousseff wurde in den letzten Jahren das „Programm zu Beschleunigung des Wachstums“ (PAC), das auf den massiven Ausbau der Infrastruktur und auf Investitionen in Großprojekte setzt.
Ein geradezu paradigmatisches Großvorhaben ist der Bau eines riesigen Wasserkraftwerks im Bundesstaat Pará im Norden Brasiliens, mitten im Amazonasgebiet: Es soll am Rio Xingú, einem Zufluss des Amazonas, entstehen und das drittgrößte der Welt werden. Belo Monte ist ein klangvoller Name für ein so umstrittenes Bauwerk. Schon 1988 sollte am Rio Xingú ein Wasserkraftwerk entstehen, aber internationaler Protest – Höhepunkt war damals ein Konzert von Sting in der nahe gelegenen Stadt Altamira – hat das Vorhaben lange verhindert.
Vor zwanzig Jahren war es leichter, Proteste auf die Beine zu stellen: Damals hing das Vorhaben noch von internationaler Zustimmung ab, von der Weltbank und Krediten aus dem Ausland. Heute braucht die Großmacht Brasilien keine ausländische Hilfe mehr und will den Bau trotz heftiger Proteste aus dem In- und Ausland (von Hollywoodstars wie Sigourney Weaver inklusive) und trotz scharfer Kritik und juristischer Hürden möglichst schnell durchziehen.
Mitte Januar 2011 trat der Chef der brasilianischen Umweltbehörde (Ibama), Abelardo Bayma, zurück, offensichtlich weil er den politischen Druck, endlich die letzte notwendige Genehmigung für den Baubeginn zu erteilen, nicht mehr aushielt. Prompt kam Anfang Februar die Genehmigung. Zwar wurde sie wegen nicht erfüllter Umweltauflagen durch ein Gerichtsurteil aufgehoben, doch die nächste Instanz kassierte diese Entscheidung umgehend wieder ein. Der Bau kann also beginnen.
Das Megaprojekt am Rio Xingú beeindruckt durch gewaltige Zahlen: Für die insgesamt drei Staudämme soll mehr Erde bewegt werden als beim Bau des Panamakanals, und mindestens 20 000 Menschen sollen bei dem Bau beschäftigt und etwa ebenso viele umgesiedelt werden.(1) Das ist für die dünn besiedelte Amazonasregion eine hohe Zahl. Die Auswirkungen auf das Ökosystem des Xingú und auf die regionale Sozialstruktur sind kaum zu bemessen. Zwar werden nach der aktuellen Planung keine indigenen Gebiete mehr überschwemmt, aber im Oberlauf des Flusses wird weniger Wasser fließen, wodurch unter anderem die Fischbestände schwinden und die Wälder vertrocknen würden.
Im Widerstand gegen das Projekt haben sich indigene Völker, lokale Basisgruppen und die katholische Kirche zum regionalen Bündnis „Xingú Vivo“ zusammengeschlossen. Der Bischof von Altamira, Dom Erwin Kräutler, wurde Ende 2010 für sein Engagement mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet – eine Anerkennung nicht zuletzt für seinen Mut. Denn nicht einmal durch Morddrohungen – einen früheren Anschlag hatte Kräutler schwer verletzt überlebt – ließ er sich vom Kampf gegen den Staudamm abhalten.
Wachstum über alles
Weder nationale und internationale Proteste noch die absehbaren Umweltschäden, weder die immensen Kosten noch die Konstruktionsrisiken können die brasilianische Regierung abschrecken. Als private Investoren zögerten, brachte die Regierung die staatlichen Energiebetriebe Eletrobrás, Eletronorte und CHESF (zusammen 49,8 Prozent) sowie Pensionsfonds von Staatsfirmen (mit insgesamt 27,5 Prozent) dazu, einzuspringen, um überhaupt ein handlungsfähiges Baukonsortium zustande zu bringen.2 20 Milliarden Reais (umgerechnet etwa 8 Milliarden Euro) soll das Wasserkraftwerk inzwischen offiziell kosten. Bis zu 80 Prozent der Bausumme werden über die staatliche Entwicklungsbank BNDES finanziert.
Die brasilianische Regierung ist mit ihrem Projekt nach über zwanzig Jahren Verhandlungen, Studien und Umformulierungen fast am Ziel. Es ist wahr – laut aktueller Planung wird eine wesentlich geringere Fläche (516 Qua-dratkilometer) als ursprünglich vorgesehen(3) überschwemmt, ein Kompromiss zwischen Umwelt und Entwicklung, heißt es vonseiten der Regierung. Die Umweltschützer kann das kaum beeindrucken. Sie weisen darauf hin, dass die von der Regierung wiederholt angegebene Kapazität von 11 000 Megawatt nur während eines Teils des Jahres erreicht werden kann. In der Trockenzeit, wenn die Flüsse wenig Wasser führen, sinkt die Leistung auf 4 000 Megawatt. Daher, so die Kritiker, ist zu befürchten, dass in Zukunft weitere Staudämme am Oberlauf des Xingú gebaut werden müssen, um die Auslastung der Kapazitäten von Belo Monte zu garantieren.
Maurício Tolmasquin, den Chef der staatlichen Energieagentur EPE, kann die Kritik von Umweltschützern nicht erschüttern: „Heute sind Wasserkraftwerke nicht nur Erzeuger von Megawatts, sondern auch Vektoren der nachhaltigen Entwicklung des Landes.“(4) Mit Belo Monte habe die Region das große Los gezogen.
Große Lose sollen aber noch andere Regionen ziehen. Weitere Staudämme sind in Planung. Das nächste Großprojekt hat bereits Namen und Adresse: São Luis do Tapajos soll ebenfalls mitten im Amazonasgebiet entstehen und 6 133 Megawatt produzieren. Insgesamt sollen in der Amazonasregion etwa 45 000 Megawatt durch Wasserkraftwerke erzeugt werden, das entspricht der Leistung von über dreißig Atomkraftwerken.
Wofür nur so viel Energie? Sicher nicht für die Menschen in dem dünn besiedelten Gebiet. „Wir brauchen Energie, um zu wachsen“ – das ist das Mantra der Regierung. Und dieses Wachstum soll auch in der Amazonasregion stattfinden. Sie hat nicht nur das Potenzial für Wasserkraft, sondern verfügt auch über unermessliche Bodenschätze.
Der neue Rohstoffboom auf dem Weltmarkt weckt auch in Amazonien große Erwartungen. Das Aluminiumerz Bauxit kommt hier reichlich vor. Schon jetzt ist die energieintensive Aluminiumindustrie der größte Stromverbraucher in der Region. Rohstoffabbau – neben Bauxit auch Eisenerz – ist die Basis eines neuen Entwicklungszyklus in Amazonien. Und die Industrialisierung der Region soll durch weitere Großinvestitionen wie den Bau eines Stahlwerks in Marabá vorangetrieben werden.
Dem Wachstum gilt seit ein paar Jahren die Priorität der brasilianischen Wirtschaftspolitik, auch in Amazonien. Dem müssen sich Umweltbelange unterordnen. Das musste auch die angesehene Umweltpolitikerin Marina Silva erfahren, die ab 2003 als Umweltministerin in der Regierung Lula saß – und im Juni 2008 schließlich frustriert zurücktrat.
Auf der internationalen Bühne präsentiert sich Brasilien dennoch weiterhin als ökologisches Musterland. Etwa 80 Prozent der elektrischen Energie stammen aus erneuerbaren Quellen (zirka 75 Prozent aus Wasserkraft, der Rest aus Biomasse).(5) Das entspricht ungefähr 45 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs und ist einsame Spitze unter den Industrienationen, der Weltdurchschnitt liegt bei 13 Prozent. Es ist der hohe Anteil von Wasserkraft und der verstärkte Einsatz von Ethanol (auf Zuckerrohrbasis) als Treibstoff, der Brasilien diese Ergebnisse beschert.
Insbesondere mit Blick auf die CO(2)-Emissionen aus der Energieerzeugung steht Brasilien also tatsächlich sehr gut da. Das Land sieht sich daher schon längst dort, wo viele hinwollen: in einer CO(2)-armen „Green Economy“.
So manövriert es sich in eine paradoxe Situation: Die Zukunft der Wasserkraft liegt in Amazonien, in den anderen Landesteilen ist das Potenzial der Flüsse weitgehend ausgeschöpft. Und dort gerät der Ausbau erneuerbarer Energien zunehmend in ein sozioökologisches Konfliktfeld: Großstaudämme in Amazonien sind ein sehr hoher ökologischer Preis für erneuerbare Energien. Auch der Ausbau der Agrartreibstoffe stößt auf Kritik.(6) Ökosysteme und landwirtschaftliche Nutzflächen für den Anbau von Zuckerrohrmonokulturen zu opfern, ist angesichts weltweit knapper werdender Ackerflächen eine zumindest problematische Option.
Aber nicht nur Staudämme finden sich auf der Liste der angekündigten Großinvestitionen. Im wasserarmen Nordosten Brasiliens sollen drei neue Atomkraftwerke entstehen. Zudem will das Land in Kooperation mit Frankreich sechs atomgetriebene U-Boote bauen, Stückpreis etwa 550 Millionen Euro. Die Verteidigung der Ölvorräte in der Tief-see(7) und die neue internationale Rolle Brasiliens machen dies erforderlich, wie Marinekommandeur Admiral Júlio Moura Neto verkündete: „Diese Faktoren unterstreichen die Notwendigkeit einer Abschreckungsstrategie.“(8) Gleichzeitig entwickelt Brasilien die Technologie der Urananreicherung weiter und will in absehbarer Zeit zum Exporteur von angereichertem Uran werden.
Derartige Großinvestitionen stehen natürlich in einem geopolitischen Kontext: Zur Grundausstattung einer aufstrebenden Weltmacht gehört anscheinend die Beherrschung des atomaren Kreislaufs. Und obwohl Wasserkraftwerke keine geopolitische Dimension besitzen, haben ein Großstaudamm und ein Atomkraftwerk eines gemeinsam: Beide gehören weltweit zu den teuersten Investitionen überhaupt und gelten als schwer finanzierbar. Deshalb hängen beide in der Regel von staatlichen Hilfen und Finanzierungsgarantien ab. Daran fehlt es in Brasilien nicht. Die staatliche Entwicklungsbank BNDES hat sich längst zu einem Global Player entwickelt. 2010 hat sie Finanzierungen in Höhe von 168 Milliarden Reais (etwa 73 Milliarden Euro) bewilligt, eine Steigerung um 23 Prozent gegenüber 2009. Damit ist die BNDES nach eigenen Angaben die größte Entwicklungsbank der Welt.(9)
Der Aufstieg der BNDES ist untrennbar mit der Regierungszeit Lula da Silvas verbunden. Eine aktive, entwicklungsorientierte Rolle das Staats ist das Markenzeichen des „Systems Lula“. Zusammen mit einer Sozialpolitik, die die Lebenssituation der ärmsten Bevölkerungsgruppen spürbar verbesserte, bildet sie die Basis des Erfolgs seiner Regierung. Großprojekte sind also ein zentraler Bestandteil des Systems, sie sind Ausdruck einer Logik, die durchaus in linker Tradition steht. Lenins Definition „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung“ könnte heute für Brasilien heißen: „Entwicklung ist Umverteilung plus Großprojekte.“
Der Erfolg scheint Lula recht zu geben. Die Wirtschaft ist rasant gewachsen und wächst weiter, die Finanzkrise wurde schnell überwunden, die Programme zur Bekämpfung der Armut und ein stetiger Anstieg des Mindestlohns haben Brasilien sozial annähernd befriedet. Die Gewerkschaften sind Teil des „Systems Lula“ geworden. Brasilien ist heute ein Land fast ohne Streiks und soziale Proteste. Deshalb prallt die Kritik der Umweltschützer auch von der Regierung ab. „Wir haben doch mit unserer Umweltpolitik zwei Wahlen gewonnen, warum sollen wir etwas daran ändern“, erklärte Lula 2008.
Dennoch – ökologische Konflikte haben in Brasilien inzwischen größte Sprengkraft. Deutliches Anzeichen dafür sind die fast 20 Prozent Stimmen, die Exumweltministerin Marina Silva als Kandidatin der schwachen Grünen Partei bei den Präsidentschaftswahlen 2010 erreichte. Die Frage der Großprojekte und des Entwicklungsmodells für Amazonien ist damit nicht mehr allein das Anliegen von Umweltschützern und indigenen Völkern. Sie ist ins Zentrum der nationalen Debatten gerückt.
Fußnoten:
(1) www.brasil.gov.br/para/press/conferences/february-1/transcript-conference-call-with-mauricio-tolmasquim-on-belo-monte-dam-project/br_model1?set_language=en.
(2) Die Zusammensetzung des Betreiberkonsortiums SPE Belo Monte ändert sich ständig, ein Überblick findet sich hier: www.eln.gov.br/opencms/opencms/modulos/noticia/noticia_0490.html?uri. Im Februar 2011 ist die Gruppe Gaia, die der Schlachthauskette Bertin gehört, ausgeschieden.
(3 )Offizielle Zahlen: www.epe.gov.br/leiloes/Paginas/Leilão UHE Belo Monte/EPEdisponibilizaFatoseDadosePerguntasFrequentessobreBeloMonte.aspx.
(4) Agência Brasil, www.brasil.gov.br/noticias/arquivos/2011/02/08/tolmasquim-rebate-criticas-a-construcao-de-belo-monte-e-funai-divulga-nota-de-esclarecimento/newsitem_view?set_language=pt-br.
(5 )Angaben nach Energiebericht 2010 der EPE. Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2009; vgl. www.epe.gov.brasil, ein guter Überblick in deutscher Sprache: https://www.gtai.de/fdb-SE,MKT201001228012,Google.html.
(6) Siehe auch: Philippe Revelli, „Erneuerbar, aber schmutzig: Ethanol aus Brasilien“, und Regina Câmara und Nicole Walter, „Zucker in den Tank“, "Le Monde diplomatique, April 2009.
(7) www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,715634,00.html.
(8) www.estadao.com.br/noticias/nacional,brasil-planeja-frota-com-seis-submarinos-nucleares,643206,0.htm.
(9 )www.bndes.gov.br/SiteBNDES/bndes/bndes_pt/Institucional/Sala_de_Imprensa/Noticias/2011/financas/2011012.
Thomas Fatheuer ist Autor und Berater in Berlin. Von 2003 bis 2010 leitete er das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Brasilien. Vorher arbeitete er in Projekten zum Waldschutz im Amazonasgebiet.
Das brasilianische Modell
Entwicklung ist Umverteilung plus Großprojekte
von Thomas Fatheuer
Brasilien scheint endlich da angelangt zu sein, wo es seit langem sein wollte: im Kreis der Großmächte. Die neue weltpolitische Rolle der Schwellenländer, der emerging economies, Brics oder wie immer die Kategorisierungsversuche lauten mögen, ist in aller Munde. Natürlich stehen Indien und China in der ersten Reihe, aber gleich danach drängt Brasilien in den Vordergrund.
Die Bilanz der acht Jahre Präsidentschaft von Inácio Lula da Silva, dem ehemaligen Gewerkschaftsführer, in denen Brasilien den entscheidenden Sprung nach vorn machte: Stetiges Wirtschaftswachstum, ein schnelles Überwinden der Finanzkrise und aktive Sozialpolitik brachten dem Land nicht nur internationale Anerkennung, sondern dem Präsidenten auch im achten Jahr seiner Amtszeit Zustimmungswerte von über 80 Prozent. So wurde es möglich, dass der charismatische Lula die eher technokratische Dilma Rousseff als Nachfolgerin inthronisieren konnte.
Aber Brasilien sorgt nicht nur für positive Schlagzeilen. Vor allem Umweltprobleme werden – neben der Gewalt in den Städten – auch international als Schattenseiten der neuen Weltmacht wahrgenommen. Und viele der Umweltsünden sind das Ergebnis der bedingungslosen Hingabe der Regierung an das Wirtschaftswachstum. Zum Markenzeichen der Regierung da Silva und seiner Nachfolgerin Rousseff wurde in den letzten Jahren das „Programm zu Beschleunigung des Wachstums“ (PAC), das auf den massiven Ausbau der Infrastruktur und auf Investitionen in Großprojekte setzt.
Ein geradezu paradigmatisches Großvorhaben ist der Bau eines riesigen Wasserkraftwerks im Bundesstaat Pará im Norden Brasiliens, mitten im Amazonasgebiet: Es soll am Rio Xingú, einem Zufluss des Amazonas, entstehen und das drittgrößte der Welt werden. Belo Monte ist ein klangvoller Name für ein so umstrittenes Bauwerk. Schon 1988 sollte am Rio Xingú ein Wasserkraftwerk entstehen, aber internationaler Protest – Höhepunkt war damals ein Konzert von Sting in der nahe gelegenen Stadt Altamira – hat das Vorhaben lange verhindert.
Vor zwanzig Jahren war es leichter, Proteste auf die Beine zu stellen: Damals hing das Vorhaben noch von internationaler Zustimmung ab, von der Weltbank und Krediten aus dem Ausland. Heute braucht die Großmacht Brasilien keine ausländische Hilfe mehr und will den Bau trotz heftiger Proteste aus dem In- und Ausland (von Hollywoodstars wie Sigourney Weaver inklusive) und trotz scharfer Kritik und juristischer Hürden möglichst schnell durchziehen.
Mitte Januar 2011 trat der Chef der brasilianischen Umweltbehörde (Ibama), Abelardo Bayma, zurück, offensichtlich weil er den politischen Druck, endlich die letzte notwendige Genehmigung für den Baubeginn zu erteilen, nicht mehr aushielt. Prompt kam Anfang Februar die Genehmigung. Zwar wurde sie wegen nicht erfüllter Umweltauflagen durch ein Gerichtsurteil aufgehoben, doch die nächste Instanz kassierte diese Entscheidung umgehend wieder ein. Der Bau kann also beginnen.
Das Megaprojekt am Rio Xingú beeindruckt durch gewaltige Zahlen: Für die insgesamt drei Staudämme soll mehr Erde bewegt werden als beim Bau des Panamakanals, und mindestens 20 000 Menschen sollen bei dem Bau beschäftigt und etwa ebenso viele umgesiedelt werden.(1) Das ist für die dünn besiedelte Amazonasregion eine hohe Zahl. Die Auswirkungen auf das Ökosystem des Xingú und auf die regionale Sozialstruktur sind kaum zu bemessen. Zwar werden nach der aktuellen Planung keine indigenen Gebiete mehr überschwemmt, aber im Oberlauf des Flusses wird weniger Wasser fließen, wodurch unter anderem die Fischbestände schwinden und die Wälder vertrocknen würden.
Im Widerstand gegen das Projekt haben sich indigene Völker, lokale Basisgruppen und die katholische Kirche zum regionalen Bündnis „Xingú Vivo“ zusammengeschlossen. Der Bischof von Altamira, Dom Erwin Kräutler, wurde Ende 2010 für sein Engagement mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet – eine Anerkennung nicht zuletzt für seinen Mut. Denn nicht einmal durch Morddrohungen – einen früheren Anschlag hatte Kräutler schwer verletzt überlebt – ließ er sich vom Kampf gegen den Staudamm abhalten.
Wachstum über alles
Weder nationale und internationale Proteste noch die absehbaren Umweltschäden, weder die immensen Kosten noch die Konstruktionsrisiken können die brasilianische Regierung abschrecken. Als private Investoren zögerten, brachte die Regierung die staatlichen Energiebetriebe Eletrobrás, Eletronorte und CHESF (zusammen 49,8 Prozent) sowie Pensionsfonds von Staatsfirmen (mit insgesamt 27,5 Prozent) dazu, einzuspringen, um überhaupt ein handlungsfähiges Baukonsortium zustande zu bringen.2 20 Milliarden Reais (umgerechnet etwa 8 Milliarden Euro) soll das Wasserkraftwerk inzwischen offiziell kosten. Bis zu 80 Prozent der Bausumme werden über die staatliche Entwicklungsbank BNDES finanziert.
Die brasilianische Regierung ist mit ihrem Projekt nach über zwanzig Jahren Verhandlungen, Studien und Umformulierungen fast am Ziel. Es ist wahr – laut aktueller Planung wird eine wesentlich geringere Fläche (516 Qua-dratkilometer) als ursprünglich vorgesehen(3) überschwemmt, ein Kompromiss zwischen Umwelt und Entwicklung, heißt es vonseiten der Regierung. Die Umweltschützer kann das kaum beeindrucken. Sie weisen darauf hin, dass die von der Regierung wiederholt angegebene Kapazität von 11 000 Megawatt nur während eines Teils des Jahres erreicht werden kann. In der Trockenzeit, wenn die Flüsse wenig Wasser führen, sinkt die Leistung auf 4 000 Megawatt. Daher, so die Kritiker, ist zu befürchten, dass in Zukunft weitere Staudämme am Oberlauf des Xingú gebaut werden müssen, um die Auslastung der Kapazitäten von Belo Monte zu garantieren.
Maurício Tolmasquin, den Chef der staatlichen Energieagentur EPE, kann die Kritik von Umweltschützern nicht erschüttern: „Heute sind Wasserkraftwerke nicht nur Erzeuger von Megawatts, sondern auch Vektoren der nachhaltigen Entwicklung des Landes.“(4) Mit Belo Monte habe die Region das große Los gezogen.
Große Lose sollen aber noch andere Regionen ziehen. Weitere Staudämme sind in Planung. Das nächste Großprojekt hat bereits Namen und Adresse: São Luis do Tapajos soll ebenfalls mitten im Amazonasgebiet entstehen und 6 133 Megawatt produzieren. Insgesamt sollen in der Amazonasregion etwa 45 000 Megawatt durch Wasserkraftwerke erzeugt werden, das entspricht der Leistung von über dreißig Atomkraftwerken.
Wofür nur so viel Energie? Sicher nicht für die Menschen in dem dünn besiedelten Gebiet. „Wir brauchen Energie, um zu wachsen“ – das ist das Mantra der Regierung. Und dieses Wachstum soll auch in der Amazonasregion stattfinden. Sie hat nicht nur das Potenzial für Wasserkraft, sondern verfügt auch über unermessliche Bodenschätze.
Der neue Rohstoffboom auf dem Weltmarkt weckt auch in Amazonien große Erwartungen. Das Aluminiumerz Bauxit kommt hier reichlich vor. Schon jetzt ist die energieintensive Aluminiumindustrie der größte Stromverbraucher in der Region. Rohstoffabbau – neben Bauxit auch Eisenerz – ist die Basis eines neuen Entwicklungszyklus in Amazonien. Und die Industrialisierung der Region soll durch weitere Großinvestitionen wie den Bau eines Stahlwerks in Marabá vorangetrieben werden.
Dem Wachstum gilt seit ein paar Jahren die Priorität der brasilianischen Wirtschaftspolitik, auch in Amazonien. Dem müssen sich Umweltbelange unterordnen. Das musste auch die angesehene Umweltpolitikerin Marina Silva erfahren, die ab 2003 als Umweltministerin in der Regierung Lula saß – und im Juni 2008 schließlich frustriert zurücktrat.
Auf der internationalen Bühne präsentiert sich Brasilien dennoch weiterhin als ökologisches Musterland. Etwa 80 Prozent der elektrischen Energie stammen aus erneuerbaren Quellen (zirka 75 Prozent aus Wasserkraft, der Rest aus Biomasse).(5) Das entspricht ungefähr 45 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs und ist einsame Spitze unter den Industrienationen, der Weltdurchschnitt liegt bei 13 Prozent. Es ist der hohe Anteil von Wasserkraft und der verstärkte Einsatz von Ethanol (auf Zuckerrohrbasis) als Treibstoff, der Brasilien diese Ergebnisse beschert.
Insbesondere mit Blick auf die CO(2)-Emissionen aus der Energieerzeugung steht Brasilien also tatsächlich sehr gut da. Das Land sieht sich daher schon längst dort, wo viele hinwollen: in einer CO(2)-armen „Green Economy“.
So manövriert es sich in eine paradoxe Situation: Die Zukunft der Wasserkraft liegt in Amazonien, in den anderen Landesteilen ist das Potenzial der Flüsse weitgehend ausgeschöpft. Und dort gerät der Ausbau erneuerbarer Energien zunehmend in ein sozioökologisches Konfliktfeld: Großstaudämme in Amazonien sind ein sehr hoher ökologischer Preis für erneuerbare Energien. Auch der Ausbau der Agrartreibstoffe stößt auf Kritik.(6) Ökosysteme und landwirtschaftliche Nutzflächen für den Anbau von Zuckerrohrmonokulturen zu opfern, ist angesichts weltweit knapper werdender Ackerflächen eine zumindest problematische Option.
Aber nicht nur Staudämme finden sich auf der Liste der angekündigten Großinvestitionen. Im wasserarmen Nordosten Brasiliens sollen drei neue Atomkraftwerke entstehen. Zudem will das Land in Kooperation mit Frankreich sechs atomgetriebene U-Boote bauen, Stückpreis etwa 550 Millionen Euro. Die Verteidigung der Ölvorräte in der Tief-see(7) und die neue internationale Rolle Brasiliens machen dies erforderlich, wie Marinekommandeur Admiral Júlio Moura Neto verkündete: „Diese Faktoren unterstreichen die Notwendigkeit einer Abschreckungsstrategie.“(8) Gleichzeitig entwickelt Brasilien die Technologie der Urananreicherung weiter und will in absehbarer Zeit zum Exporteur von angereichertem Uran werden.
Derartige Großinvestitionen stehen natürlich in einem geopolitischen Kontext: Zur Grundausstattung einer aufstrebenden Weltmacht gehört anscheinend die Beherrschung des atomaren Kreislaufs. Und obwohl Wasserkraftwerke keine geopolitische Dimension besitzen, haben ein Großstaudamm und ein Atomkraftwerk eines gemeinsam: Beide gehören weltweit zu den teuersten Investitionen überhaupt und gelten als schwer finanzierbar. Deshalb hängen beide in der Regel von staatlichen Hilfen und Finanzierungsgarantien ab. Daran fehlt es in Brasilien nicht. Die staatliche Entwicklungsbank BNDES hat sich längst zu einem Global Player entwickelt. 2010 hat sie Finanzierungen in Höhe von 168 Milliarden Reais (etwa 73 Milliarden Euro) bewilligt, eine Steigerung um 23 Prozent gegenüber 2009. Damit ist die BNDES nach eigenen Angaben die größte Entwicklungsbank der Welt.(9)
Der Aufstieg der BNDES ist untrennbar mit der Regierungszeit Lula da Silvas verbunden. Eine aktive, entwicklungsorientierte Rolle das Staats ist das Markenzeichen des „Systems Lula“. Zusammen mit einer Sozialpolitik, die die Lebenssituation der ärmsten Bevölkerungsgruppen spürbar verbesserte, bildet sie die Basis des Erfolgs seiner Regierung. Großprojekte sind also ein zentraler Bestandteil des Systems, sie sind Ausdruck einer Logik, die durchaus in linker Tradition steht. Lenins Definition „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung“ könnte heute für Brasilien heißen: „Entwicklung ist Umverteilung plus Großprojekte.“
Der Erfolg scheint Lula recht zu geben. Die Wirtschaft ist rasant gewachsen und wächst weiter, die Finanzkrise wurde schnell überwunden, die Programme zur Bekämpfung der Armut und ein stetiger Anstieg des Mindestlohns haben Brasilien sozial annähernd befriedet. Die Gewerkschaften sind Teil des „Systems Lula“ geworden. Brasilien ist heute ein Land fast ohne Streiks und soziale Proteste. Deshalb prallt die Kritik der Umweltschützer auch von der Regierung ab. „Wir haben doch mit unserer Umweltpolitik zwei Wahlen gewonnen, warum sollen wir etwas daran ändern“, erklärte Lula 2008.
Dennoch – ökologische Konflikte haben in Brasilien inzwischen größte Sprengkraft. Deutliches Anzeichen dafür sind die fast 20 Prozent Stimmen, die Exumweltministerin Marina Silva als Kandidatin der schwachen Grünen Partei bei den Präsidentschaftswahlen 2010 erreichte. Die Frage der Großprojekte und des Entwicklungsmodells für Amazonien ist damit nicht mehr allein das Anliegen von Umweltschützern und indigenen Völkern. Sie ist ins Zentrum der nationalen Debatten gerückt.
Fußnoten:
(1) www.brasil.gov.br/para/press/conferences/february-1/transcript-conference-call-with-mauricio-tolmasquim-on-belo-monte-dam-project/br_model1?set_language=en.
(2) Die Zusammensetzung des Betreiberkonsortiums SPE Belo Monte ändert sich ständig, ein Überblick findet sich hier: www.eln.gov.br/opencms/opencms/modulos/noticia/noticia_0490.html?uri. Im Februar 2011 ist die Gruppe Gaia, die der Schlachthauskette Bertin gehört, ausgeschieden.
(3 )Offizielle Zahlen: www.epe.gov.br/leiloes/Paginas/Leilão UHE Belo Monte/EPEdisponibilizaFatoseDadosePerguntasFrequentessobreBeloMonte.aspx.
(4) Agência Brasil, www.brasil.gov.br/noticias/arquivos/2011/02/08/tolmasquim-rebate-criticas-a-construcao-de-belo-monte-e-funai-divulga-nota-de-esclarecimento/newsitem_view?set_language=pt-br.
(5 )Angaben nach Energiebericht 2010 der EPE. Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2009; vgl. www.epe.gov.brasil, ein guter Überblick in deutscher Sprache: https://www.gtai.de/fdb-SE,MKT201001228012,Google.html.
(6) Siehe auch: Philippe Revelli, „Erneuerbar, aber schmutzig: Ethanol aus Brasilien“, und Regina Câmara und Nicole Walter, „Zucker in den Tank“, "Le Monde diplomatique, April 2009.
(7) www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,715634,00.html.
(8) www.estadao.com.br/noticias/nacional,brasil-planeja-frota-com-seis-submarinos-nucleares,643206,0.htm.
(9 )www.bndes.gov.br/SiteBNDES/bndes/bndes_pt/Institucional/Sala_de_Imprensa/Noticias/2011/financas/2011012.
Thomas Fatheuer ist Autor und Berater in Berlin. Von 2003 bis 2010 leitete er das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Brasilien. Vorher arbeitete er in Projekten zum Waldschutz im Amazonasgebiet.
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